Videojournalismus mit der Spiegelreflex: ein Praxisbericht

by Steffen Leidel on 15. Januar 2012

Das Filmen mit Spiegelreflex-Kameras ist längst keine abseitige Spielerei mehr. Wer bei Vimeo einfach mal das Schlagwort “DSLR” eingibt, wird auf eine riesige Zahl hochwertiger Videoproduktionen stoßen, die vornehmlich mit Kameras von Canon und Nikon (die Marktführer beim Filmen mit DSLR) gedreht wurden. Vimeo hat sogar seine eigene virtuelle Videoschool, in der DSLR-Guru und Filmemacher Philip Bloom die Grundlagen des Filmens mit Spiegelreflex erklärt. Ungezählt sind auch die Blogposts, die sich dem Thema widmen (Empfehlenswert ist beispielsweise der DSLR Newsshooter).

Die Beiträge zum Thema klingen häufig sehr euphorisch, manchmal hat man den Eindruck, die PR-Leute von Canon oder Nikon steckten dahinter. Beim Thema Ausrüstung verliert man auch schnell den Überblick, und es fällt schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer sich als Videojournalist mal die hochgetunte Ausrüstung des Kameramanns Matthew Allard anschaut, der für Al-Jazeera arbeitet, der wird sich fragen, ob das wirklich für die Praxis eines Videojournalisten taugt.

Kurz gesagt: man muss seine eigenen Erfahrungen sammeln. Ich will hier mal meinen ganz individuellen Workflow vorstellen, den ich für meine Canon 60D gefunden habe. Ich nutze sie fast ausschließlich für Videoproduktionen im Netz. Ich bin nach ziemlich viel herumprobieren inzwischen damit ganz zufrieden, auch wenn da sicher noch viel Luft nach oben ist. Ich glaube aber, dass man als VJ mit einer Spiegelreflex wie der 60D anständige Videoproduktionen hinbekommt, die sogar qualitativ höherwertig sein können als die Aufnahmen einer klassischen VJ-Kamera wie z.B. die Z7 von Sony.

Produktion für Webvideo-Reportage über afrikanische Migranten in Südspanien mit der Canon 60D


Für die “Tauglichkeitsprüfung” meiner 60D waren mir folgende Kriterien wichtig:

  1. Die Ausrüstung ist bezahlbar.
  2. Die Ausrüstung ist einfach zu bedienen.
  3. Das Equipment lässt sich gut auf Reisen transportieren.
  4. Die Konvertierung des Videomaterials für den Schnitt ist schnell und einfach.

Der Hauptgrund für den DSLR-Boom ist die kinoähnliche Optik, die man mit solchen Kameras hinbekommen kann. Sie bieten beim Spiel mit der Schärfentiefe große Freiräume. Außerdem kann man im Gegensatz zu einer klassischen VJ-Kamera schnell und einfach die Objektive wechseln (was man ja sonst nur mit einer superteuren Filmkamera machen kann). Die Kombination von Video und Foto in einem Gerät ist für mich persönlich das wichtigste Argument für die Nutzung der DSLR. Allerdings ist das Handling einer Spiegelreflex beim Filmen nicht so ganz trivial, wie die Werbung gerne suggeriert. Es gibt bei der 60D mehrere Hürden zu überwinden (diese Hürden treten auch bei anderen Modellen in ähnlicher Form auf).

Problem 1: der Ton

Die Kamera verfügt über ein internes Mikro und über einen externen Mikroanschluss für Miniklinke. Das Problem ist, dass der Ton nicht sauber aufgenommen wird. Die Kamera hat eine Automatik zum Aussteuern des Tons, die Automatic Gain Control AGC. Die Folge: Sitzt man z.B. in einem stillen Raum, dreht die AGC die Tonempfindlichkeit von alleine hoch und produziert ein störendes Rauschen. In den Settings kann man zwar inzwischen den Ton manuell pegeln, doch das AGC nicht abschalten. Das ist richtig Mist.

Ein weiteres großes Problem ist, dass man keinen Kopfhörer anschließen kann, um den eingehenden Ton zu prüfen. Problematisch können in stiller Umgebung auch die Eigengeräusche der Kamera beim Filmen sein, vor allem wenn über das interne Mikro oder ein externes Mikro, das über den Blitzschuh auf der Kamera festgemacht ist, aufgenommen wird.

