Bitte, reden wir über Journalismus!

by Steffen Leidel on 25. Juli 2009

Noch suchen viele Verleger nach der richtigen Antwort auf das InternetDie Schärfe mit der derzeit die Diskussion um Google als Feinbild geführt wird, bestätigt mich (leider) in meiner These, dass sich in der Journalistenzunft eine Kluft auftut, die trotz des allseits proklamierten Zusammenwachsens der Medien eher immer größer als kleiner wird. Zwei Extreme stehen sich gegenüber: Auf der einen Seite die, die an dem klassischen  Journalismusbild festhalten und für die die neuen Medien und Möglichkeiten mehr Fluch als Segen sind. Auf der anderen Seiten sind jene, die den Bruch fordern mit dem klassischen Rollenverständnis von Journalisten und die in Social Media und Web 2.0 eine Verwirklichung von Bertolt Brechts Vision sehen, der von einem Medium träumte, das die aktive Mitarbeit der Rezipienten ermöglicht und sie damit selbst zu Produzenten werden lässt. (“Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren” Brechts Radiotheorie).

Die Diskussion pendelt nun zwischen diesen beiden Extremen hin und her und ich habe leider nicht den Eindruck, dass es eine Annäherung gibt. Es gibt vielmehr ein Beharren auf dem jeweiligen Standpunkt und es ist schade, dass beide Seiten nicht endlich einmal damit beginnen wirklich miteinander zu reden und nicht ständig aneinander vorbei. Es ist wahr: In der Diskussion um Google gibt es auch differenzierte, mit Argumenten unterlegte Erklärungen (z.B. hier oder hier). Und ein Meinungsaustausch darüber ist ja wichtig. Ja, und es ist sicher auch wichtig, über neue Finanzierungsquellen zu sprechen.

Doch warum reden Journalisten und Medienschaffende nicht auch mal so engagiert darüber, wie Qualitätsjournalismus im Internetzeitalter aussehen muss?

Welche Darstellungsformen haben Zukunft? Reicht es fetzige Teaser zu schreiben, spektakuläre Bildergalerien zu erstellen und Nachrichtenvideos auf die Seite zu stellen? Ist das guter Onlinejournalismus? Und was ist davon zu halten, dass fast alle Nachrichtenportale in deutschen Medien die gleiche Agenda abfeiern, häufig nur ein Abklatsch der Nachrichtenagenturen und einiger “Internet-Leitmedien” sind? Und wem bringt diese atemlose Echtzeit-Newsberichterstattung etwas? Und was bedeutet es, dass die Zahl von Meinungsbeiträgen im Internet dank Social Media zwar exponentiell angestiegen ist, gut recherchierte Informationsbeiträge mit Neuigkeitswert aber mit Sicherheit nicht mehr geworden sind? Etc. etc.

Wir brauchen endlich eine konstruktive Debatte darüber, wie wir künftig Qualitätsjournalismus gewährleisten können. Das gelingt jedoch nur, wenn die folgenden Grundvoraussetzungen gegeben sind:

