Was ist Process Journalism?

by Marcus Bösch on 14. Juni 2009

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I’m liveblogging the latest Iran election fallout. Email me with any news or thoughts, and please Digg the post if you feel so inclined.

Nico Pitney ist National Editor beim Weblog Huffington Post. Nico Pitney lebt in Washington, hat Internetzugang und hat am Wochenende über die Wahl im Iran berichtet. Das wäre soweit nichts Besonderes. Ziemlich viele Journalisten haben am Wochenende über die Wahl im Iran berichtet. Nur das was Pitney und seine Kollegen in nahezu Echtzeit angefertigt haben ist ein Musterbeispiel des so genannten Process Journalism.

…the story has come out, not in the traditional media, but via “process journalism”, where the story evolves in real time rather than being presented as the full story at the end. Blogger Peter B. Marks

Pitney und seine Kollegen haben zeitnah Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen, diese multimedial präsentiert und bewertet. Hier wurde nicht auf eine Deadline hin ein umfassender Artikel geschrieben. Das ganze ähnelt eher einem Work-in-progress-Blog oder den Notizen die man anfertigt bevor man den eigentlich Artikel schreibt. Eine Art Meta-Berichterstattung: Unmittelbar, vielstimmig, manchmal voreilig, mitunter gar zeitweilig falsch!

Process Journalism geht von der Prämisse aus dass Geschichten kein klar definiertes Ende haben und dass es kein Zeichen von Schwäche sondern eher von Stärke ist wenn man den Entstehungsprozess einer journalistischen Geschichte transparent macht und Korrekturen und Updates und Hinweise der Leser in einem konstanten Prozess einbindet. Gerade bei komplexen andauernden Sachverhalten kann man den Leser, Hörer, Zuschauer, Nutzer an der Recherche und am Entstehen von Content teilhaben lassen. Die journalistische Grundqualifikation der guten Recherche wird hier nicht außer Kraft gesetzt sondern erweitert. Die Arbeit und Qualität des Journalisten der Informationen auswählt, beurteilt und präsentiert ist in einer fragmentierten Multi-Quellen-Quasi-Echtzeit-Online-Welt wichtiger denn je – setzt allerdings (neue) Kenntnisse voraus.

We don’t believe that readers need to be presented with a sausage all the time. Sometimes it’s both entertaining and informative to see that sausage being made, too. The key is to be transparent at all times. If we post something we think is rough, we say so. If we think it’s absolutely true, we signal that, too, while protecting our sources. Michael Arrington

Die Auffassungen des Process Journalism widersprechen auf den ersten Blick tradierten journalistischen Standards. Hier wird eben nicht immer auf die zweite Quelle gewartet. Statt dessen sagt man: “Macht nichts solange ich es dem Nutzer vorher sage.” Klassische journalistische Standards gelten weiter. Nur der Mythos der journalistischen Perfektion, der Mythos einer exponierten Wissenstellung qua definitione – der ist dahin: Agenturmeldungen kommen nicht mehr aus dem exklusiven Ticker sondern sind für jeden mit Internetzugang frei zugänglich. Experten, Prominente und Augenzeugen sind – Dank des Internets – häufig direkt adressierbar. Die Lösung? Als Journalist neugierig und transparent arbeiten, Fragen stellen und akzeptieren dass ein vollkommen neues mediales Umfeld neue Mittel, Wege, Arbeitsweisen und Produkte mit sich bringt. Jeff Jarvis setzt sich in seinem Blog Buzzmachine mit Product v. process journalism: The myth of perfection v. beta culture auseinander. Diesem Blogposting ist die kleine folgende Zeichnung entnommen. Und hier noch ein Audio-Interview zum Thema von Michael Arringon mit NPR.

mediachartprocess

Alles neu? Alles anders? Alles schlimmer? Was halten Sie von der Idee des Process Journalism? Notwendiges Übel? Neue Errungenschaft?

{ 6 comments… read them below or add one }

Martin Juni 14, 2009 um 18:53

Ich sehe in Twitter die Ähnlickeit zum Denken im Kopf. Gedanken entstehen dadurch, dass einzelne Gehirnzellen, elektrische Impulse weitergeben oder stoppen oder vertärken. Damit beeinflussen sie, ob etwas in das Bewußtsein kommt. Gedanken sind sozusagen Spannungszustände, die durch die einzelnen Twitterer (Gehirnzellen) mit Strom versorgt werden. Jetzt ist die Frage, woher weiß die “dumme” Gehirnzelle, die selber nicht denken kann, dass sie einen Impuls weitergeben oder stoppen muss? Mal ist ein Mückenstich nervig, mal völlig unwichtig. Kurz man weiß es bis heute nicht. Jedenfalls, werden unzählige Eindrücke gefiltert und letztlich nur wenige bewußte Gedanken zugelassen. Genauso verhält sich die Gesamtheit der Twits /Meldungen bei Twitter. Wenn man alle Twitterer zusammensieht gibt manchmal so etwas wie ein Gesamtbewußtsein, dass unter Umständen viele Menschen zum Handeln bewegen kann. Das Wort Process Journalismus drückt da noch nicht die ganze Bandbreite aus, die mit Twitter möglich ist. Ich würde dem einen anderen Namen geben. Wir wissen Twittern heißt zwitschern und gemeint sind hier Vögel. Dementsprechen würde Twitter so eine Art Vogelschwarm-Bewußtsein ermöglichen. Und das wäre ein fliegendes Bewußtsein. Und auf englisch ? Vielleicht so etwas wie Flying Thougt. Ich könnte wetten, dass genau in diesem Moment denselben Gedanken an den Fying Thougt haben und damit ist er auch existent und irgendwie auch lebendig. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich diesen Gedanken eben selber erfunden habe, oder ob ich ihn nicht schon irgendwo gelesen habe. Letzlich liegt so etwas in der Luft und ein jeder der über Twitter nachdenkt wird auf denselben Gedanken kommen.
Jetzt zurück zu dem Wort Process Journalism. Der ist ein Teilbereich vom Flying Thought. Und noch weiter zurück zu deinem Bild. Es erinnert mich an eine Mind Map. Ich habe im Netz mal ein vor ca. zwei Jahren Programm gefunden, was öffentliche Mindmaps ermöglicht. Irgendeine Uni in Deutschland entwickelt das. Es funktioniert wie die Wikipedia, ist kostenlos und jeder kann teilnehmen. Jedes Wort dabei kann Texte und Filme usw enthalten. Man kann einzelne Äste auf und zuklappen. Das nur als Idee, womit man sich beschäftigen kann, wenn man noch Zeit hat. Lohnenswert ist das auf alle Fälle. Vor allem, weil so eine Mindmap geeignet ist, Prozesse darzustellen. Denn man könnte dem zweidimensionalen Bild auch eine dritte Ebene -die Zeit- nach hinten hinzufügen. Daran könnte man sehen, was wann gedacht wurde und welche Gedanken oder Wirklichkeiten einen Prozess verändert haben.
Abschließend will ich noch hinzulabern: Es gibt Momentan -platt gesagt- 2 Sorten von Internetbenutzern. Die einen benutzen es im Glauben, sie seien ein Einzelwesen. Und die anderen wissen oder ahnen, dass sich so etwas wie einen Gesamtbewußtsein entwickelt. Dem Menschen ist mit dem Internet etwas gelungen, was er sich sicherlich immer erträumt hat. Gedankenübertragung.

oko Juni 15, 2009 um 08:09

Alles spannend. Vieles ändert sich, noch ist das leider erst bei wenigen in D angekommen. Aber keiner kann sagen, die Zeichen wären nicht sichtbar gewesen.

Sascha Stoltenow Juni 15, 2009 um 09:21

Der Prozess ist das Produkt. War es schon immer, nur die Update-Frequenz hat sich erhöht. Vor allem aber: die Publikation ist nicht End- sondern Ausgangspunkt des öffentlichen Diskurses. Genau das fordert das tradierte Rollenverständnis der Journalisten heraus, die bislang gewohnt waren, zu sagen, was ist. Wenn es dazu einen hippen Begriff braucht – gerne. Im Kern aber geht es um die Autorenschaft und die Übernahme von Verantwortung für das Geschriebene, die den eigentlichen Qualitätsunterschied zwischen professioneller Autorenschaft und dem Laienpublikum ausmacht. Die Frage ist also nicht nur “Was ist Process Journalism?”, sondern “Was ist Authorship? Was ist Qualität?” im kontinuierlichen Newsflow.

Albert Gerlach Juni 15, 2009 um 12:22

Das klingt ja alles sehr schlüssig, es stellt sich mir jetzt nur die Frage, wozu ich da noch Journalisten benötige. Cut the middleman: in “Echtzeit” Tweets und Blogs lesen kann ich selber, Kontakt mit den Contentproduzenten aufnehmen ebenfalls. Selbst mäßig erfahrene User werden nach der Lektüre von z.B. diesem Mashable-Artikel schnell herausfinden wie es geht: http://mashable.com/2009/06/14/new-media-iran/

Marcus Bösch Juni 15, 2009 um 17:35

@Albert Gerlach: In der Tat kannst Du Journalisten da auf den ersten Blick gerne weglassen. Nur wenn Du Dir dann anschaust auf welche Quellen die Huffington Post zurückgreift, dann bis Du schnell (auch) wieder bei etablierten Medien-Marken die von mir aus auch gerne ein Büro in der Region haben (um diese New York Times-Sache in der Daily Show mal aufzugreifen). Wenn Du Dir selbst die Mühe machen willst alles zu tracken, zu aggregieren um ein möglichst authentisches Gesamtbild zu bekommen – super!

Ich glaube allerdings dass ganz viele User gerne vorgefertigte Info-Häppchen mit Mehrwert und Link zur Quelle wollen. Diese Arbeit muss jemand machen (Techmeme ist das beste Beispiel dafür: http://bit.ly/jkQhW) Ob das zwangsläufig der klassische Printjournalist ist darf bestimmt bezweifelt werden. Aber jemand der das nach sinnvollen Kriterien, gekonnt und gut macht, der ist schon hilfreich um als sinnvoller Filter zu dienen (It´s not information overload, it´s filter failure – clay shirky). Und über den freuen sich Otto-und-Gabi-Normal-Internetnutzer sehr, denn sie haben – und das ist beim besten Willen nicht abfällig gemeint – von Mashable noch nie gehört.

Markus Merz | Hamburg St. Georg Juni 15, 2009 um 17:52

Spannend, sehr spannend.

Martin kommentierte: “Jetzt zurück zu dem Wort Process Journalism. Der ist ein Teilbereich vom Flying Thought. Und noch weiter zurück zu deinem Bild. Es erinnert mich an eine Mind Map. (…) Vor allem, weil so eine Mindmap geeignet ist, Prozesse darzustellen. Denn man könnte dem zweidimensionalen Bild auch eine dritte Ebene -die Zeit- nach hinten hinzufügen. Daran könnte man sehen, was wann gedacht wurde und welche Gedanken oder Wirklichkeiten einen Prozess verändert haben.”

Nachvollziehbar und trifft auch die Art und Weise wie ich bei manchen Online Artikeln arbeite. Versatzstücke im Moment der Wissenserlangung einzuarbeiten ist jedenfalls eine deutlich bessere Methode eine (!) Wissensressource zu schaffen, als immer wieder Update(-artikel) zu veröffentlichen, die viele rückwärts gerichtete Links erfordern.

Probleme hatte ich bisher immer nur, wenn es nicht um rein chronologische Updates wie beim Livebloggen, sondern um das nachträgliche Einfügen neuer inhaltlicher Sektionen ging. Da ist der normale lineare Artikelaufbau beschränkt bzw. unkomfortabel. Der Leser kann nur schwer nachvollziehen was wo neu hinzugekommen ist bzw. gerade im Moment hinzukommt.

Ich hoffe darauf, dass die Technik, sprich die diversen CMS, einen Weg finden wird einfach Blöcke/Module in einem Grundartikel zu inkludieren. Textverarbeitungen können dynamische Einbindungen; CMS nur über Umwege. Wenn dann dem Leser noch live neue Inhalte eingeblendet werden, ohne dass er immer den ganzen Artikel neu scannen muss, dann wäre die Prozessverfolgung einfach. Neue Leser bekommen eh immer den aktuellen Status des Artikels zu sehen.

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