Bürgerjournalismus mit Gütesiegel

by Steffen Leidel on 11. August 2009

Neulich musste ich mir eingestehen, dass mein neuer Hausarzt wohl der bessere Journalist ist – wenn es um Eisenbahn-Themen geht. Nach einer Untersuchung fragte er mich: “Was machen sie noch mal beruflich.” Antwort: “Journalist.” Nächste Frage: “Wissen Sie eigentlich, was der TEE war?” “Keine Ahnung.” Es folgte eine druckreife Erklärung in 1.30 Minuten. TEE stehe für den Trans Europ Express, ein ambitioniertes Bahnprojekt, das Ende der 1980er Jahre eingestellt wurde. Die luxuriösen Schnellzüge des TEE – die nur aus Wagons der Ersten Klasse bestanden – verkehrten zwischen den Staaten der ehemaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und der Schweiz.

Unsere kleine Plauderei  machte mir klar. Mein Arzt ist ein echter Experte für Bahnthemen. Hätte er in ein Mikrofon gesprochen, wäre das ein perfekter Aufsager gewesen, den man getrost live über den Sender hätte jagen können. Von Journalisten hält der Doktor nicht viel, sie seien schludrig und wüssten oft nicht wovon sie reden. Die Artikel, die er zu Themen der Eisenbahn lese (und es sind wohl alle), strotzten häufig nur von Fehlern. Außerdem sei nun einmal die Medizin sein Beruf. Aber würde es ihn nicht reizen, ab und zu mal einen Artikel für ein Magazin oder eine Zeitung zu schreiben, fragte ich ihn. Na ja, gut, warum eigentlich nicht, so als Hobby eben. Nur gefragt habe ihn noch keiner, antwortete er.

Freizeit-Fachjournalisten

Wäre ich der Chef eines Eisenbahnmagazins, ich würde ihn fragen, ob er nicht mal was für mich schreiben möchte. Mein Arzt wäre der perfekte Bürgerjournalist. Er weiß verdammt viel über ein Thema und er kann – im Gegensatz zu vielen Experten – unterhaltsam darüber reden. Er beschäftigt sich mit Bahnthemen aus Spaß, in seiner Freizeit und nicht, um seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen.

Solche potentiellen Freizeit-Fachjournalisten gibt es zu Tausenden, man muss sie nur finden. Und sicher nicht nur zu Bahnthemen. Diese Art von Bürgerjournalismus kann ein journalistisches Angebot bereichern, vor allem dann, wenn es um Nischenthemen geht.

Es gibt Qualitäts-Bürgerjournalismus, in den es lohnt zu investieren. Bürgerjournalismus kann viel mehr sein, als reine Schnappschuss-Berichterstattung. Eine Person, die zufällig einen Flugzeugabsturz, Wirbelsturm oder Autounfall mitansieht und davon Videos bei Youtube, Fotos bei Flickr hochlädt und das dann twittert, ist streng genommen ja noch kein Bürgerjournalist, sondern ein Augenzeuge, der Social Media nutzt, um das Gesehene zu verbreiten. Das ist erst einmal nur Verlautbarung und noch kein Journalismus.

Dieser Augenzeuge kann freilich zu einem Bürgerjournalisten werden, wenn er anfängt wie ein Journalist zu agieren, nämlich indem er selbst nicht mehr seine einzige Quelle ist, sondern Information zusammenträgt, auswählt und gewichtet. So geschehen im Iran, als der Live Blogger NiteOwl in seinem täglichen “Green Brief” auf der Seite Anonymous Iran versuchte (und nach wie vor versucht), die Nachrichtenlage auf Twitter zusamenzufassen und deren Glaubwürdigkeit zu bewerten.

Bürgerjournalismus mit Qualitätsanspruch

The Observers

Viele Medien setzen auf einen Bürgerjournalismus mit Qualitätsanspruch: die Huffingtonpost ließ in der Off-the-Bus Kampagne den US-Wahlkampf von Bürgerreporter beobachten, der französische TV-Sender France24 trägt auf der Seite “The Observeurs” Berichte seiner Nutzer aus allen Teilen der Welt zusammen, die Organisation für investigativen Journalismus Pro Publica lässt über ihr Reporting Network Bürger Aktenberge zu Fragen des Konjunkturpaketes auswerten und User des Guardian durchforsteten Spesenabrechnungen der britischen Parlamentarier, die die Zeitung ins Netz gestellt hatte.

In einem Interview mit dem Medium Magazin hat sich der Handelsblatt-Chefredakteur, Bernd Ziesemer, kürzlich skeptisch zum Wert von User Generated Content geäußert. “Nicht funktionieren wird es im Wirtschafts- und Finanzbereich. Da gilt die alte Mafia-Regel: Diejenigen, die wissen, reden nicht. Und diejenigen, die reden, wissen nichts. Verlässliche Berichte über Finanzen erfordern Fachwissen und harte Recherche, das kann Otto Normalbürger nicht leisten.”