Problem 2: das Scharfstellen

Der Autofokus funktioniert im Filmmodus nur ganz langsam, ist eigentlich unbrauchbar. Wer mit großer Blendenöffnung arbeitet, muss bei bewegten Objekten ständig die Schärfe nachziehen. Das gelingt bei Fotoobjektiven selten ruckelfrei. Ist es draußen sehr hell, z.B. bei Sonneneinstrahlung, fällt es schwer über das kleine Display scharf zustellen. Einer der Gründe, weshalb ich die 60D gekauft habe, ist ihr schwenkbares Display. Das ist eine klare Verbesserung, aber eben auch nicht das Goldene vom Ei.

Problem 3: das Handling allgemein

Die Ergonomie der Kamera ist für das Fotografieren gemacht. Filmt man ohne Rig oder Stativ ist man schnell dabei, die Aufnahme zu verwackeln.

Problem 4: der Schnitt

Die Canon zeichnet mit dem H264 Codec auf. Diese Aufnahmen können von Schnittprogrammen wie Final Cut nicht ruckelfrei bearbeitet werden. Sie müssen also erst gewandelt werden, was bei Aufnahmen in Full-HD sehr lange dauern kann.

Ein paar Lösungsvorschläge

Handling allgemein

Wie zu sehen, braucht man einiges an Zusatzzubehör, um die Kamera fit zu machen. Ein Kollege und Kameramann hat mir als Rig das “Norbert Sport” empfohlen. Damit bin ich sehr zufrieden. Es gibt Stabilität beim Filmen und es bietet zahlreiche Möglichkeiten über Blitzschuhe Sachen stabil dran zu schrauben. Die Kamera ist über eine Stativplatte eingespannt. Das ganze Rig lässt sich auch mit einer zusätzlichen Platte auf ein Stativ montieren. Das externe Aufnahmegerät Olympus LS-11 ist mit einem Gorillapod-Stativ befestigt. Eventuelle Stöße und ruckartige Bewegungen des Rig werden so abgefedert.

 

Scharfstellen

Das Scharfstellen geht mit dem Rig ganz gut. Dafür halte ich mit der rechten Hand das Rig und mit der Linken bediene ich den Schärfeeinstellring des Objektivs. Das geht einigermaßen, könnte aber besser sein. Es gibt verschiedene Anbieter, die entweder für sehr viel Geld (z.B. Chrosziel) oder auch zu erschwinglichen Preisen (z.B. Enjoyyourcamera.com) Schärfezieheinrichtungen anbieten. Ob das was taugt, dazu kann ich allerdings nichts sagen, da ich es noch nicht ausprobiert habe.

Der Ton

Man kann natürlich wie beim Film vorgehen und den Ton extern aufnehmen und später im Schnitt Bild und Ton synchronisieren. Das geht wunderbar, ist auf die Dauer aber auch etwas nervig. Ich nutze meist eine Kombilösung. In der Regel baue ich eine Funkstrecke mit dem EW 100 von Sennheiser. Bei Interviews nutze ich das Knopf-Mikro. Für andere Situationen verwende ich ein Sennheiser K6. Den Ton leite ich über den Mikrofon-Anschluss in mein externes Aufnahmegerät. Ich nutze das stabile und handliche Olympus LS-11. Von diesem Aufnahmegerät leite ich dann den Ton in die Kamera. Ich nutze dabei eine Weiche, um zumindest den Ton, den das externe Gerät aufnimmt, zu überprüfen. Mit der Kombilösung lässt sich der Ton, der in die Kamera geht, besser pegeln (weil das externe Gerät vorgeschaltet ist). Durch die zusätzliche Aufnahme mit dem LS-11 habe ich auch immer eine Sicherheitskopie vom Ton. Zugegeben: es klingt etwas umständlich gleichzeitig sowohl die Aufnahme der Kamera als auch des LS-11 zu starten. In der Praxis ist es aber gar nicht so schlimm.

Mit dieser Konstruktion ist aber noch längst nicht das Problem mit dem eingebauten AGC gelöst. Hier empfehle ich die Installation der von Filmemachern entwickelten Zusatz-Software Magic Lantern, die man sich auf die SD-Speicherkarte laden kann. Sie ermöglicht es, das AGC auszuschalten und den Ton mit zahlreichen Optionen manuell auszusteuern. Die Installation dieser fantastischen Software ist einfach. Magic Lantern bietet zudem zahlreiche Zusatzfunktionen (u.a. Timelapse, Zebra). Für mich ist Magic Lantern die beste Lösung des Tonproblems. Eine gleichwertige Alternativ sehe ich dazu derzeit noch nicht (z.B. finde ich die Beachtek-Lösung nicht zufriedenstellend, das Rauschen ließ sich bei meinen Tests nicht komplett eliminieren).

