Onlinejournalismus – eine Wortklauberei

by Steffen Leidel on 8. Februar 2012

Der Begriff des Onlinejournalismus bereitet mir seit geraumer Zeit Unbehagen. Es ist ein Terminus, der als Fachbegriff getarnt daher kommt, meist aber mächtig ideologisch aufgeladen wird. David Bauer von der Schweizer Tages-Woche will deshalb gar nicht mehr von Onlinejournalismus sprechen:

“Das vorangestellte «Online» modifiziert das Wort «Journalismus». Die implizite Bedeutung des zusammengesetzten Worts ist demzufolge: Der Journalismus wird modifiziert, wenn er online geht. Darin enthalten ist eine Wertung: «Onlinejournalismus» ist mehrheitlich negativ konnotiert und wird nicht selten dazu verwendet, um eine Abgrenzung zu einem Idealbild von Journalismus vorzunehmen.”

In der Tat sind es nach wie vor nicht wenige in der deutschsprachigen Journalistenzunft, die auch im Jahr 2012 unter Onlinejournalismus das Einstellen von Texten und Bildern in ein CMS verstehen. Und man kann ihnen dieses Verständnis auch nicht wirklich Übel nehmen, denn in vielen Medienhäusern ist diese Art von “Onlinejournalismus” ja nach wie vor gelebte Realität (Deshalb verwundert es nicht, dass die Jury des CNN-Awards für junge Journalisten in diesem Jahr auf eine Nominierung in der Kategorie Online verzichtet, da schlicht zu wenige preiswürdige Beiträge eingereicht wurden.)

Onlinejournalismus versus Journalismus?

So verstanden bringt uns der Begriff aber nicht weiter, denn er macht die Debatte um die Zukunft des Journalismus zur Glaubensfrage, die leider nur selten ohne gegenseitige persönliche Angriffe der Diskutanten auskommt, sachliche Argumente treten in den Hintergrund. Wer möchte, kann sich in diesem Zusammenhang ja noch mal die Debatte um das “neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus” der “Grandseigneurs der Journalistenausbildung” (Meedia) Wolf Schneider und Paul Josef Raue zu Gemüte führen.

Ich will hier nicht noch eine Besprechung des Buches absondern. Ich bin schon vor einigen Wochen zufällig am Zeitungskiosk am Flughafen über dieses aktualisierte “Standard-Werk” gestolpert. Was mir ins Auge stach, war der Titel. Auf dem Buchdeckel prangt in großen Lettern das Wort “Journalismus”, klein gedruckt folgt “und des Onlinejournalismus”.

Wahrscheinlich wollten die Autoren/der Verlag aus marketingtechnischen Gründen einfach daraufhin weisen, dass das “Standard-Werk” jetzt aktualisiert daherkommt. Dennoch finde ich diesen Buchtitel unglücklich gewählt. Auch wenn es nicht gewollt ist, suggeriert der Titel, es gebe einen Unterschied zwischen Journalismus und Onlinejournalismus. Das wird dem Mythos gerecht, der in viele Journalistenhirne einbetoniert zu sein scheint. Nämlich: Onlinejournalismus ist ein Anhängsel des echten, wahren Journalismus der Edelfedern und Grandseigneurs. Viele verstehen Onlinejournalismus als den Wurmfortsatz des Journalismus. Und der ist klein, unwichtig und meistens entzündet.


Ganzheitliches Verständnis von Journalismus

Immerhin: Dass sich etwas – und zwar strukturell – verändern muss, ist inzwischen Konsens in der Medienbranche. Problematisch finde ich jedoch, wenn wir weiterhin einer Denke verhaftet sind, die wie eh und je zwischen den Kategorien  Print, TV, Radio und eben Online unterscheiden.

Solch ein Verständnis hat schwerwiegende Folgen auf strategische Entscheidungen. Es beeinflusst die Gestaltung von Ausbildungsplänen, es bestimmt  Workflows in Redaktionen. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass es Innovation verhindert, überkommene Strukturen verfestigt und die kommende Journalistengeneration frustriert.

Online als frei stehende Extrakategorie zu Print, TV und Radio zu definieren macht nicht mehr viel Sinn. Die junge Generation macht keinen Unterschied mehr zwischen Online und Offline, denn sie ist immer online. Online- und Offline-Welt verschmelzen, das Internet beeinflusst heute nahezu jeden Aspekt unseres Lebens.

