Die interaktive Zukunft digitaler Videos

by Marcus Bösch on 11. November 2011

Die neue Neuerfindung des Videos im Web, eine Million Türme mit Tweets und eine große Portion Popcorn bitte….

Dank Timour Chafik gesehen, dass die lange versprochene App von Condition One jetzt im iTunes-Store steht. Liest man nur die kurzen amerikanischen Quotes auf der Seite (“provocative, mind blowing, awesome…” ), hat man den Eindruck es hier mit einer Art Neuerfindung des Rades zu tun zu haben. Ich lasse mich gerne von Begeisterungsstürmen anstecken und finde jede Art der Innovation super. Stellt sich nur die Frage: Bringt das jenseits von kurzer Begeisterung mittelfristig irgendetwas voran? Löst es Probleme? Wird es jemand benutzen?

Condition One macht – so oder so –  sehr gute PR. Das Prove-of-Concept-Video hier war und ist imposant. Auch das aktuelle Werbevideo – Frau in einer südlich anmutenden Stadt im goldenen Sonnenlicht schaut eine Kriegsreportage im Freien – ist pr-technisch gelungen.

Ein alter Hut

Leider habe ich die Funktion in der man das iPad bewegt und so den gezeigten Bildausschnitt mitbewegt (im ersten Video ab 1:15) in der aktuellen App nicht gefunden. Schade. Kommt vielleicht noch. Hätte mich mehr begeistert, als die Auswahl des Bildausschnitts per Fingerwisch. Das ist zweifelsohne ein mehr oder weniger interessantes Feature.

Schon Anfang Januar 2010 hat CNN mit interaktiven  360 Grad Videos experimentiert. Schon damals war das ein nettes Feature –  den Journalismus verändert hat es nicht (360° Videos). Derweil entdecken Unternehmen und vor allem die Werbung die Möglichkeiten. Interessant in dem Zusammenhang die Arbeiten von Yellow Bird.

Bringt das was?

Überraschend dürftig fällt übrigens die Videoqualität der App aus. Das dürfte den noch verhältnismäßig großen Datenmengen geschuldet sein. Könnte man mit dem Schlagwort Authentizität wegdiskutieren, wenn Dennis Danfung nicht bereits vorher nur mit einer handelsüblichen DSLR-Kamera spektakuläre Videos in Filmqualität produziert hätte.

Ob die App das einlöst was sie verspricht – next generation immersive video? Da bin ich weiter erstmal skeptisch. Frameworks wie aktuell Popcorn werden klassisch lineare, in sich geschlossene Videoangebote weiter aufbohren. Die Frage ist nur, wann dies etwas bringt. Und wann nicht.

Mehr an Möglichkeiten

Eine benachbarte Diskussion aus der Welt digitaler Spiele beschäftigt sich mit den Möglichkeiten eines Spielers in einem Spiel. Die eine Seite argumentiert, dass dem Spieler so viele Tätigkeitsmöglichkeiten in Form weiterer Verben geboten werden müssen wie möglich. Also nicht nur fangen, schießen, ausweichen, sondern vielleicht irgendwann auch streicheln, diskutieren, intrigieren, etc. Die andere Seite argumentiert, dass ein bloßes Mehr an Möglichkeiten keinen wirklichen Mehrwert bringt, wenn das Ganze nicht in einem Setting passiert, dass diese Handlungsmöglichkeiten notwendig fordert.

Ähnlich argumentiert wird derzeit zum Lieblingshype-Thema Gamification. Und zwar hierFor a gamified application truly to engage its audience, three key ingredients must be present and correctly positioned: motivation, momentum and meaning (collectively known as “M³”).


Damit schließt sich der Kreis. Denn ein Nachdenken über M³ hätte auch Condition One nicht geschadet. Immersion alleine verpufft, wenn es an der M-Front hapert. Sehr schön herausgearbeitet von Sandra Gaudenzi am Beispiel One Millionth Tower. ”I did not feel the urge, or pleasure, to get lost into it.” Hintergrundinfos bei Heise: Neues HTML5-Toolkit macht Webvideos “interaktiv”.

Warum?

Egal ob Fingerwisch-Video oder eine aufgebohrte dokumentarische 3D-Sache die mir in Echtzeit Tweets, das Wetter oder sonst welche Informationen “augmented” , “enhanced” “oderwieauchimmer” liefert – die Frage “Warum” muss ausführlicher beantwortet werden. Ein “weil es geht” – reicht mittelfristig nicht. (Und vielleicht reicht auch ein Finger nicht mehr lange, wenn man in die Zukunft des Interaction Designs schaut)

Denn sonst setzt schnell ein aus der Welt der digitalen Spiele bestens bekannter Backlash ein. Man sucht die Fehler und weidet sich daran. Die Abbildung ganz oben zeigt das Bildrauschen rechts und links am Rand der Condition-One-App. Sieht schön aus. Tut aber nichts zur Sache…

Und das noch

Ach so. Natürlich darf, kann und soll Bewegtbild auch in Zukunft einfach linear bleiben dürfen. Das hat nie jemand bestritten. Möchte auch ungern mit dem Finger auf einem iPad ständig den Protagonisten einer beliebigen HBO-Serie suchen müssen.

Links:

{ 2 comments… read them below or add one }

Bernhard Dezember 14, 2011 um 16:26

Super!!! Hendrik hat uns gerade schon mit seinem Vortrag die multimediale und mobile Zukunft näher gebracht….und heute sind die I-Phones 4s gekommen….:-)))

Marcus Bösch Dezember 14, 2011 um 16:59

Dann kann die multimediale Zukunft ja direkt anfangen!

Ich freue mich drauf…

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