Es geht um Erfahrung

by Marcus Bösch on 3. Oktober 2011

You never hear from people “Man, I just got lost on that news site!” We don’t create experiences that people just want to live in for a while (*) – Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Begriff der “Experience” würde journalistische Produkte besser machen…

Angefangen hat es diesmal mit dem Scoopcamp und einer Präsentation des geschätzten Kollegen Mirko Lorenz. Der sprach kürzlich im Hamburger Auswanderemuseum zwischen alten Koffern, Spiegeln und Bilderrahmen unaufgeregt über das derzeit stark gehypte Thema Datenjournalismus, brach es runter und kam u.a. auf eine ziemlich einfache Formel. Wie wäre es, wenn Medienanbieter ihr Angebot mehr als Service für den Nutzer verstehen würden. Sein Musterbeispiel ist die “Buy or Rent”-Infographik der New York Times.

Service ist eine Experience

Allein die Tatsache, dass man Mitarbeiter von Medienunternehmen daran erinnern muss – und das muss man -, dass sie Produkte für Menschen produzieren, die dafür Geld und Zeit investieren und deswegen attraktiv sein sollten, und Mehrwert, Unterhaltung oder eben Service bieten, erstaunt. In diese Gemengelage passt dann ein aktueller Text von Martin Weigert wie die Faust ins Gesicht. Der kommende Bedeutungsverlust deutscher Medienunternehmen heißt er.

Wie soll man nun als Medienanbieter im anbrechenden Zeitalter der kostenlosen digitalen Kopie, der gleichzeitigen Verfügbarkeit von Quellen und der “durch moderne Hardware abgerundete Ökosysteme” sinnvoll Stellung beziehen? So lautet eine der großen ungeklärten Fragen, deren oft mehr hilflose Beantwortungsversuche zu mehr oder weniger guten Apps, ein paar semi-interaktiven Datenvisualisierungen und dem Rumprobieren mit semi-neuen Formaten, Facebook-Seiten und Twitterlisten geführt haben. Beantwortet ist die Frage noch nicht. Der Status Quo lautet: Demos not Memos. Ausprobieren.

Vielleicht brauchen wir mehr Service-Angebote. Ganz sicher brauchen wir mehr Angebote, die dem Nutzer von heute so viel Mehrwert und Spaß bereiten, dass er Zeit damit verbringt und/oder so gar dafür bezahlt.

Komisch, dass der Begriff der “Experience” bei den Machern journalistischer Inhalte keine größere Rolle spielt. Unter dem Namen “Experience Economy” haben B. Joseph Pine II and James H. Gilmore bereits 1998 ein Buch veröffentlicht.

In it they described the experience economy as the next economy following the agrarian economy, the industrial economy, and the most recent service economy….Although the concept of the experience economy was born in the business field, it has crossed its frontiers to tourism, architecture, nursing, urban planners and other fields.

Das Konzept wurde seit 1998 kritisch abgeklopft, bietet als neue Linse zur Betrachtung der Misere aber tolle neue Möglichkeiten. Denn vielleicht zahle ich ja nicht für die analoge Kopie meiner Zeitung, sondern ausschließlich für die hervorragende Zeit die sie und ich danach auf dem Sofa haben. Das würde bedeuten: Bietet mir das digitale Produkt eine ähnlich tolle Erfahrung, dann zahle ich auch für eine eigentlich kostenlose digitale Kopie.

Neue Erfahrungswerte

In eine ähnliche Richtung argumentiert Oliver Reichenstein mit seinem lesenswerten Artikel “Business Class: Freemium for News?“. Auch Craig Mods Ausführungen zur Zukunft des Buches als “gemeinsames System” deuten in eine ähnliche Richtung. Erklären ließen sich so Phänomene wie Cinematic Journalism, 360 Grad Videos oder die Experimente von Condition One. Prima herleiten lassen würde sich so zum Beispiel auch die Notwendigkeit für Zusatzangebote für den Samstagabend 20:15.

Während hinten auf dem TV-Bildschirm das digitale Lagerfeuer TV-Show züngelt, sitzen wir weltweit verteilt auf Sitzgelegenheiten und tauschen uns dank ‘Ecosystem of Screens’ via mobilem Endgerät in Echtzeit über die Inhalte aus. Funktionieren würde das auch mit zusätzlichen Informationen während jedweder Sportübertragung. Das Erlebnis hätte bzw. hat dadurch bereits einen neuen Erfahrungswert. (Noch mehr) Sinn ergeben, würde dann auch das Nachdenken über den Einsatz von Spielen bzw. die Implementierung von Game Mechaniken im Kontext Journalismus. Schließlich bietet ein Spiel einen entscheidenden Vorteil gegenüber des reinen Konsums eines medialen Produkts – es gewährleistet immer eine ‘interactive Experience’.

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