Datenvisualisierungen und Infografiken – „Funktional wie ein Hammer“

by Steffen Leidel on 15. Juli 2012

Die Visualisierung von Daten ist eines der Trendthemen im Netz. Inzwischen gibt es immer mehr Tools, mit denen jedermann Infografiken erstellen kann. Das, was über die sozialen Netzwerke so herumgeschickt wird, ist meistens vor allem bunt, hat große Lettern und lustige Icons -  und bringt oft wenig Informationsgewinn.

Was macht dagegen eine gute Infografik oder Datenvisualisierung aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich Alberto Cairo seit mehr als 15 Jahren. Seine Stimme hat Gewicht in der internationalen Szene von Infografikern. Im September erscheint sein Buch „The Functional Art – an introduction to Information Graphics and Visualization“. Dafür hat Cairo zahlreiche große Namen aus der Branche interviewt und erklärt detailliert, was eine professionelle Infografik ausmacht. „Sie ist so funktional wie ein Hammer, vielschichtig wie eine Zwiebel und so schön und wahrhaftig wie eine mathematische Formel“, sagt er. In mehreren Kapiteln seines Buches beschreibt er auch die Grundlagen der Wahrnehmungspsychologie, die jeder Grafiker, aber auch Journalist kennen sollte.

Das Netz ist voll von Infografiken. Sie stammen schon längst nicht mehr nur von klassischen Medien, jeder kann heute mit einfachen Tools Daten visualisieren. Woher kommt dieser Hunger nach Visualisierung?

Es kommen hier mehrere Faktoren zusammen. In den letzten Jahren sind die Zahl und die Vielfalt von Tools, mit denen man Infografiken und Visualisierungen machen kann, regelrecht explosionsartig angestiegen. Die Werkzeuge sind billiger geworden und einfacher in der Handhabung, auch für ein allgemeines Publikum. Es gibt Tools wie Google Charts, Many Eyes und viele andere, mit denen man einfach und automatisiert Grafiken erstellen kann. Außerdem ist die Verfügbarkeit von Daten heute ganz anders als früher. Als ich vor 15 Jahren als Infografiker anfing, war es viel mühsamer, Daten zu sammeln. Transparenz-Gesetze haben dazu geführt, dass viele demokratische Regierungen ihre Daten systematisch ins Netz gestellt haben. Auch viele Unternehmen tun dies. Der dritte Punkt ist, dass die Datenfülle selber es nötig macht, Tools zu verwenden, die es uns erleichtern, diese Daten zu verstehen. Das menschliche Gehirn und das Auge haben einfach große Schwierigkeiten damit, aus numerischen Tabellen Botschaften herauszulesen. Wenn wir Zahlen visuell darstellen, können wir dagegen sehr schnell Trends und Muster herauslesen.

Wir sind von Natur aus sehr visuelle Wesen. In deinem Buch widmest Du drei Kapitel der kognitiven Psychologie, die der Frage nachgeht, wie wir Dinge wahrnehmen. Wie wichtig sind Erkenntnisse aus dieser Disziplin für Infografiker und Journalisten?

Es gibt  viele Erkenntnisse der kognitiven Psychologie, die uns in der täglichen Arbeit nützen können. Warum lesen wir, wie wir lesen, warum funktionieren manche Grafiken und andere nicht? Warum nehmen wir manche Farben besser wahr als andere? Wenn Du in einer Grafik eine visuelle Hierarchie etablieren willst, musst Du verschiedene Farbtöne verwenden. Du wirst dann nicht für alle Elemente der Grafik kräftige Farben verwenden, sondern nur für die, die Du hervorheben willst. Da nimmst Du dann vielleicht ein kräftiges Rot, das unsere Aufmerksamkeit erregt. Für die sekundären Elemente verwendet man dann eher Grau- oder Pastelfarben. Bei der Auswahl der Farben kann dir die kognitive Psychologie weiterhelfen.

Sollten sich Journalisten in ihrer Ausbildung mit kognitiver Psychologie beschäftigen?

Ich denke schon. Die Erkenntnisse der Psychologen sind nicht nur für die visuelle Kommunikation interessant, sondern gelten ja auch für Text. Ich empfehle zum Beispiel das Buch des französischen Kognitionswissenschaftlers Stanislas Dehaene, Reading in the Brain. Er erklärt, wie das Gehirn Textinformation verarbeitet und hilft auch zu verstehen, warum manche Typographie besser lesbar ist als andere.

Viele würden bei der Bewertung von Infografiken sagen, dass es oft auch einfach nur eine Frage des Geschmackes ist, ob man etwas gut findet oder nicht.

Das ist es aber nicht. Es gibt Dinge, die basieren einfach auf der Struktur und der Funktionsweise des Gehirns und des Auges. Zum Beispiel: Wenn man eine Infografik machen will, um Zahlen präzise zu vergleichen, dann ist ein Säulendiagramm einfach besser geeignet als ein Blasendiagramm. Unser Gehirn hat Schwierigkeiten Flächen zu vergleichen. Es kann viel einfacher Längen oder Höhen abschätzen. Das ist keine Frage des Geschmacks.

Über Twitter und Facebook wird eine wahre Flut von Infografiken verbreitet. Wie kann man da die Spreu vom Weizen trennen?