Der Schnitt

Für den Schnitt mit Final Cut 7 empfiehlt sich die Installation des EOS-Movie Plugin-E1 for Final Cut. Damit lässt sich das gesamte Material einfach umwandeln. Einfach das Plugin installieren und dann über “Loggen und Übertragen” das zu konvertierende Material auswählen.

Fazit: Die Canon 60D eignet sich als Kamera für Videojournalisten. Allerdings halte ich DSLRs für schnelle, tagesaktuelle Stücke weiterhin für eher ungeeignet. In der Hektik gibt es doch zu viele mögliche Fehlerquellen bei der Kameraführung und –einstellung. Eine DSLR eignet sich aber durchaus für Reportagen, wo man sich hier und da auch mal Zeit für die Kameraeinstellung nehmen kann. Wer auf stets geringe Schärfentiefe Wert legt, der sollte sich auf jeden Fall einen verstellbaren ND-Filter zulegen.

Für weitere Tipps und Erfahrungen zum Thema wäre ich dankbar!

Linktipps:

Beispielproduktion: Meine Reportage über afrikanische Migranten in Südspanien bei Vimeo

Das gesamte Special der DW gibt es hier. Dort gibt es auch eine Version des Videos mit Untertitel.

DSLR-Newsshooter: Fach-Blog über Filmen mit DSLR-Kameras, teilweise etwas sehr euphorisch, aber auf jeden Fall lehrreich. Hält über neustes Equipment auf dem Laufenden.

R73.net  Blog von Roman Mischel zu Videojournalismus, auch mit Tipps zum Filmen mit DSLR. Für mich das fundierteste deutschsprachige Blog zum Thema.

8 Reasons not to buy a DSLR for Video: der Artikel zeigt kurz und prägnant die Schwachstellen und Probleme beim Filmen mit Spiegelreflex.

Vimeo Video School Tutorials zu Videojournalismus

Cinema5D – Fach-Forum für DSLR-Filmer

Ausrüstung

Zacuto.com – Fachhändler aus den USA mit großer Auswahl für DSLR-Zubehör (recht teuer)

Enjoyyourcamera.com – Fachversand aus Deutschland

Chrosziel – Zubehör für DSLR-Kamera (hochwertig, aber teuer)

Schnittpunkt.de – Fachhändler für Kamerazubehör in Köln

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jens Januar 16, 2012 um 14:09

Wie immer sehr spannend. Für den Ton würd ich dennoch eine externen Rekorder vorziehen. In Final Cut Pro X synchronisiert er inzwischen auch wunderbar und sonst gibt es noch Plural oder Dual Eyes von Singular Software. So hat man zwei Tonquellen und die vom externen Rekorder sollte in der Regel qualitativ besser sein und aber auch besser aussteuerbar sein.

Zum Schärfeziehen braucht man nicht zwingend ein Follow Focus – es reicht meist schon so (http://www.enjoyyourcamera.com/Video-DSLR-Camcorder/Follow-Fokus/2-Objektiv-Hebel-fuer-Fokusantrieb-Follow-Focus-Schaerfe-nachziehen-inkl-Kabelbinder-Festzieher::4930.html) eine Art Hebel um den Fokus leichter zu finden.

Mir hilft auch immer wieder noch der LCDVF Sucherlupe beim Filmen freihand. Durch die Auflage am Auge hat man einen zusätzlichen Stabilisierungspunkt. Kosten zwischen 50 und 100 Euro, allerdings für die DSLRs mit Schwenkdisplay nicht so gut geeignet, da man einen Magnetrahmen um das Display klebt.