  1. Schluss mit der “Zwei-Klassengesellschaft”: Die “Zwei-Klassengesellschaft” zwischen”Onlinern” und vermeintlich “echten” Journalisten muss ein Ende haben. Onlinejournalisten gelten nach wie vor in vielen Medienhäusern als Journalisten zweiter Klasse. Viele Edelfedern schauen auf die – meist jüngeren – Kollegen verächtlich herab. Für sie sind Onliner nicht mehr als “Content-ins-Netz-Einstellknechte”. Häufig versteckt sich aber hinter dieser Geringschätzung lediglich die eigene  Unkenntnis über das Internet, das als Bedrohung und Hort des Unseriösen gesehen wird. Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Leuten die Möglichkeit zu geben, ohne Gesichtsverlust das 1×1 des Internetjournalismus zu lernen. Hier ist das Feingefühl der “Onliner” gefragt, die nicht mit ihrem Web2.0-Jargon nerven, sondern die Internet-Skeptiker da abholen sollten, wo sie sind. Das Beste ist, man macht gemeinsame Projekte. An deren Ende sollten konkrete Ergebnisse stehen (z.B. ein Online-Special). Das bringt Erfolgserlebnisse und ist ein erster Schritt, Klischees über das angeblich so unseriöse Internet abzubauen.
  2. Journalisten brauchen ein neues Selbstverständnis: Journalisten sollten aufhören, sich über das Medium Zeitung, Radio oder Fernsehen zu definieren. Es geht nicht um das Medium, es geht um Inhalte. Journalisten sollten sich an Themen orientieren und dann die Medien bzw. die Darstellungsformen auswählen, die am besten zur Story passen. Es gibt keine Radio-, TV-Sender, Zeitungsunternehmen im klassischen Sinne mehr, die künftig überlebensfähig sind. Jedes Medienunternehmen ist heute ein Multimedia-Unternehmen. Papier, Fernseher, Radioapparat werden auch künftig noch Inhalte verbreiten, aber das sind nur drei Verbreitungsmöglichkeiten von vielen anderen.
  3. Journalismus ist Gespräch und kein Vortrag (siehe dazu auch die Thesen von Dan Gillmor). Nach wie vor fällt es einigen Journalisten schwer, sich auf die Augenhöhe ihres Lesers, Hörers oder Zuschauers zu begeben. Das Internet rüttelt da kräftig am bisherigen Selbstverständis. Journalisten müssen sich heute viel häufiger mit Kritik an der eigenen Arbeit auseinander setzen. Fehler und Irrtümer werden unmittelbar durch die User und die Blogosphäre aufgedeckt und (z.T. auch hämisch) kritisiert. Außerdem müssen Journalisten heute hinnehmen, dass sie längst nicht mehr die einzigen  sind, die die öffentliche Meinung beeinflussen. Ihr Monopol als Gatekeeper ist von Google News, Blogs und Twitter gestürzt worden. Theoretisch kann heute jeder ein Massenpublikum erreichen.
  4. Internet ist ein Medium mit eigenen Gestaltungsmöglichkeiten: Das Internet ist nicht nur ein Distributionskanal. Es ist ein eigenständiges Medium mit eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Geschichten können auf sehr kreative Weise erzählt werden. Sie müssen nicht mehr allein linear erzählt werden, sondern das Prinzip der Verlinkung ermöglicht es, Inhalte  zu verweben wie in einem Netz. Gleichzeitig ist der direkte Dialog mit dem User möglich. Das heißt: Guter Onlinejournalismus beschränkt sich nicht darauf, Inhalte aus Print, Hörfunk und Fernsehen eins zu eins ins Internet zu stellen. Inhalte müssen speziell aufbereitet werden. Oder wie es Jeff Jarvis sagt: “Wir sollten (..) fragen, wie Qualitätsjournalismus verbessert werden kann, indem nicht nur für, sondern auch mit dem Publikum gearbeitet wird. Wir sind nicht länger daran gebunden, Geschichten nur in gedruckter Form, nur im Radio oder nur im Fernsehen zu erzählen, sondern sind fähig, all diese Ausdrucksformen mit einer Vielzahl anderer Werkzeuge zu verbinden: Datenbanken, Karten, Interaktivität, gemeinschaftliches Editieren.
  5. Onlinejournalismus braucht Professionalisierung: Bürgerjournalismus ist spannend und bereichernd für den professionellen Journalismus. Doch er darf nicht dazu missbraucht werden, kostenlos Inhalt zu beschaffen. Medienunternehmen müssen akzeptieren, dass im Internet die gleichen Qualitätsstandards gelten müssen wie in den klassischen Medien. Das kostet Geld. Onlinejournalismus ist genausso teuer wie Print, Hörfunk oder Fernsehen. Er wird nicht einfach so nebenbei erledigt. Besinnen Sie sich als Medienunternehmen also auf das, was Sie wirklich gut können. Nicht jeder muss Breaking News machen, nicht jeder braucht Bewegtbild, nicht jeder muss bloggen. Doch das was Sie im Internet machen, das sollte hochwertig sein.

