“Wir brauchen mehr Crossborder Journalism”

by Steffen Leidel on 25. Juni 2013

Innovation im Journalismus bringt schon mal althergebrachte Sprichwörter ins Wanken. Das glaubt die investigative Journalistin Giannina Segnini der Tageszeitung La Nación in Costa Rica.  Der Spruch „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“ gelte im Zeitalter des Datenjournalismus nicht mehr, sagt Segnini, die zu den führenden Datenjournalistinnen weltweit gezählt wird. Datenjournalismus ermögliche heute mehrere Perspektiven auf investigative Geschichten, sagte die Journalistin auf dem diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle. Er helfe zum einen das große Ganze eines Themas zu erkennen (Wald), aber gleichzeitig auch bis ins kleinste Detail eines Themas einzutauchen (Bäume). Vor drei Jahren engagierte Segnini Programmierer für ihr investigatives Team. Seitdem hat die Zeitung mehrfach mit ihren Enthüllungen auf der Basis der Analyse von Datenbanken die Mächtigen ihres Landes in Bedrängnis gebracht.

Viel Aufmerksamkeit erhielt das Team von La Nación für seine jüngste Arbeit. Es programmierte im Auftrag des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) eine Web-Applikation, über die jetzt für jedermann große Teile der so genannten Offshore Leaks Daten zugänglich sind.

Dem Netzwerk ICIJ war eine Festplatte mit gut 2,5 Millionen Datensätzen zugespielt worden. Über Monate hatten rund 100 Journalisten aus 58 Ländern gemeinsam die Daten über die dubiose Welt der Steueroasen ausgewertet. In der jetzt öffentlichen Datenbank können die Nutzer Geschäftsverflechtungen von mehr als 100.000 Treuhandgesellschaften, Stiftungen und Firmen in Steueroasen visualisieren. Bei der Aufbereitung der Datenbank kamen sich Segnini und ihr Team vor wie Restauratoren, die ein schwerbeschädigtes Kunstwerk wiederherzustellen hatten. Die Datenbank war ziemlich chaotisch, viele Namen kamen mehrfach vor, es gab unzählige Abkürzungen, Rechtschreibfehler und rund 320 Tabellen, die miteinander in Beziehung gesetzt werden mussten.

Gianinna, die Recherche im Fall Offshore Leaks hat gezeigt, dass ein einzelnes Medium mit der Analyse eines solch komplexen Datensatzes völlig überfordert gewesen wäre. Brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit unter Journalisten?

Auf jeden Fall. Crossborder Journalism ist wichtiger als je zuvor. Die Wirtschaft ist globalisiert, die organisierte Kriminalität ist globalisiert. Also sollte der Journalismus das auch tun. Offshore Leaks hat gezeigt, dass aus der Zusammenarbeit von mehr als 50 Journalisten-Teams sehr aufschlussreiche Dinge ans Licht gekommen sind.

Die Abstimmung untereinander war sicher nicht einfach..

Sicher, es war schwierig, alles zeitlich zu koordinieren und die Vorgehensweisen waren auch von Ort zu Ort unterschiedlich. Aber es hat funktioniert und wird auch weiter funktionieren.

Was könnte man noch verbessern?

Wir bräuchten eine sichere Plattform, über die Journalisten Datenbanken austauschen und abgleichen können. Das ist etwas, was ich schon an eine Reihe von Organisationen herangetragen habe. Eine Art soziales Netzwerk für Datenbanken. Es wäre toll, wenn ich einen Alert bekommen würde, wenn beispielsweise ein Kollege in Südafrika einen Eintrag hat, der mit meinem Datensatz übereinstimmt.

Was soll die von Euch gebaute Datenbank zu dem Offshore-Leaks Fall bewirken?

Ab jetzt sind die Daten nicht mehr nur für Journalisten zugänglich, sondern sie sind nun im Besitz der Weltöffentlichkeit. Die Daten sind für jeden zugänglich und jeder kann nun neue Verflechtungen offenlegen, die wir Journalisten vielleicht übersehen haben.

