Es ist ein Amateurvideo, das ich am liebsten in Seminaren zur Einführung in die Kunst des Storytellings zeige. In Battle at Kruger ist zu sehen, wie eine Löwengruppe im südafrikanischen Nationalpark Kruger eine Büffelherde angreift. Zunächst gelingt es den Löwen, ein Kalb in ihre Klauen zu bekommen, doch die Büffel kehren zurück und befreien das Jungtier. Ein Amateurfilmer hat das Video mit einem einfachen Camcorder aufgenommen. Das Bild auf Youtube ist verpixelt, die Kamera wackelt an vielen Stellen, es wird in die Szene ruckartig hinein und wieder heraus gezoomt. Fast alles ist in der Totale aufgenommen. Als Atmo sind die Kommentare der Safari-Touristen zu hören. Kurz: das Video bricht alle Regeln der Filmkunst. Die technische Qualität ist mangelhaft. Und trotzdem wurde es mehr als 64 Millionen Mal geklickt. Das, was sich vor den Augen der Touristen abspielt, hat alles, was eine gute Geschichte ausmacht. Es gibt Dramatik, einen Spannungsbogen, überraschende Wendungen. Das Video ergreift, berührt die Zuschauer. Kurz: es hat Qualität.
Schon die Fotolegende Andreas Feininger hat darauf hingewiesen, dass die technische Qualität eines Fotos noch nichts mit seiner Qualität an sich zu tun hat.
“Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmäßig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.”
In der Tat reagieren einige Fotografen und Kameraleute fast reflexhaft mit dem Verweis auf die „mangelnde Qualität“, wenn das Filmen oder Fotografieren mit Smartphones oder Point-and-Shot-Kameras zur Sprache kommt. Sie verhalten sich dabei ein wenig wie der Tischler mit Meisterbrief, der sich über die in Fabriken gefertigte Massenware von Ikea beschwert und voller Zorn und Verzweiflung den Billy-Regale schleppenden Menschenhorden hinterherschaut. Es ist natürlich etwas frustrierend, dass heute Hinz und Kunz mit iPhones mit Foto-Apps getunte Fotos produzieren, die gar nicht so schlecht aussehen. Die iPhone-Fotografen betätigen nur den Auslöser, den Rest erledigt die Vollautomatik. Von Blende, Schärfentiefe oder Lichtstärke haben die wenigsten etwas gehört.
Wenn der News-Fotograf zu spät kommt…
In der Point-and-Shoot-Fotografie-Welt ist das auch zweitrangig. Denn die unschlagbare Stärke der Smartphone-Fotografen ist, dass sie ihre Kamera immer dabei haben. Und in der Fotografie ist für die Qualität eines Bildes zunächst einmal das Motiv entscheidend. Ein schlechtes Motiv lässt sich auch durch ausgeklügelte Bildkomposition oder technische Perfektion nur schwer retten.
Gerade für Newsfotografen ist durch Smartphones das Geschäft härter geworden. Der dreifache Pulitzer-Preisträger Stanley Forman hat das ganz gut auf den Punkt gebracht:
“The problem was and is as a long time news photographer I cannot beat the competition anymore. The competition is anyone who has a cell phone, smart phone or any other portable device, which takes stills or video. The other problem being practically everyone has the technology and knows what to do with it.”
Newsfotographen kommen heute meistens zu spät. Ihnen zuvor kommen fast immer Augenzeugen mit Smartphones. Für Forman reicht es deshalb nicht mehr, dass News-Fotografen nur fotografieren.
“The current news person not only has to get to a scene, sum up what is needed to cover the story then search for the person with the best images they can get for their news organization or social media network.”

Dass die technische Qualität bei solchen Augenzeugen-Aufnahmen häufig mäßig ist, ist zweitrangig. Es geht nicht um technische Perfektion, es geht um das erste und spektakulärste Bild. Die technische Qualität muss nur „good enough“ sein. Die Kamera im iPhone ist genauso eine Good-Enough-Technologie wie das Mp3-Format. Jeder, der einmal im Vergleich ein Audio im unkomprimierten wav-Format und im mp3-Format gehört hat, wird geschockt sein, wie scheppernd und blechern die Qualität von mp3 ist. Doch sie ist uns in der Regel gut genug. Viel wichtiger ist uns, dass wir die Musik überall und jederzeit hören können. Schon 2009 hat das wired-Magazin die “Good-Enough Revolution” beschrieben:
“We now favor flexibility over high fidelity, convenience over features, quick and dirty over slow and polished. Having it here and now is more important than having it perfect.”
