Nachrichtenagentur AP “ohne Filter”

by Steffen Leidel on 28. Oktober 2012

Charles Dharapak ist zurzeit viel unterwegs und hat bei seiner Arbeit oft keine Hand mehr frei. In der linken Hand hält er ein iPhone4s in der rechten seine Spiegelreflexkamera. Fotos mache er oft mit beiden Geräten gleichzeitig, sagt er. Der Fotograf der Nachrichtenagentur AP begleitet den Tross von US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney.

Die Smartphone-Fotografie macht nun auch nicht mehr vor der Fotoagentur halt, die die meisten Pulitzer-Preise für Fotografie eingeheimst hat. Ein Dutzend Fotografen der Agentur berichten im offiziellen Auftrag via iPhone und der Foto-App Instagram über den US-Wahlkampf. Mehr als 800 Fotos hat Charles bei Instagram schon hochgeladen, über 14.000 User folgen ihm. “Cutting room floor material” nennt Charles das, was er da produziert. Es seien gerade die technischen Grenzen des iPhones, die ihm dabei Spaß machen, schreibt er mir. „Das Ergebnis ist immer unberechenbar.“

Foto: Justin Sullivan

Charles Bilder und die der anderen Ap-Fotografen findet man auf Instagram und Twitter über den hashtag #aponthetrail. Die Bilder zeigen das, was es sonst nie in die Nachrichtenkanäle schafft. Festgehalten werden ungeschminkte Szenen eines durch und durch inzenierten Wahlkampfes. Häufig ist es eine Art Selbstbetrachtung. Abgebildet werden die Journalistenkollegen am Rande einer Wahlkampfrede oder einer Pressekonferenz, im Auto, beim Telefonieren, im Hotel. Meistens warten sie auf irgendwas, meist auf den Kandidaten Romney. Fotografisch sind die Bilder nicht herausragend, manche unscharf und verwackelt. Sie sind vor allem nah dran an der Medienmeute.

Charles fotografiert auch schon mal die Kameraausrüstung der Kollegen, seinen halbleeren Kühlschrank oder die Ohrenstöpsel, die ein Hotel, das an einer lärmenden Bahntrasse liegt, seinen Gästen zur Verfügung stellt. Es ist ein Blick auf das, was Fotografen in der Regel ausblenden. Laut Charles kommt das Instagram-Experiment beim Publikum gut an. Die Bilder werden viel kommentiert und weitergeleitet. Der Reiz liegt für Charles darin, dass  Leute ihm folgen, die er sonst mit seinen „normalen“ Bildern nicht erreichen würde.

AP gibt jedoch Regeln bei der Nutzung von Instagram vor. So dürfen grundsätzlich keine Filter benutzt werden. Charles bearbeitet die Bilder mit der Photoshop Express App, allerdings korrigiert er nur Helligkeit und Kontrast.  In dieser Beziehung hält es AP offenbar etwas anders als andere Medien. Der Fotograf der New York Times Damon Winter nutzte die Hipstamatic-App für eine Reportage aus Afghanistan, der Fotograf Ben Lowy machte mit seinen Hipstamatic-Fotos für Getty Images aus Libyen von sich reden. Die Fotos sind gerade wegen ihrer speziellen Farbgestaltung durch den Hipstamatic-Filter aufgefallen. Diese Bilder würde AP wohl nicht veröffentlichen.

„Fotos, die mit der Hipstamatic-App gemacht wurden oder mit einem anderen Program, das die Farben verändert, wären nicht mit unseren Leitlinien vereinbar“, schreibt mir Santiago Lyon, Foto-Director von Ap in New York, in einem kurzen E-Mail Interview. Er rechnet damit, dass Fotografen künftig ihre Fotos wesentlich schneller und direkter mit Hilfe der sozialen Netzwerke verbreiten werden. “Ich gehe davon aus, dass die Kameras immer kleiner werden, gleichzeitig ihre Auflösung aber immer höher wird. Außerdem werden Fotografie und Video  immer enger zusammenwachsen.”

Bei der Bildbeareitung setzt AP enge Grenzen. Man will unter keinen Umständen seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Insofern sind die Leitsätze auch streng formuliert:

“AP pictures must always tell the truth. We do not alter or digitally manipulate the content of a photograph in any way. The content of a photograph must not be altered in Photoshop or by any other means. No element should be digitally added to or subtracted from any photograph. The faces or identities of individuals must not be obscured by Photoshop or any other editing tool. Only retouching or the use of the cloning tool to eliminate dust on camera sensors and scratches on scanned negatives or scanned prints are acceptable.

Minor adjustments in Photoshop are acceptable. These include cropping, dodging and burning, conversion into grayscale, and normal toning and color adjustments that should be limited to those minimally necessary for clear and accurate reproduction (analogous to the burning and dodging previously used in darkroom processing of images) and that restore the authentic nature of the photograph. Changes in density, contrast, color and saturation levels that substantially alter the original scene are not acceptable. Backgrounds should not be digitally blurred or eliminated by burning down or by aggressive toning. The removal of “red eye” from photographs is not permissible.”

Natürlich kann man lange darüber diskutieren, was man unter „tell the truth“ versteht. Ist nicht auch das Spiel mit der Tiefenschärfe eine Form von Manipulation der Wahrheit? In die Diskussion will ich jetzt nicht einsteigen. Eins ist klar: Bildbearbeitung wird immer raffinierter. Es sei oft kaum noch nachzuvollziehen, ob ein Bild manipuliert wurde, sagt Lyon. Deshalb betreibt AP auch einen hohen Aufwand bei der Verifizierung von Nachrichtenfotos. Besonders im arabischen Frühling zirkulierten Tausende Fotos, die vor allem von Aktivisten in den sozialen Netzwerken verbreitet worden waren und deren Echtheit nur schwer nachzuprüfen war bzw. ist. (Siehe aktuell den Syrien-Konflikt).

AP geht bei der Verifizierung ähnlich vor wie andere Medien. So wird beispielsweise das Wetter abgeglichen, man analysiert den Schattenwurf auf den Fotos, versucht über Satellitenbilder abgebildete Orte zu verifizieren (Siehe hierzu den Artikel von Konrad Weber). Dennoch wird eine Fälschung nicht immer sofort erkannt. Lyon verweist hier gerne auf das Beispiel eines manipulierten Fotos von Überschwemmungen in China, auf das die Agentur reinfiel.  Zu sehen sind darauf Menschen, die bis zur Hüfte im Wasser stehen.  Ein aufmerksamer Leser machte die Agentur darauf aufmerksam, dass etwas mit dem Foto nicht stimme. Als die Agentur den Fotografen mit dem Vorwurf konfrontierte, räumte der ein, dass er die Wasseroberfläche künstlich erhöht hatte. Eigentlich reichte den Leuten das Wasser nur bis zu den Knien. Die Agentur beendete die Zusammenarbeit mit dem Fotografen (einen weiteren Fall von Manipulation gibt es hier).

In besonders schwierigen Fällen nutzt die Agentur die Dienste eines Wissenschaftlers. Der Digitale Forensiker Hany Farid hat Techniken entwickelt, die auch Bildmanipulationen aufdecken, die mit bloßem Auge niemals erkennbar wären.

Linktipp:

Detecting the Truth in Photos. Santiago Lyon beschreibt in diesem Beitrag für die Nieman Reports das Problem der Bildmanipulation

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