Zeit für Experimente

by Steffen Leidel on 2. Februar 2012

Im Bild: die Empfangsanlage Bockhacken der DW, etwa 1980 (Bildmontage sl)

Was bedeutet das Internet für uns Journalisten? Wie verändert es unseren Alltag, wo durchbricht es althergebrachte Routinen, wo erweitert es unseren Gestaltungsspielraum? Was ist in dem ganzen Medienwandel Hype, was von dem Neuen wird bleiben?  Diese Fragen stehen hinter all den Einträgen, die Kollege Bösch und ich hier im lab-Blog in den vergangenen drei Jahren geschrieben haben. Wie alle Medienunternehmen ist auch die Deutsche Welle auf dem Weg zum Multimedia-Unternehmen. Das geht nicht von heute auf morgen und schon gar nicht ohne, dass Fragen und Zweifel aufkommen.  Die Abteilung Interne Kommunikation der DW hat uns gebeten, auf fünf Statements zu antworten, die in dem Reformprozess immer wieder zu hören sind und wahrscheinlich nicht allein DW-spezifisch sind.

Wir dokumentieren hier unsere Antworten. Sie geben unsere rein persönlichen Meinungen wieder. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Erfahrungen!

1. “Wir starten da ein Multimediaprojekt, wir haben ja kein Radio mehr. Mit Audios, Bildergalerien und Reportagen. Und – ach ja – neben dem Multimediaprojekt soll es auch noch Videos geben, Apps wohl auch … ”

Multimedia ist ein schwammiger Begriff, der heute für alles und nichts gebraucht wird. Strenggenommen ist ein Artikel mit Audioclip oder Foto auch schon ein Multimediabeitrag. Im Internet können alle Mediengattungen zum Einsatz kommen. Allerdings sollte Multimedia niemals Selbstzweck sein. Die Versuchung ist groß, das Internet als Medium mit den unbegrenzten Möglichkeiten auszureizen. Das ist leider nicht immer zum Nutzen des Users. Als Autor überlegt man am besten immer, welches Medium das geeignete ist, um eine Geschichte rüberzubringen: Die Story bestimmt das Format.

Bei großen Projekten ist eine gute Planung und Absprache der Beteiligten zwingend. Eine App kann Teil eines größer angelegten Multimediaprojekts sein, sie muss jedoch eigens für verschiedene Plattformen (Android, iPhone) programmiert werden. Hier sollte man Aufwand und Nutzen nicht aus dem Blick verlieren.

Tipp  Journalismus heute – die richtige Denke


2. “Wir sollen ja jetzt auch Videos machen. Ich denke, ich zieh’ mir da mal ’ne VJ-Schulung rein, auch Final Cut oder so was. Aber das mit dem Internet machen ja wohl weiter die Online-Kollegen …

Leider wird Onlinejournalismus häufig immer noch mit der Eingabe von Texten in ein CMS verwechselt. Darum geht es nicht. Das Internet gehört zur Lebenswirklichkeit der meisten Menschen. Das können gerade Journalisten nicht ignorieren. Sie müssen dort präsent sein, wo ihr Publikum ist. Und das ist in der Regel auch online.

Ein Journalist muss heute die Distribution seiner Produkte mitdenken und diese für die jeweiligen Kanäle konfektionieren. Das bedeutet natürlich nicht, dass nun jeder auch als Videojournalist oder Grafiker arbeiten muss. Nötig ist jedoch ein Grundverständnis, was man unter multimedialem Storytelling versteht und wie man Social Media journalistisch nutzen kann.

Der Umgang mit Social Media sollte gerade für Nachrichtenleute selbstverständlich sein. „Ich befürchte, dass wir unsere Arbeit nicht machen, wenn wir diese Dinge nicht beherrschen“, sagte der Chef von BBC World Service, Peter Horrocks, schon vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Guardian.

Tipp  Multimedia-Workshop – Lessons learned

 

3. “Es kann doch jetzt nicht jeder nach einem Casting und einer Woche Seminar schon ein Magazin moderieren. Video-on-Demand fürs Web und Fernsehen, wie wir es via Satellit ausstrahlen – das ist noch lange nicht dasselbe.

Natürlich besteht ein Unterschied zwischen der Arbeit eines hauptberuflichen TV-Moderators und der Qualität eines schnell produzierten Web-Videos. Allerdings haben wir es im Web auch nicht mehr mit einem klassischen Sender-Empfänger-Modell zu tun. Im Social Web kann jeder ortsungebunden Sender und Empfänger zugleich sein. Diese Situation ist neu, deswegen brauchen wir Experimente, um zukunftsweisende und passende Formate zu entwickeln.

Die Geschichte der Medien ist eine Geschichte der konstanten Veränderung. Und dazu gehören Experimentieren und auch das Scheitern, denn nur durch Scheitern lernt man.

Tipp  Transmedia Storytelling – Die Kunst des digitalen Erzählens

 

4. “Wenn die DW auf Newsgames setzen sollte, hat sie ihren Kredit als verlässliche Quelle seriöser Nachrichten verspielt.

Seriosität und Spiele schließen sich nicht aus. Die University of Washington hat mit einer spielerischen Anwendung namens Foldit und freiwilligen Nutzern weltweit jahrelang ungelöste Probleme der HIV- und Krebsforschung binnen Tagen im Netz gelöst. Außerdem können Spiele eine eigene interaktive Erfahrung generieren. Das können traditionelle Medien so nicht. Warum sollte man dies nicht gewinnbringend im journalistischen Kontext ausprobieren? Beispiele gibt es weltweit – ob aus den USA, Brasilien oder Frankreich. Hier könnte sich auch die DW als multimediales Haus innovativ positionieren.

Tipp  Newsgames – Journalismus zum Spielen

NUI und die Gamification

 

5. Journalisten sollen plötzlich alles machen: texten, moderieren, Kamera führen, schneiden … Ich erzähle lieber weiter Geschichten.

Der Journalist als eierlegende Wollmilchsau ist ein Mythos. Jeder sollte auch künftig das tun, was er am besten kann. Es geht auch in Zukunft darum, Geschichten zu erzählen. Die neuen Werkzeuge sollen nicht um ihrer selbst Willen benutzt werden, sondern helfen, die Geschichten kreativer, umfassender und vielschichtiger zu erzählen.

Tipp  Der Journalist von heute und morgen

Wenn Fülle den Geist beschränkt

 Hier gibt es noch weiteren Lesestoff. Die zehn meist geklickten Einträge aller Zeiten unseres lab-Blogs:

  1. Breaking News – Eine Kurzanleitung
  2. Sinnvolle Social Media Guidelines
  3. Drohnenjournalismus
  4. Journalismus heute – die richtige Denke
  5. Video vs. Audio-Slideshow: Das Ende vom Anfang
  6. Links für Journalisten
  7. Was ist Creative Commons?
  8. Data Visualization – Mach die Daten schön
  9. Werde Multimedia-Journalist!
  10. Disruptive Storytelling plus 6 neue W

 

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