Nachfrage nach Schnappschuss-Journalismus
Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass CNN künftig noch mehr auf “Bürgerreporter” setzt. Es bleibt dem Sender eigentlich auch gar keine andere Wahl, wenn er künftig als der Breaking-News-Sender wahrgenommen werden will. Für CNN ist es viel wichtiger, das erste oder spektakulärste Bild eines Ereignisses zu bekommen, als das technisch hochwertigste. Etwas überspitzt könnte man in diesem Zusammenhang von Schnappschuss-Journalismus sprechen. Dafür sind Smartphones bestens geeignet.
Mit Anni Leibowitz hat einer der bekanntesten Profi-Fotografen unserer Zeit das iPhone geadelt und viele in der Fotografenzunft vor den Kopf gestoßen, als sie in einem TV-Interview sagte, für sie sei das iPhone die “snapshot camera of today”. „It´s a pencil, it´s a notebook“, sagte sie weiter. Insofern ist das iPhone freilich auch als Arbeitswerkzeug für Journalisten interessant, vor allem im so genannten Prozessjournalismus. Gerade für die Mittendrin- und Echtzeitberichterstattung sind Smartphones heute nicht mehr wegzudenken (siehe den Bericht von Kollege Bösch).
Diese allgemeine Entwicklung kann den Herstellern von hochpreisigen Spiegelreflexkameras natürlich nicht schmecken. Deshalb versuchen deren Marketingstrategen mit dem Verweis auf die bessere (technische) Qualität dagegenzuhalten, mit mäßigem Erfolg. Einen Shitstorm erlebte Nikon als es auf seiner Facebook-Seite schrieb, ein Fotograf sei nur so gut wie seine Ausrüstung.

Nikon traf damit auch den Nerv der iPhone-Euphoriker, die reflexartig erbost reagierten. Um im Bild von oben zu bleiben, meldeten sich nun die Ikea-Kunden, die dem Tischler zurufen: „Ob Massivholz oder nicht, ist mir egal, Hauptsache es sieht gut aus“. Nur, das mit dem „gut aussehen“ ist eine sehr relative Sache. Wie immer im Leben gibt es eben keine einfachen Antworten. Wackelige Videos mit übersteuertem Ton sind bei Augenzeugenberichten hinnehmbar. Verwackelte Bilder können bei Nachrichtenvideos sogar für Authentizität sorgen, denn sie vermitteln ein Mittendrin-Gefühl. Eine hochauflösende Aufnahme mit einem Teleobjektiv desselben Ereignisses aus der Distanz würde nur halb so ergreifend wirken.
Wenn Good Enough nicht gut genug ist
Im Journalismus geht es darum, dem Publikum Dinge, die es nicht direkt erlebt hat, begreifbar zu machen. Denn nur wer etwas begriffen hat, ist auch informiert. Um dieses Ziel zu erreichen, reicht Schnappschuss-Journalisms nicht aus. Es gibt einen Qualitätsjournalismus, für den „Good Enough“ eben nicht gut genug ist. Guter Foto- und Videojournalismus braucht hochaufgelöste und gut belichtete Bilder (und bei Video einen rauschfreien Ton), vor allem dann, wenn wir Realität erklären müssen und das einfache Draufhalten auf das Geschehen nicht mehr ausreicht.
Wenn wir anfangen, Videos mit eigener Dramaturgie zu drehen oder Fotoreportagen zu produzieren, in denen sich die Dramatik nicht durch ins Auge stechende Spektakularität ergibt, dann zeigen sich schnell die Schwächen der schönen neuen Smartphone-Welt. Dann nervt das Bildrauschen bei schlechten Lichtverhältnissen eben doch. Dann ist die Steuerung der Schärfentiefe eben doch wichtig, um Dinge herauszuheben und andere auszublenden. Dann sind Wechselobjektive wichtig, Belichtungskorrekturen unerlässlich. Dann nervt die Vollautomatik des Smartphones und der nur schwer steuerbare Autofokus. Ich kann auch mit dem iPhone die 5-shot-rule befolgen und in Sequenzen drehen. Doch so richtig Spaß macht das angesichts der Einschränkungen nicht.