Und welche Vorschläge haben Sie? Wie sieht Ihrer Meinung nach der Qualitätsjournalismus der Zukunft aus? Vorschläge gerne auch über Twitter mit hashtag #dwlab

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Markus Merz | Hamburg St. Georg Juli 25, 2009 um 18:28

> “Für sie sind Onliner nicht mehr als “Content-ins-Netz-Einstellknechte”. … Die Herausforderung besteht nun darin, diesen Leuten die Möglichkeit zu geben, ohne Gesichtsverlust das 1×1 des Internetjournalismus zu lernen. Hier ist das Feingefühl der “Onliner” gefragt, die nicht mit ihrem Web2.0-Jargon nerven, sondern die Internet-Skeptiker da abholen sollten, wo sie sind.”

Alles eine Sache der Perspektive. Wer sagt denn, dass erfahrene Onliner, die mit ihrem Zeug auch noch Geld verdienen, die trotteligen Internet-Skeptiker noch abholen wollen?

Ich reagiere zunehmend gereizt, wenn ein bekennender Online Verweigerer sich bei mir kostenlos und stundenlang Online Beratung der einfachsten Art abholen will. Am schönsten und aufreizendesten sind Gegenreaktionen wie “Stell Dich nicht so an. Du hast ja eh nichts Anderes zu tun als den ganzen Tag vorm Computer zu sitzen”.

Andreas Juli 26, 2009 um 23:29

Die angesprochenen Fragen besprechen wir regelmäßig in unserem Studium, dass – oh Wunder – Online Journalismus heißt ;)

Ralf Juli 26, 2009 um 23:36

Schöner Artikel, aber ist das WIRKLICH noch der aktuelle Stand der Diskussion? An die Debatte über die Frontstellungen Online vs. Printjournalisten kann ich mich gut erinnern. Aber die lief doch wohl eher vor 5 Jahren. Das kein Medienunternehmen um online herumkommt, ist inzwischen auch dem letzten Online-Skeptiker aufgegangen. Und auch die Printkollegen lesen ja nicht ausschließlich die Papierzeitung. Zudem sind inzwischen doch quasi alle Print-Artikel der Tageszeitungen auch im Netz abrufbar – man kann also gar nicht mehr sagen, dass jemand für die Printausgabe schreibt, man könnte genausogut sagen, er/sie schreibt für die Online-Ausgabe. Richtig wichtig finde ich dagegen die Frage “Was macht überhaupt Qualitätsjournalismus online aus?”, die Du ja auch stellst! Und damit zusammenhängend natürlich auch die Frage: Wie können professionelle Medienhäuser (die nicht öffentlich-rechtlich finanziert werden) mit Online-Journalismus Geld verdienen. Das ist zwar auch eine Frage, die schon vor 5 Jahren diskutiert wurde. Aber während meiner Meinung nach die Gräben zwischen Print und Online schon ganz gut aufgeschüttet wurden bleibt das eine Frage, die nach wie vor aktuell und ungeklärt ist!

marcus Juli 28, 2009 um 09:34

@ralf Die Debatte lief in der Tat vor 5 Jahren, aber sie läuft vielerorts munter weiter ohne dass sich auch nur irgendwasgetan hätte. Vielerorts hat sie sogar – ob man das jetzt überhaupt glauben mag – gerade eben erst begonnen. Kollege Leidel verweist da mit Recht auf eine immer breiter werdende Kluft. Man glaubt ja gar nicht wie viele Kollegen sich weiter tapfer jeglichem Online-Engagement verweigern und “dieses Internet” pauschal verteufeln.

@Markus Merz “Ich reagiere zunehmend gereizt, wenn ein bekennender Online Verweigerer sich bei mir kostenlos und stundenlang Online Beratung der einfachsten Art abholen will.” Ja, das kenne ich sehr gut. Einzig, es bleiben in vielen – gerade öffentlich-rechtlichen Einrichtungen – kaum Alternativen. JedeR muss/soll mitgenommen werden. Man kann Leute leider nicht sagen, dass sie doch bitte kreativ, interessiert und zukunftsorientiert sein & handeln sollen. Das heißt – man kann es Ihnen sagen, das nützt nur nicht sehr viel ;-)

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