falkd Januar 16, 2012 um 18:06

Mein DSLR-Rig sieht geringfügig anders aus. Da ich die DSLR (D7000) nur vom Stativ einsetze. Mein Tuning ging erst mal in Richtung Gewichtserhöhung damit der Vinten-Kopf überhaupt merkt, dass die Kamera da ist. Leider sind viele Probleme noch nicht endgültig adressiert.
So gibt es zwar Follow-Focus in allen Farben, aber Zoom-Bedienungen für Hinterkamera-Betrieb sind auffallend rar. Und von Lanc sind sie meilenweit entfernt.Ich habe aktuell eine Lösung mit einem Modellbau-Servo, die ist aber deutlich hörbar. Leider auch beim Halten. Den Ton nehme ich sowohl intern wie extern auf. Die Spur vom Richtmike auf der Kamera ziehe ich noch mal per Funkstrecke aus der Kamera und zeichne sie zusammen mit der Spur vom Handsender auf dem externen Rekorder auf. Aktuell versuche ich einen vernünftigen Sucher zu adaptieren, damit ich bei Sonne nicht mehr uauf dem sieben Zoll-Bildschirm raten muss.

Philipp Januar 16, 2012 um 20:03

Ich drehe – um wackelige Aufnahmen zu vermeiden – gerne mit Schulterstativ. Gibt es schon für rund 30 Euro im Internet:

https://www.amazon.de/SCHULTERSTATIV-FT2855-SCHULTER-STATIV-VIDEO/dp/B0043D7YDQ/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1317639468&sr=8-1

Ein ähnliches Stativ benutzt auch Philip Bloom für seine EX1:

“My god it works well. It stabilizes your shots, takes the weight off your arm and keep the camera small and portable. … For me, for non adaptor work this is the easiest rig to use and work with. I can’t recommend it enough. … This is the one I will be traveling with. This is the one I will be using most of the time when shooting “clean”.

http://philipbloom.net/2008/02/14/shoulder-mountswhich-one/

Radu Januar 16, 2012 um 20:41

Als Journalist würde ich auf jeden Fall Adobe Premiere CS5.5 verwenden. Man kann damit h264 nativ einlesen. Ein Follow-Focus und ein Schulter-Rig sind zwar beide teuer, aber machen das Drehen so viel einfacher. Wichtig ist noch ein VideoMic und ein Viewfinder und dann kann man echt loslegen.

Ivo Januar 16, 2012 um 23:10

Zum Schnitt: Das Problem ist hier eher das Schnittprogramm. Sony Vegas (seit Version 10) bearbeitet die DSLR-Files problemlos ohne vorherige Umkodierung.

Josef Juni 27, 2013 um 08:38

Hallo,

der Artikel gibt einen sehr schönen Überblick über das Filmen mit der DSLR.
Wer keine Angst vor Hacks hat, dem empfehle ich auf jeden Fall Magic Lantern auszuprobieren.
Es hilft einfach bei sovielen Sachen weiter. Focus Peaking, Histogram, AGC Control, Intervalometer … .
Bei der 550D will ich nicht mehr ohne MagicLantern arbeiten.
Ich bin nicht zufrieden mit diesen sehr günstigen Schulterstützen, habe da zwei ausprobiert und für meinen Einsatz reicht die Qualität einfach nicht aus (vielleicht hatte ich auch die Falschen), ich brauche einfach ein robustes verlässliches System.

Christian Herse Januar 8, 2014 um 01:06

Hallo,

habe heute Ihren Artikel sehr interessiert gelesen. Interessiert insbesondere deshalb, weil ich selbst mit einer DSLR im Videojournalismus arbeite und die Tücken und Probleme der Technik kenne. Viele Ihrer Punkte kann ich somit teilen: Das Scharfstellen ist nahezu unmöglich, es bedarf da einiger Tricks, um sowas halbwegs problemlos zu schaffen. Auch für das Handling benötigt man auf jeden Fall ein Rig, wo man die Kamera auf der Schulter platzieren kann. Der Ton ist von Modell zu Modell unterschiedlich, ich arbeite mit der Canon 5D Mark III, wo der Pegel einstellbar und via Kopfhörer kontrollierbar ist. Die H264 Probleme habe ich nicht, da läuft auf meinem Mac-System alles flüssig.

Ich finde schon, dass es heutzutage möglich ist, zeitnah mit DSLR Systemen im tagesaktuellen Geschäft zu agieren. Zu meinen Kunden zählen neben den lokalen Fernsehstationen auch alle deutschen Senderanstalten, die ich oftmals dank LTE bereits eine Stunde nach eintreffen mit fertigem Videomaterial versorgen kann.

Viele Grüße,
Christian Herse

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