Wie digitale Forensiker Fotomanipulationen aufdecken

by Steffen Leidel on 22. April 2013

Militärs und Diktatoren haben sich in der Geschichte der Fotomanipulation immer wieder auf unrühmliche Weise hervorgetan. Mal wurden Triumphe nachgestellt, unliebsame Gegner aus dem Bild retouchiert oder man erhöhte mit optischen Tricks die militärische Schlagkraft. Jüngstes Beispiel ist das Foto eines Manövers des nordkoreanischen Militärs. Zu sehen ist die Landung mehrerer Luftkissenboote. Doch offenbar waren nicht alle echt, schreibt Alan Taylor in The Atlantic. Jemand hat wohl mit dem Kopierstempel-Tool  ihre Anzahl erhöht. Es wäre nicht der erste Fall optischer Aufrüstung.  Ein Foto zu fälschen, ist heute kinderleicht. Auch wenn viele Fake-Fotos eher dilettantisch gemacht sind – wie das Foto aus Nordkorea – bietet die digitale Fotografie unzählige Tools und Apps, mit denen selbst Amateure mit etwas Geschick beinahe perfekt Fotos manipulieren können. Das stellt gerade Medienorganisationen vor ein Problem, die bei News-Ereignissen immer häufiger auf Bilder zurückgreifen, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Doch auch Profi-Fotografen und Redakteure haben wiederholt der Versuchung nicht widerstehen können, ihre Fotos via Photoshop aufzuhübschen oder diese zu retouchieren, wie nach dem Anschlag in Boston.

Wie kann sicher gestellt werden, dass ein Foto nicht verfälscht worden ist? Nicht immer reicht ein geschulter Blick. Bei besonders schweren Fällen kommen Leute wie Hany Farid ins Spiel. Er ist ein „Digital image Forensic“ und berät Medienorganisationen wie AP oder Reuters, wenn die die Echtheit von News-Photos überprüfen wollen. Um ihn auszutricksen, müssen sich Fälscher einiges einfallen lassen. Neben seiner Tätigkeit als Professor am Dartmouth College hat er im Silicon Valley das Start-up FourandSix mitbegründet.  Er hat eine in Photoshop integrierbare Software mitentwickelt, die überprüft, ob ein Photo bereits bearbeitet worden ist oder nicht. Das ist technisch hoch anspruchvoll, da unzählige Parameter ausgewertet werden. Einen 100prozentigen Schutz vor Fake-Photos werde es aber nie geben, sagt er im Interview.

Das digitale Zeitalter hat unzählige Möglichkeiten der Bildbearbeitung gebracht. Bildmanipulationen können heute von jedermann gemacht werden. Ist das das Ende des Vertrauens in die News-Fotografie?

Bilder werden schon seit dem 19. Jahrhundert manipuliert. Auf unserer Web-Site finden Sie historische Beispiele dokumentiert in unserem Special  “Photo Tempering throughout History”. Aber Sie weisen zu recht darauf hin, dass heutzutage jeder mit seinem Laptop, Tablet oder Smartphone mit sehr ausgefeilten Werkzeugen Fotos editieren kann. Die Bildbearbeitung hat sich quasi demokratisiert. Ob das das Ende des Vertrauens in Fotos bedeutet, ist eine gute Frage. Es bedeutet auf jeden Fall, dass wir unser Verhältnis zur Fotografie verändern müssen. Bislang haben wir Fotos so verstanden, dass sie Ereignisse aufzeichnen. Auch wenn es Manipulationen schon vorher gab, haben wir Fotos recht wenig Skepsis entgegengebracht. Heute sollten wir skeptischer sein. Wir sollten vor allem einige Fragen stellen. Eine Form, dies zu tun, ist die Arbeit, die wir als Digital Forensics tun. Oder man beschränkt sich nicht auf einzelne Fotos eines Ereignisses. Das Tolle an der Tatsache, dass heute jeder eine Kamera hat, ist ja, das wir bei Breaking News häufig Tausende Fotos eines Ereignisses haben. Ein Weg, wieder mehr Vertrauen aufzubauen, ist, Redundanz im System zu nutzen.

Über ihr Unternehmen Fourandsix  vertreiben Sie die Software Fourmatch. Was kann die leisten?

Es handelt sich um eine einfache forensische Technik, die prüft, ob ich es mit einem Foto zu tun habe, das direkt aus der Kamera kommt oder das bereits in irgendeiner Form verändert wurde: Wurde es bereits in eine Photo-Management-Software geladen, über soziale Netzwerke verbreitet oder mit einem Bildbearbeitungs-Programm bearbeitet? Jede Kamera erzeugt immer ein ihr eigenes Jpeg-Profil. Wenn irgendeine Software oder ein Online-Dienst damit in Berührung kommt, dann ändert sich dieses Profil.

Die Software kann also mehr als exif-Daten (Metadaten in digitalen Bildern) auslesen?

Die exif-Datei enthält ein paar Informationen über das Kameramodell, sie sagt zum Beispiel, mit welcher Brennweite das Foto aufgenommen und ob der Blitz ausgelöst wurde. Enthalten sind Uhrzeit und Datum und je nach Modell auch die GPS-Daten. Das Problem mit diesen Daten ist nur, dass sie auch nach einer Bearbeitung sehr einfach dem Bild hinzugefügt werden können. Ich spreche davon, wie eine Jpeg-Datei gespeichert wird. Es geht hier um Hunderte von Voreinstellungen – von Design bis hin zur Kompression – die von den Entwicklern festgelegt worden sind und die bei jedem Kameramodell anders sind. Das zu beeinflussen, ist für „normale“ Leute kaum möglich.

Inwiefern ist das für Journalisten bei der Überprüfung von Photos nützlich?