Die Offenlegung des Materials im Internet ist vor allem unter deutschen Kollegen nicht unumstritten. So befürchten Redakteure der Süddeutschen Zeitung, die in Deutschland maßgeblich an den Offshore-Leaks Recherchen beteiligt waren, dass Personen vorverurteilt werden können, deren Namen in der Datenbank auftauchen, die aber nichts Unrechtes getan haben.…

In jedem Land ist die Gesetzgebung zum Umgang mit Daten unterschiedlich. In Deutschland ist sie sehr restriktiv und es gibt eine Kultur des Datenschutzes. Die veröffentlichen Daten enthalten aber keine sensiblen Informationen. Es gibt Information über Unternehmen und seine Repräsentanten. Alle sensiblen Daten wie zum Beispiel Passnummern oder Kontonummern haben wir entfernt. Was sie finden können, ist Information, die fast überall auf der Welt öffentlich ist.

Der Offshore-Leaks-Fall hat gezeigt, dass die Daten nur mit Hilfe von Computerspezialisten  aufbereitet werden konnten. Müssen sich Journalisten der Welt der Entwickler mehr öffnen?

Man kann Journalisten dazu natürlich nicht zwingen. Es geht vor allem um Haltung. Jeder Journalist, der sich damit beschäftigen will, sollte Schritt für Schritt seine eigenen Kenntnisse erweitern können. Allerdings ist es heute immer notwendig, dass man in einer Redaktion mindestens einen Entwickler pro 10 Journalisten hat. Eine Medienorganisation, die das nicht tut, wird mit dem Fortschritt in anderen Medien nicht Schritt halten können.

Es gibt ja eine sehr interessante Entwicklerszene weltweit. Wäre das nicht eine gute Quelle für Redaktionen?

Auf jeden Fall. Wir müssen mit dieser anderen Welt, die normalerweise vom Journalismus klar getrennt ist, in Kontakt treten. Wenn Journalisten auf Programmierer treffen, entstehen unglaublich tolle Dinge. Es gibt inzwischen ja viele Initiativen. Die Hack Hackers Treffen sind ein gutes Beispiel, bei denen Journalisten, Designer und Programmierer zusammen kommen.

Hier gibt es die komplette Panel-Diskussion zum Anhören

Aber sind denn wirklich genug Journalisten davon überzeugt, dass sie das tun sollten?

Sicher nicht alle, weil viele auch schlicht nicht wollen. Man muss dann halt mit denen arbeiten, die das wollen. Es geht vor allem darum, die Angst vor dem Thema zu verlieren. Es gibt vielleicht einfach zu viele, die sich davon einschüchtern lassen. Die Entwickler, mit denen ich zusammenarbeite, sagen oft Sachen, die ich nicht verstehe. Dann bitte ich sie einfach, mir zu erklären, was sie meinen. Das gehört zur Teamarbeit. Es geht dabei nicht darum, dass aus Journalisten Programmierer werden. Das ist meines Erachtens nicht der Weg, den wir gehen müssen.

Hast Du das Gefühl, dass Eure Leser die Arbeit schätzen, die ihr macht?

Die Magie liegt in der Einfachheit. Ich glaube nicht an diese extrem komplexen Visualisierungen. Wir suchen immer die einfachste Form, die Geschichte darzustellen, die wir erzählen wollen. Gleichzeitig geben wir den – wenigen – Leuten, die das wollen, die Möglichkeit, dass sie die Daten herunterladen können, um damit ihre eigenen Analysen und Visualisierungen zu erstellen. Aber was die meisten Leute wirklich wollen, ist dass du ihnen eine Geschichte erzählst. Sie wollen auf keinem Datenmeer herumsegeln ohne zu wissen, wohin. Deshalb ist es ja gerade so wichtig, dass wir Journalisten wissen, wie wir das Wichtigste aus den Daten herausfiltern können.

Das Gespräch  habe ich auf dem Global Media Forum geführt, wo Giannina Segnini an dem von Intajour und der DW Akademie organisierten Panel zu Datenjournalismus teilnahm.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: