Warum wir 2013 über Newsgames reden werden

by Marcus Bösch on 9. Dezember 2012

News + Games = Newsgames. Über Hochkultur, Zyklen, Frustration und den Pfad der medialen Evolution. Mit 18 Jahren Spiegel Online, Automated Journalism, Text basierten Spielen und Leos Carrax im Game-O-Mat. 

Computerspiele sind erwachsen geworden. Sie erzählen komplexe Geschichten und gehören in den Kanon der Hochkultur. So beginnt der aktuelle Aufmacherartikel über das “Kulturgut Games” im Ressort Digital auf Zeit Online. Ein guter Anlass aktuelle Entwicklungen im Bereich Newsgames zu rekapitulieren, um das Thema schon mal auf die Agenda 2013 zu hieven.

Ich hab hier im Sommer 2010 das erste Mal über Newsgames geschrieben. Ian Bogost, einer der wichtigsten Vor- und Weiterdenker im Bereich Videospiele, saß damals an der ersten umfassenden Monographie zum Thema: Newsgames. Journalism at Play. Seitdem wurde die Kombination von Journalismus und digitalem Spiel von weltweit zerstreuten Game Designern, Journalisten, Enthusiasten, einigen Entscheidern und Akademikern angefasst, befingert, begutachtet, herumgewirbelt und sehr oft wieder weggelegt, abgestempelt, fallen gelassen oder vertagt. Mal wieder!

Seit der Game Designer und Gelehrte Gonzalo Frasca Anfang der 2000er theoretisch und ganz praktisch den Begriff Newsgames als „videogames based on news events“ definiert und ausprobiert hat, zieht das Thema im Internet seine Kreise und wird immer wieder neu entdeckt, neu ausprobiert und dann etwas vorschnell von einigen für tot erklärt.

Zum Beispiel von Nora Pauls, Direktorin des Institute for Media Studies an der University of Minnesota 2008, nachdem sie 2007 Geld von der Knight Foundation bekommen hatte, um ein „toolset for news simulation games“ zu entwerfen. Ihr Fazit: You just can´t win with that newsgame stuff.  Was die Knight Foundation allerdings nicht davon abhielt jüngst ein weiteres ambitioniertes Forschungsprojekt (Game-O-Matic) zum Thema Newsgames zu finanzieren, aber dazu gleich mehr.

Das Fazit, dass Bogost im Buch vor zwei Jahren zog, klang bitter: „Rarely do news organizations inspire and reward new approaches that haven´t been beaten into the ground by creators outside the newsroom.“ Das behauptete er nicht einfach, sondern berichtete stattdessen über die zermürbende Zusammenarbeit seines Game Studios Persuasive Games mit der New York Times. Die Times hatte Bogost und sein Team 2007 eingekauft, um ein halbes Jahr lang jeden Monat ein so genanntes Editorial Game anzufertigen. Die Zusammenarbeit wurde nach dem zweiten Spiel abgebrochen, so Bogost. Es wurde zwar weiter gezahlt, aber kein Spiel mehr veröffentlicht.

Dazu passt ganz gut ein aktueller Satz von Wolfgang Blau, dem Noch-Chefredakteur von Zeit Online: „Ich habe unterschätzt, wie schwierig es für Zeitungsredakteure ist, ihre einmal erlernte berufliche Identität zu hinterfragen und sich auf das Netz wirklich einzulassen.“ Und genau hier sehe ich aktuell einen Angriffspunkt.

Jetzt – da das Zeitungssterben nicht mehr nur abstrakt jenseits des Atlantiks stattfindet und Tablet-Lösungen wie The Daily ganz offensichtlich auch keinen einfachen und schnellen (Monetarisierungs-)Ausweg bieten – dringt langsam das Ausmaß des Umbruchs durch.

Während Themen wie Automated Journalism oder die unter dem schiefen Schlagwort Roboterjournalismus diskutierten Entwicklungen in Deutschland eher passiv ängstlich begutachtet werden, sind die Datenjournalismuskurse  im Land offenbar schon mal prall gefüllt. Wer hätte das vor fünf Jahren prognostizieren wollen?! Und wie toll und futuristisch sieht eigentlich Snap, die Instagram-Wand des Boston Globe aus?!

18 Jahre nach dem Spiegel Online als erstes Nachrichtenmagazin weltweit online ging, kommen traditionelle Medienmarken ganz langsam wirklich im Netz an. Und das heißt: Es werden nicht länger nur bereits eh bekannte tradierte mediale Angebote in Text, Ton, Bild und Video geboten, sondern es entwickelt sich etwas eigens, originäres. Etwas was datenbasiert und interaktiv ist. Gut so. Schließlich halten wir hier alle Ein- und Ausgabegeräte in den Händen.

Und damit zurück zum digitalen Spiel. Das gibt es zwar länger als Journalismus im Internet, aber auch hier befinden wir uns erst relativ am Anfang einer kulturellen Entwicklung. Der Game Designer Paolo Pedercini formuliert das in einem sehr lesenswerten aktuellen Artikel so: „We are still stuck in the meta-genres defined by two of the earliest games: Spacewar! and Zork.“ 

Den aktuellen Aufhänger diesen endlosen Text hier zu verfassen, liefert übrigens mal wieder das Magazin Wired. Die amerikanische Ausgabe hatte 2009 mit Cutthroat Capitalism  so etwas wie eine Blaupause für das Newsgame-Genre erstellt. Sehr lesenswert dazu übrigens ein Eintrag des Brainy Gamers: Putting a newsgame to the test.

Im November 2012 hat die britische Ausgabe des Magazins zusammen mit der „Game The News“ betitelten Truppe des Video Games Development Studios Auroch Digital Ltd. vier Stories flankierende kleine Newsgames produziert. Über Sinn und Unsinn der jeweiligen Games kann man sicherlich diskutieren. Überraschend gut gefallen hat mir ein Spiel, dass Game The News kürzlich für die Huffington Post angefertigt haben.

Moral Kombat gelingt es mit einer sehr einfachen Game Mechanik eine einfache abr interessante Erfahrung zu generieren. Wem das nicht ausreicht, dem empfehle ich das immer noch sehr interessante Syrian Revolt Mini Game.


Abschließend zum oben bereits erwähnten rudimentären Newsgame-Tool Game-o-Matic. Alles noch vollkommen unausgereift und doch kann, wer will, hier einen gangbaren Weg sehen, um in Zukunft Newsgames schnell und teil-automatisiert anzufertigen. Ausprobiert habe ich das kürzlich anhand eines Artikels mit einem Pro und Contra zum aktuellen Film des Regisseurs Leos Carrax. Sehr einfach und rudimentär. Zugegeben. Aber so sahen die allerersten TV-Sendungen auch aus…

Wer sonst noch Inspiration, An- oder Aufregung braucht, dem seien auf die Schnelle empfohlen: Das verzweigte Netzwerk zum Thema Game Based Learning. Die umfangreiche Games for Change Seite. Und diese Auflistung von Newsgames. Und ja, die Thematik Games in einem wie auch immer gearteten Kontext “Serious”wird breit und kreuz und quer diskutiert. Das Thema Newsgames ist nur ein sehr kleiner Aspekt in einem wabernden sich fortlaufend weiterentwickelnden Großen und Ganzen.

{Disclaimer: Zusammen mit Linda Kruse gründe ich gerade ein kleines Game Studio, das 2013 Serious Games und hoffentlich auch das ein oder andere Newsgame produzieren wird}

Update 2103

Schöner Text zum Thema bei Zeit Online: Der Bürgerkrieg zum Selberklicken


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