Das stimmt nur bedingt: Medien sollten bei ihren bürgerjournalistischen Projekt eben nicht (nur) auf Otto-Normalbürger setzen. Die Personen, die im Iran teils unter Lebensgefahr Informationen zusammen getragen haben, für Pro Publica oder den Guardian dröge Dokumente auswerten, für die Huffingtonpost schreiben, oder – wie mein Arzt – alle Bücher zu Bahnthemen gelesen haben, sind ja gerade keine Otto-Normalbürger. Sie tun das, was sie tun vor allem aus Überzeugung und mit einer schier unerschöpflichen Energie. Und sie tun es nicht, um damit Geld zu verdienen.

Wisdom of  Crowds anzapfen

Die Herausforderung für die klassischen Medien liegt darin, diese Wisdom of Crowds anzuzapfen. Große Chancen bieten sich wenn, – wie Miriam Meckel es bezogen auf die Iranberichterstattung formuliert – “Journalistenblogger oder Bloggerjournalisten einen personellen Link zwischen Online- und Offlinemedien herstellen und damit eine neue Form der crossmedialen Berichterstattung entwickeln können, von der beide Medienformen wechselseitig profitieren.”

Anzustreben ist ein Bürgerjournalismus mit Gütesiegel. Die Berichte der Bürgerjournalisten werden nicht ungefiltert publiziert, sondern professionelle Journalisten nehmen Texte ab oder nutzen die gesammelten Informationshäppchen für die Weiterverarbeitung. Künftig werden professionelle Journalisten immer mehr zu Verifizierungsinstanzen, deren Hauptaufgabe sein wird, die Glaubwürdigkeit von Bürgerjournalisten sicher zu stellen. Sie sind die Filter, die die Weisheit Wisdom von der Masse Crowd trennen und die Leute finden müssen, die als seriöse Quelle taugen und kooperieren wollen. Wie das aussehen kann, sah man beispielsweise in der Iran-Berichterstattung der Huffingtonpost (An dieser Stelle sei auf die sehr gute Einführung zu Process Journalism des Kollegen Marcus Bösch hingewiesen).

cnn-ireport

Die Welt der Blogs und Social Media ist eine (in der Regel) ungefilterte. Das ist ja auch gut. Wenn aber klassische Medien diese vermeintliche Informationsfreiheit zu ihrem Werbeslogan erheben und sich dafür rühmen, ungefilterte, ungeprüfte News zu veröffentlichen (wie z.B. CNN, das auf seiner i-Reporter Seite mit dem Slogan Unedited. Unfiltered. News wirbt) halte ich das für bedenklich. Glaubwürdigkeit und Vertrauen: Das sind vielmehr die Pfunde, mit denen Qualitätsmedien wuchern sollten.

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Matthias Möller Mai 14, 2010 um 08:49

“Es gibt Qualitäts-Bürgerjournalismus, in den es lohnt zu investieren. Bürgerjournalismus kann viel mehr sein, als reine Schnappschuss-Berichterstattung”
Dem kann ich aus Erfahrung nur voll zustimmen. Bürgerjournalismus ist meines Erachtens nicht für alle Themen geeignet – aber es gibt durchaus Themen, bei denen normale Bürger ohne journalistischen Background Experten sind.
Bei myheimat erleben wir dies seit 2005 fast täglich. Geboren aus dem Bedarf (und das übrigens in der Ursprungsform schon 1994!), dass gerade Kleinstädte eine unzureichende mediale Versorgung haben können Bürger hier einen Beitrag dazu leisten, dass sublokalen Themen mehr Aufmerksamkeit zukommt. Betrachtet man das Beispiel der Heimatzeitungen (=Lokalteil des Umlandes Hannover) der Hannoverschen Allgemeinen und Neuen Presse, so bekommen diese über http://www.myheimat.de als Themenradar oder “Nachrichtenagentur für Lokales” pro Tag ca. 100 von Bürgern geschriebene Artikel mit ca. 500-700 Bildern aus dem Umland Hannover. Die Redakteure können aus diesem Nachrichtenstrom Themenimpulse aufgreifen und nachrecherchieren, Bildmaterial verwenden oder auch ganze Artikel direkt verwenden. Es entsteht eine Reichhaltigkeit, die mit rein redaktionellen Ressourcen nicht zu stemmen wäre.
Denn die berichtenden Bürger sind alle Experten auf unterschiedlichen Gebieten – ob für ihren Verein, für spezielle Themen wie Pflanzen, Eisenbahnen oder lokale traditionelle Musik. Es entsteht eine Vielfalt und Reichhaltigkeit, die ein buntes und lebenswertes Bild der Region zeichnet.

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