Ch-ch-ch-ch-Changes

by Marcus Bösch on 23. Mai 2012

http://www.flickr.com/photos/sdasmarchives/6996745802/

Ein Text über alt und neu. Mit Robotern, Google News, Andrew DeVigal, der Maiskolbenfrau und natürlich Value. Einige Weiterlesemempfehlungen wurden aus Servicegründen blau unterlegt…

Mike Jones sitzt vor kurzem im Publikum einer Transmedia Storytelling Konferenz und regt sich fürchterlich auf. Da oben steht ein so genannter Transmedia Guru und verkündet das, was selbsternannte Experten des Wandels derzeit so verkünden. Diese Technologien würden eine ganz neue Form des Geschichtenerzählens erfordern. Alte Mittel und Wege würden nicht mehr funktionieren.

Bullshit

schreibt Mike Jones in sein Blog. Und ergänzt, es handle sich dabei um: empty, vacuous, ignorant, presumptive, absurd and fascicle weasel-word statements.  Ergänzend verlinkt er die Facebook-Notes von Brian Clark :

None of this transmedia stuff is new. We all knew that was a lie, that storytelling hadn’t changed at all, let alone “forever,” and we all went along with it. We use the phrase “transmedia” as an excuse to believe we’re inventing stuff and thus don’t need to learn what came before.

Angenehm. Und damit herzlich willkommen im derzeit leider immer noch vorherrschenden Diskurs: Alt versus Neu. Neu versus Alt. Mit dieser herrlich einfachen Gegenüberstellung wird auch im journalitischen Kontext 2012 immer noch hantiert, erklärt, gestritten, sich profiliert und positioniert. Schluss damit!

My friend argued this was nothing new. Time started as a full-fledged aggregator almost 89 years ago. A quick visit to the library confirmed his statements. Sure enough, all 29 pages of the black and white weekly … were packed with advertisements and aggregation. … it was rip-and-read copy from the day’s major publications — The Atlantic Monthly, The Christian Science Monitor, and the New York World, to name a few. (*)

Ein Prozess. Eine Entwicklung

Auf dem Campus der Harvard Universität (die ja übrigens das Tolle Motto ,Veritas‘ also Wahrheit hat), genauer in der Bibliothek des Lippman Hauses, da wo die Nieman Foundation residiert, hält vor gut zwei Wochen Richard Gringas einen Vortrag. Gringas arbeitet seit 30 Jahren in der Newsbranche und hat im Moment den Job Head of News Products bei Google.

Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels wird nicht nachlassen, sagt er und schiebt dann hinterher: to think of our current time as a transition between two eras, rather than a continuum of change, is a mistake.“ Ein Prozess. Eine Entwicklung. Weiter begleiten werden uns dabei natürlich die Standardsituationen der Technologiekritik und der Technologiebegeisterung, die Kathrin Passig herausgearbeitet hat. (Da sie jetzt herausgearbeitet sind, kann man da jederzeit drauf verweisen und muss das nicht alles wieder und wieder diskutieren.)

Things hardly recognizable as journalism

In diesem Prozess der Veränderung ändern sich auch Perspektiven und Möglichkeiten. Sehr schön zeigt das der Multimedia-Redakteur der New York Times Andre DeVigal mit zwei Charts in seinem Tumblr. Immer ausgehend von einem starken Narrativ denkt man bei der New York Times ab ca. 2009 eher multimedial, inzwischen sind aber ganz neue Kategorien und Denkmodelle wie Games, Physical Spaces und Mobile dazugekommen. Kein Wunder, schließlich hat sich DeVigal auch links und rechts der eigenen Profession umgesehen.

Und damit zu einem Herrn namens Stijn Debrouwere, der Anfang Mai ein sehr bemerkenswertes Posting schrieb. Lorenz Matzat hat hier  relevante Teile des Postings auf deutsch zusammengefasst: Er {Debrouwere} bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Debatte über die Zukunft des Journalismus führen meist Journalisten. Und die können aus ihrer Binnensicht heraus nach wie vor nicht fassen, was Debrouwere schreibt: „Ich denke, Journalismus wird ersetzt“. Und noch mal auf den Punkt im Original: The entire point is that journalism is not being disrupted by better journalism but by things that are hardly recognizable as journalism at all.

Traffic-whoring duty

Viel zu schön um es nicht zu zitieren auch ein Satz von Steve Yelvington, den Debrouwere verlinkt. Er stammt aus dem Jahr 2009. “You’re not competing on the basis of whether you have unique news. You’re competing with the entire world on the basis of the value that consumers get out of your product.”

Value. Wert. So wie bei Is It Better to Buy or Rent? Die Frage immer aus Nutzerperspektive: Warum soll ich um alles in der Welt Zeit darauf verwenden mir Dein Angebot im Netz anzuschauen? Die Frage aus Macherperspektive: Wie viel Ressourcen sind nötig, um dieses Angebot zu erstellen? Und was könnte man mit diesen Ressourcen sonst anstellen? Unbedingt lesenswert in diesem Kontext ist der Text  I can’t stop reading this analysis of Gawker’s editorial strategy bei Nieman, ein Bericht über konkrete Maßnahmen zur Versöhnung von Qualität und Quantität. Dort auch der Link zur Maiskolbenfrau.

Shit look at that

Daraus ableiten lässt sich meiner Meinung nach ein recht glasklarer Dreischritt für Produkte im Netz. Zuerst ein SLAT – ein Shit-look-at-that-Moment, um im Info Overload wahrgenommen zu werden. Dann muss auf Teufel komm raus Mehrwert für den Nutzer her – fast sekundär, ob es sich hierbei um Service, News, Erfahrung, Unterhaltung oder sonst ewas handelt. Gefolgt von einem kaum verzichtbaren Call-to-Action. Mach irgendwas. Erzähl es Deinen Freunden, Teile die Botschaft, werde Mitglied, renn auf die Straße. Bei der Umsetzung empfiehlt es sich die Möglichkeiten von Mensch und Maschine optimal zu verbinden.

Statt auf technische All-inclusive Lösungen zu setzen, braucht es weiter Menschen, um Geschichten zu erzählen, am besten die, die sie als Cyberflaneur eingesammelt haben. Schnelle Sport- und Wirtschafts- und Gebrauchsberichterstattung können derweil ja gerne Maschinen übernehmen.

Meiner Ansicht nach sollte man noch mal weiter in Richtung Business Class für Journalismus denken. Während die Passagiere in der Economy ihren gesponsorten Werbedrink von einem Automaten bekommen, der Plastikcoins für das Facebookweb an Board verteilt, laufen weiter vorne lebendige Flugbegleiter herum. Vielleicht ja mit handgebügelten Zeitungen aus Papier, voll mit Geschichten. Dazu komisch anmutende Apparate auf denen alte Folgen von This American Life laufen.

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