In der Smartphone-Fotografie steuern wir zwar den Blick auf das Motiv. Doch die Maschine übernimmt den Rest und drängt uns auch ihre einprogrammierte Ästhetik auf (Smartphones tendieren offenbar zu mehr Sättigung und einem Weißabgleich, der Bilder in ein lieblicheres, gelbliches Licht taucht. Zumindest was das iPhone und das hier verwendete Xperia betrifft, siehe Beispielfotos. Die Bilder wurden während eines sehr trüben Tages gemacht. Bild Links 60D mit Programmautomatik und Bild rechts Xperia Neo von Sony Ericsson). Im letzten Fotoseminar mit den Volos sagte ein Teilnehmer nach einer Fotosession: „Die Fotos mit dem iPhone sind echt gut, wenn sie mit einer Foto-App brearbeitet werden“. Da ist was dran. Ohne Filter von Instagram und Hipstamatic sehen die Fotos tatsächlich häufig eher bescheiden aus. Foto-Apps bestimmen immer mehr den Fotogeschmack (offenbar ist der Vintage-Filter besonders beliebt).
An Foto-Apps ist zunächst einmal nichts Grundsätzliches auszusetzen (In ihren Bearbeitungsmöglichkeiten grandios ist beispielsweise die App Snapseed). Die Vermassung bestimmter Bildstile kann man gut oder schlecht finden. Es ist vor allem eine Geschmacksfrage und darüber lässt sich bekanntlich nicht streiten. Eine Bildmanipulation kann ich hier nicht erkennen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, einem Fotographen Manipulation vorzuwerfen, weil er einen Polfilter verwendet hat, um Reflektionen auszuschalten. Die Manipulation beginnt, wenn Bildinhalte jenseits von Kontrast, Farbwerten und Belichtung verändert werden, wenn Inhalte hinzugefügt oder entfernt werden (z.B. mit dem Kopierstempel).
Es wird ja immer wieder gerne die Afghanistan-Reportage des New York Times Fotografen Damon Winter als Beleg dafür gebracht, dass man auch mit dem iPhone und einer Foto-App beeindruckende Fotoreportagen machen kann. Ja, kann man, warum denn auch nicht? Die Reportage löste eine hitzige Diskussion aus, weil Winter für die Bearbeitung die Hipstamatic-App benutzt hat. Klar, kann man machen. Einem Fotograf kann man ja nicht vorwerfen, dass er bei seinen Bildern auch Regeln der Ästhetik berücksichtigt. So schreibt Winter:
“We are being naïve if we think aesthetics do not play an important role in the way photojournalists tell a story. We are not walking photocopiers. We are storytellers. We observe, we chose moments, we frame little slices of our world with our viewfinders, we even decide how much or how little light will illuminate our subjects, and — yes — we choose what equipment to use. Through all of these decisions, we shape the way a story is told.”
Winter hat Recht mit seiner Aussage. Es gibt keine „neutralen“ Fotos. Aber als Fotograf sollte man sich der Wirkung gewahr sein, die ein bestimmter Bildstil mit sich bringt. In der Kriegsfotografie finde ich eine Ästhetik, die heroisierend wirkt, problematisch. In Winters Reportage sind die Bilder durch die Hipstamatic-App in der Tat „schicker“ geworden. In Seminaren, in denen ich die Bilder gezeigt habe, konnte ich immer wieder den Ausspruch „Sieht echt cool aus“ hören. Und darin liegt für mich das Problem. Kriegsbilder sollten eben nicht „schick“ oder „cool“ wirken. Durch die Bearbeitung mit der App werden m.E. die Soldaten heroisierend dargestellt, fast schon surreal. Ähnlich verhält es sich mit der Bilderserie aus Libyen von Michael Christopher Brown. Man könnte fast meinen, es werden Szenen aus einem alten Western-Film gezeigt.
