10 Tipps für multimediales Arbeiten

by Steffen Leidel on 31. August 2009

“Online ist ja doch nicht nur der Abklatsch von dem, was in der Zeitung steht oder was im Fernsehen gesendet wird”. Ein aufschlussreiches Fazit einer Teilnehmerin nach dem Multimedia-Kurs bei der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Aufschlussreich, weil es zeigt, dass selbst bei vielen jungen Leuten, die dem Internet in der Regel offen gegenüber stehen, Onlinejournalismus immer noch das Image des Secondhand-Journalismus anhaftet. Und das nicht zu Unrecht: Onlinejournalismus beschränkt sich in vielen Medienhäusern nach wie vor darauf, Printtexte in ein CMS einzugeben und ab und zu eine Bildergalerie zu erstellen. So haben es die Nachwuchsjournalisten in vielen ihrer Praktika erfahren müssen. Und Multimedia wird häufig damit gleich gesetzt, dass fertige Radio- oder TV-Beiträge Eins zu Eins online gestellt werden. Insofern wundert es mich nicht, dass viele Kollegen – ob von der Zeitung, vom Radio oder TV – , die im Rahmen der Neuausrichtung der Medien jetzt auch “Online” machen sollen, schlicht keine Lust darauf haben.

Das Special unaufhaltsam - Wie Mobilitaet uns veraendert


Aber Onlinejournalismus ist viel mehr als ein CMS zu bedienen.
Er ist eben nicht der “Abklatsch” von Print, Radio und TV. Entscheidend ist, dass das Internet als eigenes Medium mit eigenen Gestaltungsmöglichkeiten begriffen wird. Das haben wir uns bei der Umsetzung des Multimedia-Specials “Unaufhaltsam – Wie Mobilität uns verändert” als oberstes Gebot gesetzt.

Die Teilnehmer des Kurses in Berlin, bei dem ich als externer Trainer eingeladen war, lernten, dass multimediales Arbeiten ein originärer Prozess ist. Es geht nicht um Technik, es geht nicht um Zweitverwertung, es geht schlicht und ergreifend um Journalismus. Es geht darum, Geschichten zu erzählen in einem Medium, das das Zeug hat, Journalisten in einen kreativen Rausch zu versetzen, wenn sie erst einmal ihre Vorbehalte gegenüber dem Medium abgeschüttelt haben. Das ist die Erfahrung, die ich in diesem und anderen multimedialen Projekten gemacht habe.