Unter den guten Beispielen finden sich die Arbeiten der New York Times, des Guardian oder der Washington Post. Es gibt auch einige herausragende Freelancer wie Moritz Stefaner  oder Jan Willem Tulp. In Deutschland finde ich auch zum Beispiel Gregor Aisch sehr gut [Weitere Beispiele im Blog von Alberto Cairo]. Im Internet findet man aber auch viele Infografiken, die nicht funktionieren, denn sie missachten eine einfache Grundregel. Das Erste, was man sich fragen muss ist: Welchen Zweck verfolge ich mit der Visualisierung? Deshalb habe ich mein Buch ja auch “The Functional Art” genannt. Infografik ist nicht einfach Kunst, sondern es ist eine Kunst, die uns helfen soll, Information besser zu verstehen und zu analysieren. Die Ästhetik ist wichtig, aber zunächst muss man erst einmal eine visuelle Struktur entwickeln, die das Gehirn leicht versteht. Diese einfache Regel hat weitreichende Konsequenzen. Die Form richtet sich nach der Funktion und nicht umgekehrt. Ich sage immer, eine Infografik ist wie ein Hammer. Seine Form hat eine Funktion. Natürlich kann diese Form variieren. Aber die Grundstruktur ist immer die gleiche. Es geht also nicht vorrangig darum etwas Schönes, Ästhetisches zu kreieren. Es geht erst einmal um die Struktur, die Ästhetik ist ihr Nebenprodukt.

Kannst Du uns ein paar gelungene Beispiele nennen?

Für mich ist die New York Times derzeit die Referenz für Datenvisualisierungen weltweit. Ihre Qualitätsstandards sind enorm. Die entsprechende Abteilung umfasst 30 Personen. Das sind nicht nur viele Leute, sondern sie gehören auch noch zu den Besten ihres Faches. Es gibt Karthographen, Statistiker, Grafikdesigner, Programmierer und Journalisten. Ich mag zum Beispiel die wöchentliche Kolumne Metrics der New York Times, die Text und Infografik verbindet. Ich hatte Moritz Stefaner schon erwähnt. Seine Arbeit ist außergewöhnlich, denn sie ist künstlerisch und ästhetisch und gleichzeitig funktional. Er denkt wie ein Künstler, ist aber gleichzeitig auch ein Wissenschaftler. Er hat kognitive Psychologie studiert und er kennt sich aus mit Statistiken. Ein weitere Referenz ist National Geographic. Was hier hervorsticht, ist die enorme Präzision der Daten. Ein Beispiel: in der Illustration des Göbekli Tepe in der Türkei sind sogar die Farben des Grases oder des Holzes originalgetreu. Dafür hat man mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet. Alle Details stimmen.

Um solche komplexen Infografiken zu machen, braucht man zahlreiche Kenntnisse. Brauchen wir im Journalismus neue Berufsprofile?

Ja, das ist offensichtlich. Andy Kirk hat in seinem Blog visualisingdata einen sehr interessanten Post dazu geschrieben: The 8 hats of data visualisation design. Er spricht darin von 8 Profilen, die man in einer Infografik-Abteilung braucht, um gute Visualisierungen zu produzieren. Wenn die Abteilung nur aus drei bis vier Leuten besteht, muss logischerweise jeder mehrere Hüte tragen. Ja, wir brauchen neue Jobprofile. Es dabei vor allem darum, sich konzeptionell, aber auch technisch besser aufzustellen. Bis vor 10 Jahren hätte niemand daran gedacht, dass Programmierer Teil einer journalistischen Redaktion sein könnten. Heute müssen Programmierer und Hacker Teil einer Redaktion sein.

Wir hatten schon kurz erwähnt, dass es inzwischen immer mehr Tools gibt, mit denen man kinderleicht Infografiken erstellen kann. Was taugen die?

Jedes Werkzeug kann für etwas Gutes und für etwas Schlechtes verwendet werden. Zum Beispiel: Excel, ein Programm, das ich täglich nutze. Die Grafiken, die  man mit den Default-Einstellungen von Excel erstellen kann, sind schrecklich. Es geht darum, dass man sich nicht von einem Werkzeug dominieren lässt, sondern umgekehrt. Bevor man es benutzt, braucht man erst einmal konzeptionelle Kenntnisse. Wenn man die hat, kann jedes gut gemachte Programm nützlich sein, sei es Photoshop oder visual.ly. Vor allem im Marketing und PR-Bereich fehlen aber oft diese konzeptionellen Kenntnisse. Viele Grafiken, die heute zirkulieren, präsentieren einfach Zahlen, ohne diese in ihren Kontext zu setzen. Sie bleiben an der Oberfläche. Einfach ein paar Zahlen zu präsentieren, die mit ein paar netten Illustrationen garniert sind, reicht nicht für eine gute Infografik.

Alberto Cairo begann seine Karriere als Infografiker in Galicien bei der Regionalzeitung Voz de Galicia. Doch schon bald wurde er Chef der Grafik-Abteilung bei El Mundo in Madrid, einer der größten Tageszeitungen Spaniens. In dieser Zeit gewann er mehrfach international anerkannte Preise mit seinem Team (u.a. Malofiej und Society for News Design (SND). Danach war Cairo Leiter für Multimedia und Infografik bei der Editora Globo, der Magazin-Abteilung der größten Mediengruppe in Brasilien. Cairo verbindet wie kaum jemand in seiner Branche Praxis und Lehrerfahrung.  Er war Dozent an der School of Journalism der University of North Carolina-Chapel Hill und unterrichtet seit Januar 2012 an der School of Communication an der University of Miami. Für die Tageszeitung El País schreibt er regelmäßig Posts zur Zukunft des Journalismus.

Linktipps zu kognitiver Psychologie und Wahrnehmung von Grafiken

Colin Ware: Information Visualization

Stephen Kosslyn: Graph Design for the Eye and Mind

M. MacEachren: How Maps Work: Representation, Visualization, and Design

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