Sie können überprüfen, ob ein Bild, das sie von einem Bürgerjournalisten oder Fotografen bekommen haben, direkt aus der Kamera kommt oder nicht. Das ist natürlich ein sehr strenges Kriterium. Es reicht, dass sie ein Bild in iPhoto öffnen und dann exportieren, so dass es seine Charakteristiken als Originalphoto verliert. Das bedeutet ja noch nicht, dass sein Inhalt manipuliert wurde. Sie können bei Bildern den Kontrast oder die Helligkeit verändern, ohne dass der Inhalt sich verändert. Was ich Organisationen wie AP oder Reuters empfehle ist: Lasst Euch von Euren Fotografen auch immer das Originalfoto schicken. Das kann man mit dem bearbeiteten Foto vergleichen und selber entscheiden: Ist es korrekt beschnitten, sind die Farb- oder Kontrastanpassungen im Rahmen.  Wenn die Leute wissen, dass sie das Originalfoto mitschicken müssen, werden sie sich bei der Bearbeitung zurückhalten.

Aber wo würden Sie die Grenze zur unerlaubten Bildbearbeitung ziehen. Es gab jüngst um den Gewinner des Worldpress Photo Awards eine Diskussion, ob das Photo zu stark bearbeitet war? 

Was ist eine Manipulation? Das ist eine interessante Frage. Wenn sie etwas aus einem Foto heraus retouchieren oder eine Person oder Objekt hinzufügen, ist das eine klare Manipulation. Aber man muss da differenzieren. Es kommt auf den Kontext an. Wenn sie für ein Modemagazin arbeiten und auf einem Bild etwas im Hintergrund stört, können sie das entfernen, ohne dass sich jemand darüber beklagen wird. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Vor einigen Jahren veröffentlichte das Time Magazine auf der Titelseite ein Foto von OJ Simpson, als dieser wegen Mordes angeklagt war. Der Kontrast war stark erhöht, was zur Folge hatte, dass OJ Simpson besonders dunkel und ernst rüber kam. Das brachte dem Magazin den Vorwurf des Rassismus ein.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine simple Bildbearbeitung wie das Anheben des Kontrastes in einem bestimmten Kontext von enormer Bedeutung sein kann. Das Gleiche gilt für die Kriegsfotografie. Sie müssen nur den Kontrast von Rauch und Feuer anheben, um eine Situation gleich viel bedrohlicher erscheinen zu lassen. In anderen Fällen hat die Kontrastanpassung keine Bedeutung für die Bildaussage. Die Entscheidung, ob eine Bearbeitung angemessen ist oder nicht, ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Der Kontext entscheidet.

 

 

Die New York Times hat kürzlich auf ihrer Titelseite ein Instagram-Foto veröffentlicht. Und es gab mehrere Reportagen mit Bildern, die mit der Hipstamtic-App aufgenommen wurden. Manche sagen, das sei kein wahrhaftiger Fotojournalismus..

Wie gesagt: Der Kontext entscheidet. Tatsache ist, dass die Möglichkeiten, was diese Apps mit Bildern anstellen können, ziemlich beschränkt sind. Insofern sind Instagram und Hipstamatic qualitativ gesehen auch nicht viel anders als eine Kamera. Eine Kamera nimmt Ereignisse der physischen Welt ja auch nicht perfekt auf. Es handelt sich immer um Transformationen der Realität. Sie schärfen das Bild, passen den Kontrast an, etc. Kameras nehmen eine ganze Reihe von digitalen Anpassungen an einem Bild vor. In vielen Fällen sind die nicht ganz so extrem wie bei Instagram oder Hipstamatic. Es ist also eine Frage des Ausmaßes und nicht eine Frage nach ja oder nein.

Die Nachrichtenagentur AP hat als Regel: Keine Filter. Ist das eine mögliche Lösung für den Umgang mit solchen Apps?

 

Das ist sicher eine durchdachte Richtlinie. Was wir beobachten können, ist, dass viele der ausgefeilten Bildbearbeitungstechniken aus Photoshop sich zunehmend in Foto-Apps wiederfinden. Das wird irgendwann vielleicht auch vollautomatisch ausgeführt. Das führt zu einer anderen Frage: Was heißt es überhaupt, ein Foto zu machen? Auf Smartphones können sie mehrere Fotos aufnehmen und die dann automatisch zu einem Panoramabild zusammenfügen. Das ist ein Bild, das die Kamera für sie macht. Nicht sie haben das Bild gemacht. Das ist zwar nur eine leichte Manipulation, aber es ist eine. Die Dinge sind kompliziert. Sie können sagen: Keine Filter. Das ist ok, andererseits müssen wir auch ein bisschen unserer Zeit voraus denken.

Gibt es die perfekte Manipulation, die auch sie nicht aufdecken können?

Ja, aber ich werde ihnen nicht verraten, wie das geht. Eine Fälschung, die ziemlich gut gemacht war, ist ein Foto von US-Vizepräsident Joe Biden beim Autowaschen. Die war unglaublich gut, aber wir konnten Ungereimtheiten in den Weißtönen entdecken. Unsere Technologie kann sicher nicht jede Manipulation auf dieser Welt aufdecken. Das verhält sich ein wenig so wie beiden Themen Spam und Antispam, Virus und Antivirus. Es wird immer jemanden geben – und da zähle ich mich dazu – der in der Lage ist, Fakes zu kreieren, die so gut wie nicht aufzudecken sind. Das liegt in der Natur des Geschäftes, in dem wir tätig sind.

Hany Farids Profilseite beim Dartmouth College

Sehr zu empfehlen ist das Blog von Hany Farid und seinen Kollegen über Photomanipulationen 

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