Datawrapper – Datenjournalismus schnell und leicht gemacht

by Steffen Leidel on 21. November 2012

Über statistische Daten schreiben Journalisten nahezu täglich. Daten visualisieren sie jedoch eher selten. Inzwischen boomen Tools und Apps mit denen man ohne Programmkenntnisse Infografiken und Datenvisualisierungen erstellen kann. Doch nicht immer genügen diese Werkzeuge professionellen journalistischen Ansprüchen. Im Gegensatz dazu soll der Datawrapper stehen. „Er ist ein Einstiegstool in den Datenjournalismus“, sagt Mirko Lorenz, Journalist und Trainer für Datenjournalismus, der im Innovationsteam der Abteilung Neue Medien der Deutschen Welle arbeitet . Er hatte die Idee zu dem Tool, das er zusammen mit zwei Programmierern entwickelt hat.

„Wir wollen keine Show-Effekt-Charts, uns geht es um die korrekte Darstellung von Diagrammen“, sagt Lorenz. Der Datawrapper ist Open Source und kann kostenlos genutzt werden. Redaktionen auf der ganzen Welt haben mit dem Tool bereits experimentiert, darunter der Guardian Data Blog (Beispiel hier), Le Monde, die Ruhrnachrichten aus Dortmund  und die Deutsche Welle. Der Datawrapper ist auf Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar.

Im Interview erklärt Mirko Lorenz, was man unter „korrekter“ Darstellung von Daten versteht und was die Vorteile des Datawrapper sind.

Wie kamt Ihr auf die Idee, den Datawrapper zu entwickeln? 

Zunächst einmal glaube ich daran, dass datenunterstütztes Reporting im journalistischen Handwerk immer wichtiger wird. Die Untersuchung verfügbarer Zahlen erhöht die Glaubwürdigkeit, liefert Kontext, beantwortet im besten Fall die Fragen der Leser und Nutzer.

Der Datawrapper ist ein Einstiegstool in den Datenjournalismus. Er bietet Journalisten einen sehr simplen Weg, um im hektischen Redaktionsalltag korrekte Diagramme zu erstellen. Wir haben uns vorher viele Tools angeschaut. Many Eyes von IBM  zum Beispiel  verfolgt einen sehr interessanten Ansatz, doch das Projekt wird leider nicht weiterentwickelt. Andere Angebote wie visual.ly  sehe ich eher kritisch. Hier werden Daten mit Show-Effekten dargestellt, der Erkenntnisgewinn ist oft gering. Davon wollen wir uns abgrenzen. Wir haben Anfang November eine neue Version des Datawrapper vorgestellt, die zwar nur eine begrenzte Auswahl von Diagrammen bietet, aber professionellen Ansprüchen genügt.

Du hast gesagt, es gehe darum, Diagramme „korrekt“ darzustellen. Was soll das genau heißen? 

Im Journalismus findet man ja leider immer wieder eine Menge von Negativbeispielen. Wenn der Artikel schon geschrieben ist und kein Bild da ist, beginnt oft die Suche nach Zahlen. Diagramme sind dann nicht mehr als ein Schmuckelement, das eigentliche Potential wird verschenkt. Die Botschaft wird leicht missverstanden und – oft genug – stimmt das gar nicht, was da mit Zahlen behauptet wird.

Man kann mit Diagrammen vieles klarer darstellen, aber auch verfälschen. Nehmen wir ein einfaches Liniendiagramm. Stellt man die Zeitachse gequetscht dar, lässt sich jeder noch so kleine Anstieg an der Börse als Aktienboom darstellen. Oder: Man lässt bei Säulen mal eben die Nulllinie weg und stellt ganz andere Zusammenhänge dar.

Es gibt einfach Regeln für gute Visualisierungen, die sollten Journalisten kennen und beachten. Das beste Buch zum Thema ist von Donna M. Wong, “The Wallstreet Journal Guide to Information Graphics” (Auf Deutsch: „Die perfekte Infografik“). Ein Fehler, der zum Beispiel immer wieder gemacht wird, ist, dass Tortendiagramme zu viele Tortenstücke enthalten. Ihre Zahl sollte nicht höher als fünf sein, nach Beispielen mit mehr als 20 Stücken muss man aber nicht lange suchen. Das ist oft gut gemeint, aber schlecht gemacht. Die Visualisierungs-Spezialisten machen schon Witze über das “Pie Chart”. Solche Fehler wollen wir mit dem Datawrapper verhindern und zugleich den Nutzer unterstützen.

Diese Regeln könnte man ja beherzigen, wenn man andere Visualisierungstools benutzt. Was kann der Datawrapper, was man mit anderen Tools nicht kann? 

Mag sein, aber mit deutlich höherem Zeitaufwand. Gerade Journalisten wollen nicht stundenlang basteln und Farben korrigieren. Der Datawrapper ist für Redaktionen gemacht und wurde durch die Unterstützung des ABZV (Bildungswerk der Zeitungen) überhaupt erst möglich. Daher ist die Nutzung kostenfrei, Redaktionen können die Online-Version mit einem eigenen Layout nutzen oder das Werkzeug auf einem eigenen Server installieren. Im Prinzip kann eine ganze Datenredaktion rund um das Werkzeug aufgebaut werden, dabei wollen wir unterstützen. Wir wollen die Medienmarken stärken, nicht unsere. Das Datawrapper-Logo zum Beispiel kann und soll bei intensiver Nutzung gern entfallen. Wir wollen, dass Journalisten Zahlen nutzen, um die Welt da draußen ein bisschen besser zu erklären.

In drei Schritten zum Tortendiagramm

Das können sie mit anderen Tools wie Google oder visual.ly nicht. Dort werden die Daten immer in irgendeiner Cloud abgelegt, die ihnen nicht gehört. Gerade bei investigativ aufgestellten Redaktionen gibt es oft Vorbehalte, Daten in der Recherchephase bei Google oder anderen externen Anbietern abzulegen. Außerdem kann der Datawrapper auch in seiner Gestaltung an das entsprechende Medium angepasst werden.

Welche Diagramme kann man erstellen? 

Es gibt derzeit vier Grundformen: Säulen, Balken, Linien- und Tortendiagramme. Beim so genannten Donut-Chart kann man die Gesamtmenge in die Mitte eines Tortendiagramms schreiben. Um sie zu erstellen, genügt es, eine Tabelle anzulegen und beim Datawrapper hochzuladen. Das ganze lässt sich dann via Embed-Code einbinden.

Was ist als nächstes geplant? 

Auf der Coding-Seite wird der Datawrapper vor allem von Gregor Aisch weiterentwickelt. Er hat die  Kartenvisualisierungs-Library  Kartograph.org entwickelt, die Redaktionen ein Stück weit unabhängig macht von Google Maps.

In einem späteren Schritt wollen wir komplexere Charts entwickeln, die auch fürs Auge gefälliger sind. Zum Beispiel: interaktive Tree-Maps, mit denen man beispielsweise Staatsbudgets darstellen kann.

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