Hier einige Empfehlungen für die Umsetzung eines Multimedia-Specials

  1. Arbeite im Team
    Das ist die Grundvoraussetzung für erfolgreiches multimediales Arbeiten. Alle Beteiligten – ob Redaktion, Technik und Design – müssen eng(stens) zusammenarbeiten. Am Ende sollen die Einzelteile schließlich ein großes Ganzes und nicht ein ganz großes Durcheinander bilden. Jeder Autor braucht klare Vorgaben für das, was er zuliefern soll. Er sollte wissen, wo sein Platz in dem Großen Ganzen sein wird. Multimedial arbeiten heißt Teamarbeit in jeder Phase des Projektes.
  2. Konzept, Konzept, Konzept
    Häufig sind Multimedia-Specials eine Zweitverwertung von Inhalt, der schon für Print, Radio oder TV erstellt worden ist. Und das ist das Problem. Nehmen wir eine 10-seitige Reportage aus einem Magazin: Werde ich sie wirklich mit dem gleichen Vergnügen am Bildschirm lesen? Oder ein hochwertiges 20-minütiges Radio-Feature: Werde ich mir das wirklich vor dem Bildschirm sitzend anhören? Wohl nicht. Im ersten Fall werde ich mir den Text besser ausdrucken und im zweiten Fall das Audio auf meinem MP3-Player hören. Dafür muss ich kein teures Special planen. Wer ein multimediales Special umsetzen will, plant und konzipiert die Inhalte von Anfang an für Online. Video im Internet ist eben nicht gleich TV-Beiträge online stellen und Online-Texte sind nicht automatisch gleich online-gestellte Zeitungstexte.
  3. Baue Dir ein Storyboard
    Ein Storyboard ist für ein Multimedia-Special unerlässlich. Das heißt, man visualisiert (am besten auf Papier) wie das Special am Ende aussehen soll. Wo steht was? Wie sieht die Navigation aus? Wo ist der rote Faden, der die Struktur vorgibt? Wie passt alles visuell zueinander? Ein erster Schritt dahin ist zunächst ein Brainstorming, das sich erst einmal nur auf die inhaltlichen Aspekte konzentriert, die das Special enthalten soll. Danach folgt das “Contentsplitting”, das heißt, es wird gefragt, welcher Inhalt soll in welcher Form auf die Seite und wie fügt er sich ein in das Gesamtbild des Specials.
  4. Story matters
    Text, Bild, Ton, Grafik, Video: Die Möglichkeiten, im Internet eine Geschichte zu erzählen, sind unbegrenzt. Besonders in Mode sind inzwischen interaktive Flash-Module, die aber leider häufig so über die Maßen kreativ gestaltet sind, dass dem Nutzer schwindelig wird. Die Versuchung ist groß, die Form zum Selbstzweck zu erheben. Da wird dann gerne mit animierten Grafiken nur so geprotzt, ein wahres Flashfeuerwerk entzündet und vor allem muss da dann auch noch irgendwie Video mit rein.  Doch stopp: Zunächst einmal geht es darum, zu fragen: Was ist die Story? Dann wird die geeignete Darstellungsform ausgewählt. Also nicht Hauptsache Video oder Hauptsache Flash, sondern Hauptsache Story!
  5. Denke nicht linear, sondern mehrdimensional
    Das besondere am Internet ist, dass Geschichten nicht mehr allein linear erzählt werden müssen. Das Prinzip der Verlinkung und des Embeddens ermöglichen mehrdimensionales Storytelling. Information wird netzartig miteinander verwoben. Deshalb teilen Sie das, was sie erzählen wollen, in kleinere inhaltliche Einheiten und fügen diese dann mit Hilfe der Verlinkung zu einem großen Ganzen zusammen. Kombinieren Sie Text mit Audio- und Videoelementen, mit Fotos und Grafiken. Produzieren Sie jedoch keine Redundanzen. Die einzelnen Elemente sollen sich inhaltlich ergänzen und nicht doppeln.
  6. Weniger ist mehr
    Internet – das Medium der unbegrenzten Möglichkeiten. Keine Platzprobleme, keine einengenden Sendezeiten. Die Speicherkapazität des Servers ist praktisch unerschöpflich. Da kann man sich als Journalist ja endlich mal ausbreiten. Das ist zwar gut, um die Eitelkeit des Journalisten zu bedienen, aber schlecht für den User, der sich in der Informationsflut nach Inseln sehnt, die Orientierung bieten.  Man muss ja nicht immer gleich alles auffahren, was man hat. Geben Sie dem Nutzer ihre Zuckerstückchen lieber in kleinen Dosen, statt ihn zu übersättigen.
  7. Arbeite mit Profis
    Qualitäts-Onlinejournalismus braucht Professionalisierung. Es ist schön, wenn Journalisten auch fotografieren, Videos drehen können und wissen, wie Flash geht. Dennoch, wer hochwertige Produkte anstrebt, sollte anerkennen, dass die multimediale eierlegende Wollmilchsau ein Mythos ist. Der Journalist sollte sich vor allem auf die Story konzentrieren und Ideen für die Umsetzung präsentieren. Flash-Module oder Grafiken sollten dann von Leuten umgesetzt werden, die ihr Handwerk verstehen. In einem Blog können wacklige Video-Einstellungen, unscharfe Fotos oder kratzende Tonaufnahmen manchmal ganz charmant und unterhaltsam sein, aber nicht unbedingt in einem Multimedia-Special.
  8. Lass den User teilhaben
    Viele Multimedia-Specials sind wahre Kunstwerke. Doch sie vergessen häufig, dass das Internet ein Medium ist, das von der Interaktivität lebt. Fragen Sie sich also immer auch: Wie kann ich den Nutzer in dem Special einbinden? Gibt es interaktive Elemente, über die er Information spielerisch erfahren kann? Kann er seine Meinung äußern? Hat er Möglichkeiten das Special ohne großen Aufwand weiterzuempfehlen?
  9. Mache ein erstes Konzept und mache es dann noch einmal
    Entwickeln Sie ein Erstkonzept zu einem Special und werfen Sie es dann am besten in den Papierkorb. Der erste Entwurf dient häufig erst einmal nur dazu, dass man seinen Gedanken eine Ordnung verleiht. Er sollte noch nicht als endgültige Version angesehen werden. Häufig ist das Erstkonzept zu überfrachtet und in der Regel noch voll mit traditionellen Erzählformen, die sicher nicht unkreativ sind, aber eben vielleicht doch eher in die Zeitung, ins Radio oder Fernsehen passen als ins Internet. Also: Jedes inhaltliche Element noch mal einmal auf seine Onlinetauglichkeit checken. Welche Darstellungsform eignet sich am besten, um die Geschichte zu erzählen? Reicht ein Text? Oder erzählt man etwas über Bilder? Kombiniert man Bild, Text und Ton?

  10. Verliere keine Zeit und tue es jetzt
    Multimedial arbeiten, das ist keine Zukunftsmusik, es ist die Gegenwart. Nur wer sich jetzt dem Thema stellt, macht wichtige Erfahrungen für die Zukunft und bleibt damit wettbewerbsfähig.

Welche Erfahrungen haben Sie in multimedialen Projekten gemacht? Teilen Sie sie uns mit!

Linktipps

Interessante Multimedia-Specials sammele ich in meinem delicious-Bookmarks

Interactive Narratives Beispiele von Multimedia-Specials (Seite wurde eingerichtet von Andrew DeVigal, Multimedia Editor bei der New York Times)

10000words Blog: Essential multimedia tutorials and resources for do-it-yourself training

Multimedia toolkit: 55 sites you should know about

Multimedia Standards: Insights from top industry leaders on the state of multimedia journalism

Adam Westbrook: 6×6 series Skillset for the multimedia journalist of the future


Noch mehr aus unserem lab zum Thema

Multimedia ≠ Multimedia Storytelling

Lernen von Brian Storm

Interview mit Andres DeVigal, Multimedia-Editor der New York Times

Wie man im Handumdrehen ein multimedialer Blogger wird

FLYP-Chef Alan Stoga – “Was zählt ist Ideenreichtum”


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Anne Pöttgen September 1, 2009 um 14:19

Wo ist der Ideenreichtum geblieben? Auch keine Fehlermeldung
tschüss
AnneP

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