One Brand, All Media

Was muss man daraus für den Journalismus folgern? Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz: Onlinejournalismus ist also kein Anhängsel und keine Extrakategorie mehr, sondern ein natürlicher, integraler Teil von Journalismus. Er ist damit auch nicht ein Journalismus, der neben Radio, TV und Printjournalismus steht, sondern jeder Radio-, TV und Printjournalismus ist auch Onlinejournalismus.

Dass sich das ZDF auf Twitter jetzt @zdf nennt und nicht mehr @zdfonline ist nur folgerichtig. Auch die Süddeutsche Zeitung will nicht mehr unterscheiden zwischen Süddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de (Ich frage mich, wie lange der Spiegel im Netz immer noch Spiegel Online sein will und nicht einfach Der Spiegel. Dass diese Unterscheidung nicht mehr viel Sinn macht, merkt man an der iPad-App, wo die Kompetenzen der Printredaktion und der Onlineredaktion immer mehr verschmelzen). Es waren eigentlich selten die Nutzer, sondern vielmehr wir Journalisten selber, die so eine gekünstelte Trennlinie zwischen der traditionellen Marke und der ausgelagerten Online-Version gemacht haben. So als ob wir uns vorauseilend entschuldigen müssten für die schlechtere Qualität des im Netz angebotenen Inhaltes.

“One brand, all media”, heißt auch für die Deutsche Welle die Devise, die sich vor ein paar Tagen von einer verwirrenden Anzahl von Absendern (DW-TV, DW-RADIO, DW-WORLD) verabschiedet hat. Es gibt nun nur noch eine DW, eine Marke für alle Medienangebote.

Alte und neue Logik

Hier geht es um mehr als um Marketing und semantische Kosmetik. Jeder Journalist – egal ob er vorrangig für eine TV-Sendung, ein Radioprogramm oder eine Tageszeitung arbeitet – muss heute die digitalen Verbreitungskanäle berücksichtigen. Dass diese eigentlich simple Erkenntnis noch nicht in allen Journalistenköpfen angekommen ist, habe ich kürzlich bei einem Seminar erlebt, das ich für Printjournalisten abhielt.

Über zwei Stunden machten wir ein Brainstorming zu neuen Formaten für die Website. Es ging darum, wie man mehr Interaktivität mit den Lesern hinbekommen könnte. Am Ende war eine große Tafel vollgeschrieben mit tollen Ideen. Dann kommentierte ein Redakteur: “Das ist natürlich ein bisschen viel für unseren Onliner.” Er kam offensichtlich gar nicht auf die Idee, dass auch er, der Zeitungsjournalist, mal etwas für die “digitale Welt” produzieren könnte. In seiner Denke muss alles, was mit dem Internet zu tun hat, irgendwie von der Onlineredaktion erledigt werden.

Zu diesem Schluss kommt man zwangsläufig, wenn man der alten Logik der Kategorisierung in Print,TV, Radio und Online folgt. An diesem Beispiel sieht man m.E. sehr gut, wie so auch viel Innovation ausgebremst wird. Denn an Ideen mangelt es nirgends. Nur wenn es an die Umsetzung geht, stößt man oft an die Kapazitätsfrage:  “Wir können doch jetzt nicht die Onlineredaktion verdoppeln”, heißt es dann immer wieder. Nein, muss man ja auch nicht. Es würde genügen, wenn die Print-, TV- und Radio-Journalisten begreifen, dass sie selbst mit Hand anlegen müssen. Onlinejournalismus ist heute – wenn wir bei den Kategorien bleiben wollen – eine Überkategorie. Für jedes Print, TV oder Radioprodukt muss die Umsetzung im Netz von vorneherein mitgedacht werden, nicht erst, wenn alles schon produziert ist.

“Everything old is new again”

Journalismus im Netz beschränkt sich eben nicht auf das Umarbeiten von für die klassischen Vertriebskanäle produzierten Inhalten. Wenn wir Journalisten allesamt mal anfangen würden, Onlinejournalismus nicht nur mit der Eingabe von Content in ein CMS gleichzusetzen, sähen viele das Internet nicht mehr als bedrohliche Ödnis , sondern als das, was es ist: eine Erweiterung des kreativen Gestaltungsraums von Journalisten.

Es geht darum, Journalismus weiterzumachen wie bisher, nur ohne Scheuklappen. “Everything old is new again”, heißt es in der digitalen Strategie des Economist, der von vielen – zu Recht – als leuchtendes Beispiel im Medienwandel gesehen wird. Und weiter: “It is actually a tsunami that demands urgent re-examination of everything that constitutes a media business.”