Mit der Nutzung von Foto-Apps verhält es sich ein wenig wie mit dem Einsatz von Musik in Reportagen. Man nutzt Musik als dramaturgisches Element, um die emotionale Ladung einer Szene zu verstärken. Das kann aber auch ziemlich daneben gehen, da jeder Zuschauer oft andere, sehr persönliche Assoziationen zu Musiken hat, die der Autor selber so vielleicht gar nicht im Sinn hatte. Und so ist beispielsweise auch der Vintage-Look emotional ziemlich besetzt und für gewisse Situationen vielleicht einfach unangebracht.

Bei der ganzen Diskussion um Qualität geht es für mich nicht um die Frage, ob iPhone oder nicht, ob Spiegelreflex oder nicht. Es geht für mich darum, ob der Journalist weiß, was er da tut, ob er Effekte als journalistisches Stilmittel nutzt oder einfach nur zum Selbstzweck. Insofern würde ich den Eintrag von Nikon auf Facebook wie folgt umformulieren. „Ein guter Fotograph weiß, welche Ausrüstung er für welche Situationen einsetzt.“ Das kann mal das iPhone sein oder die Canon D Mark II. Was ich aber nicht sehe, ist, dass das iPhone nun für alle Zwecke einsetzbar sein soll. Unfreiwillig komisch wirkt für mich der wachsende Markt für Zusatzzubehör für das iPhone. So gibt es beispielsweise einen Adapter, mit dem man ein Canon Teleobjektiv irgendwie an das iPhone schraubt.
Warum nimmt man nicht gleich eine Spiegelreflex? Warum sollte man denn nun plötzlich für alles ein iPhone nutzen. Nur weil es geht? Mir kommt das so vor, als ob jemand einen Smart zum Formel-Eins-Auto tunen möchte. Auch mit Breitreifen und Spoiler bleibt das Auto ein Smart. Die Zukunft im professionellen Bereich liegt wahrscheinlich bei Kameras, die das Beste der Spiegelreflexkameras (Wechselobjektive, manuelle Einstellmöglichkeiten) und die Vorteile von Smartphones (hier sehe ich vor allem die Share-Möglichkeit und die Integration von Foto-Apps) in einem Apparat vereinigen (siehe z.B. hier) Zu beobachten wird hier die Entwicklung im Bereich der Systemkameras (auch in Bezug auf die Videofunktion) sein. Eines werden die technischen Innovationen jedoch auch in Zukunft nicht ändern können. Und das ist, dass letztendlich der fotografische Blick über die Qualität eines Fotos oder Videos entscheidet. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht. Da helfen weder eine App, noch das beste Objektiv.



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Merci Steffen, der Text kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt (Kollege Bösch weiß, worüber ich mir gerade den Kopf zerbreche
I have had similar discussions with professional broadcasters who are quick to dismiss what they term “amateurs”. I think there is confusion in the terminology.
I think the videographer on the wild-life park did an excellent job of capturing the motion of the event. In fact there wasn’t much journalism involved. Nature itself ensured that there was plenty of tension and surprise in what unfolded. Yes, the story might have had more impact if it had been filmed in IMAX and shown on a giant screen. But when viewed on Youtube that extra fidelity clearly is not important. You’re drawn into the event and the brain makes up for the technical imperfections. It’s interesting to play the video without the sound to people. They quickly get bored unless they hear the commentary. It’s interesting because many wild-life documentaries (including Living Planet) are full of sound effects made later in the studio. The problem is that telephoto lenses can get in close, but microphones cannot. The pieces of leather clapped together to simulate swans flapping their wings is classic. Is it wrong? Does it make the story less authentic? No, because its entertainment.
I note at CES in Las Vegas that Sony, Nokia and others are putting better cameras into their phones – 12 Megapixels and more to a point where the market for cheap separate cameras is becoming very small. Kodak is in bankruptcy. Expect new and better DSLR’s this year which will take the quality of video capture to new heights. Where is this being tried out? Not by broadcasters. It’s happening on the social media sites like Vimeo. Google+ is organising walks for photographers to learn from each other – and the results are stunning.
Journalism still has a role to all this. But the question is ” What can I add to the story to make it clearer, deeper, more relevant? “. It is not how to compete with the public. There are organisations that start to get this. I would argue the Guardian, New York Times, bureauinvestigates,com are good examples. I fear that transmission orientated networks, especially those involved in rolling news, are so wrapped up in their self-imposed deadlines that they lose the context of their storytelling. They won’t come up with the next 64 million view story.