Das Denken bestimmt unser Handeln. Der digitale Wandel wäre wesentlich einfacher zu gestalten, wenn wir endlich die absurde Unterscheidung zwischen Journalismus und Onlinejournalismus ad acta legten. Immerhin: Wolf Schneider hat das offenbar schon getan. Als er im Interview mit meedia gefragt wird, ob der Print- dem Onlinejournalismus überlegen sei, antwortete er: „(..) tendenziell lässt sich der Online-Journalismus nicht vom Print-Journalismus unterscheiden. Mathias Müller von Blumencron mit seinem Spiegel Online, das ich regelmäßig lese, ein Schüler von mir, hat ihn unter anderem auf eine Höhe gehoben, mit der man durchaus leben kann.“

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Hans Altmeyer Februar 9, 2012 um 10:19

Man kann solch eine „Wortbetrachtung“ natürlich ganz nach Belieben mit semantischen Teilaspekten aufladen und so ein Problemwort schaffen. Das geht aber im Ergebnis nicht nur an der Realität vorbei, sondern verkennt auch die Anforderung der einzelnen Medien.

Ganz übel stößt mir eine Bemerkung wie diese auf: „Es würde genügen, wenn die Print-, TV- und Radio-Journalisten begreifen, dass sie selbst mit Hand anlegen müssen.“ Das ist doch haargenau die Verlegerlinie, die davon ausgeht, dass beispielsweise Printredakteure Online noch nebenbei erledigen, obwohl sie ohnehin an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Und es ist nicht nur fehlgeleitetes Spardenken, sondern verkennt auch, dass die Arbeit für verschiedene Medien verschiedene Anforderungen stellt.

Texten für Online unterscheidet sich – wenn man es richtig macht – deutlich vom Texten für Print, dieses wiederum von dem für Hörfunk, und Radiotexte sind anders als TV-Texte. Journalistische Arbeiten unterliegen nun einmal medienspezifischen Anforderungen. Ein Allrounder kann vielleicht von vielem etwas, aber dann doch nichts richtig.

Oder hätte man vor 60 Jahren formulieren sollen „Es würde genügen, wenn die Print-Journalisten begreifen, dass sie beim Fernsehen selbst mit Hand anlegen müssen.“?

Bernd Oswald Februar 9, 2012 um 12:23

Chapeau, Herr Leidel! Ich habe schon lange keine so differenzierte Abhandlung über das journalistische Berufsbild gelesen. Ich stimme vollkommen zu. “one brand, all media”, das hatte die FTD aber schon vor ein paar Jahren, der Ansatz ist aber dennoch richtig.
@Hans Altmeyer: Es geht ja nicht darum, dass jeder Journalist alles machen muss, das macht wirklich keinen Sinn. Aber dass man Themen breiter denkt, das wird eine Anforderung sein, vor der sich Printjournalisten nicht werden drücken können. Ich sehe die Zukunft auch darin, die Mediumsgrenzen “Print” und “online” einzureißen, die Ressourcen zusammenzulegen und in Teamarbeit Themen zu konzipieren.

Wolfgang Donsbach Februar 10, 2012 um 08:57

Nett und klug – aber letztlich ein Streit um Worte und damit unnötig. Natürlich gibt es einen Kern journalistischer Tätigkeit und Kompetenz, die unabhängig von der Plattform ist: Dazu gehören bestimmte Prozeduren (audiatur et altera pars, Quellen-Check, Gegenlesen etc.), bestimmte Qualitätsstandards (Neutralität, Faktengenauigkeit, Recherchetiefe etc.) und ein bestimmtes Rollenverständnis (nämlich all dies zu beherzigen und sich in einer neutralen, dienenden Funktion zu sehen). Dieser Kern des Journalismus als gesellschaftlicher Institution ist unabhängig von der Plattform. Unser Paper bei der nächsten Konferenz der International Communication Association im Mai heißt: “It’s the profession, not the platform -stupid!” Es zeigt auf breiter empirischer Basis, welchen Riesenqualitätsunterschied es macht, ob man sich über professionelle Medien zu den wichtigsten Themen des Tages informiert, oder über Blogs.

ABER: Es gibt eben innerhalb des professionellen Journalismus spätestens seit Aufkommen der Zeitschriften (neben den Zeitungen) im 18. Jahrhundert und dann später mit Radio und Fernsehen bestimmte Spezialisierungen, die die Art der Umsetzung dieser genannten Standards betreffen. Nachrichten auf online vermittelten Medien aufzubereiten, erfordert eben bestimmte Kompetenzen – ebenso wie dies für Fernsehen, Hörfunk oder die Tageszeitung zu machen. Diese Differenzierung als Diskriminierung zu sehen, ist also unnötig. Gleichwohl sehen manche den Zusatz “online” zu Journalismus in der Tat als etwas Minderwertiges an. Dies ist die quasi natürliche Folge von minderwertigen Produkten, die sich als “Journalismus” gerieren und die es eben online tausendfach häufiger gibt als gedruckt oder gesendet.

Bernd Oswald Februar 10, 2012 um 10:50

@Wolfgang Donsbach: der von Ihnen benannte Kern der journalistischen Kompetenz ist medienunabhängig wichtig, das bestreitet niemand. Auf ihr Paper bin ich gespannt (griffiger Titel…): So pauschal kann man das sicher nicht sagen, weil es schon sehr davon abhängt, welche professionellen Medien es sind, welche Blogs und vor allem um welche Themen es geht. Es gibt professionelle Medien, die sehr oberflächlich und mit viel Fremdmaterial arbeiten und auf der anderen Seite Expertenblogs, die viel tiefer in einem Thema drin sind als mancher Journalist.

Andreas Lerg Februar 20, 2012 um 09:42

Einen Aspekt könnte man hier noch anführen, warum vor allem Verlage lange (und teilweise immer noch), diese Trennung zwischen Journalismus und Online-Journalimus “leben”. Dieser Trennstrich war und ist manchmal noch das willkommene Instrument, um Online-Redakteure schlechter zu bezahlen, als “normale” Redakteure. Wer nur ins Netz schubst, was die “echten Kollegen” erstellen, dem darf man ruhig weniger zahlen.

David Bauer November 5, 2012 um 10:29

Es geht neben der implizierten Wertung des Worts «Onlinejournalismus» auch noch um etwas anderes, was in der Praxis vermutlich weitreichender ist. Ich habe dies in meinem Artikel «Schluss mit Onlinejournalismus» nachträglich ergänzt:

«Printjournalismus», «Radiojournalismus» oder «Fernsehjournalismus» beschreiben als solche nicht das Endprodukt mit Nennung des Verbreitungskanals wie es «Journalismus im Netz» tut, sie beschreiben den Prozess. Dies spiegelt sich auch in Berufsdefinitionen wie «Radiojournalist» oder «TV-Journalist». Ich halte das für fragwürdig. Die Aufgabe von Journalisten sollte es sein, Journalismus zu betreiben, der zumindest zu Beginn einer Recherche den Verbreitungskanal offen lässt. «Onlinejournalismus» zu betreiben, impliziert, dass man bereits weiss, dass die Geschichte online erscheint, bevor man sie begonnen hat. Der Verbreitungskanal einer Geschichte sollte aber nicht durch den Stellenbeschrieb des zuständigen Journalisten definiert werden, sondern dadurch, über welchen Kanal sich die Geschichte am besten erzählen lässt. Dass dies in der Praxis nicht immer zu bewerkstelligen ist, ist klar (ich selber wäre aufgrund meiner Fähigkeiten nicht in der Lage, eine Geschichte fürs Fernsehen zu machen, selbst wenn sie da am besten funktionieren würde), anstreben sollten wir es aber auf jeden Fall. Und diese Absicht somit auch sprachlich unterstreichen.»

Jovog November 5, 2012 um 22:35

Die Praxis sieht aber ziemlich anders aus: bei STERN, ZEIT oder SPIEGEL sind Print- und Online-Ausgaben grundverschieden, ich weiß nicht wieviel Überschneidung es bei Süddeutsche und SZ.de gibt. Zeit.de versucht, sich mit online-spezifischen Inhalten (z.B. Datenvisualisierung) zu profilieren. Technisches Verständnis und Multimedia-Skills sind für Online-Journalisten wichtiger denn je. Der Wunsch, den ‘Online-Jounalisten’ zu killen, entspricht einem überkommenen Kanon, der ‘online’ als minderwertig einstuft. Als Berufsbild ist der ‘Online-Journalist’ aber genauso sinnig wie der Print- oder TV-Journalist (und natürlich sind alle first and foremost Journalisten).

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