Die Krawalle in Großbritannien zeigen, dass die modernen Kommunikationstechnologien Fluch und Segen sein können. Twitter, Facebook oder der Chatdienst Blackberry Messenger sind technische Plattformen mit Dual Use. Über Twitter beispielsweise bekommt man Augenzeugenberichte aus erster Hand, Menschen organisieren sich via Facebook zum gemeinschaftlichen Aufräumen.
Andererseits wirken die Kommunikationsdienste eskalierend, heizen die Stimmung auf. Über den Dienst Blackberry Messenger, der es erlaubt, Nachrichten an geschlossene Nutzergruppen zu schicken, verabreden sich Jugendliche zum Plündern und Randale machen. Und vor allem auf Twitter kursieren Falschmeldungen und Gerüchte, die sich via Re-Tweets wie ein Lauffeuer verbreiten und nach unzähligen Re-Tweets als Fakten gehandelt werden. So war unter dem hashtag #riot von brennenden Geschäften und abgefackelten Tankstellen zu lesen. Das Problem: die Infos stimmten schlicht nicht. Das bringt selbst Leute ins Grübeln, von denen man eher Jubelgesänge auf die neuen Technologien gewohnt ist.
So fiel auch der Videojournalist Adam Westbrook auf Falschinfos herein. Er twitterte Video-Material, das angeblich Zusammenstöße in Liverpool zeigt, in Wirklichkeit stammt das Video aus London. Westbrook räumt ein, dass die über Twitter verbreiteten Meldungen Verwirrung stiften.
“The big problems: exaggeration, retweeting of rumour, sharing of unverified photographs and video – and even ‘all-clear’ tweets posted with the ‘#riot’ hashtag created to confusion.”
Und der Nutzer @DoktorWatson bringt es auf den Punkt:
In one night, Twitter has gone from the best place for breaking news to the best place for breaking bullshit. #balham tag especially
Friedensjournalismus als Provokation
Bei derartigen Konflikten wie jetzt in London kommt den Medien eine ganz besondere Rolle zu, da sich Menschen auf dem Höhepunkt der Eskalation ihnen verstärkt zuwenden. Sie sind verunsichert und suchen nach Orientierung. Da viele Menschen sich heute parallel zur klassischen Berichterstattung auch über Social Media informieren, können Medien den ungebändigten Infostream aus Twitter und Facebook nicht einfach ignorieren. Sie sollten dabei aber nicht der Lautsprecher für eskalierende Stimmen sein, vielmehr geht es darum, relevante Stimmen herauszufiltern, Information, die kursiert, zu verifizieren, eine Vielzahl von Perspektiven aufzuzeigen. Medien sollten sich um Deeskalation bemühen, indem sie mäßigenden Stimmen ein Forum geben, Ursachen aufzeigen und Lösungsvorschlägen den Einzelheiten der Gewalteskalation den Vorzug geben.
Gefragt ist ein friedensjournalistischer Ansatz. Peace Journalism ist ein Begriff, der vom norwegischen Friedensforscher Johan Galtung geprägt worden ist. In Deutschland hat zu dem Thema die Journalistin Nadine Bilke ein Grundlagenwerk veröffentlicht. Bilke weiß, dass der Begriff bei einigen Journalistenkollegen zu Missverständnissen führt. Es gehe hier nicht um “Rosa Wolken Journalismus”, sagt sie. Unter Friedensjournalismus ist eine Qualitätsberichterstattung über Konflikte, Kriege und Krisen zu verstehen, die vor allem die unterschiedlichen Perspektiven von Konfliktparteien einbringt, Konflikte durchschaubar macht und den Fokus auf die Konfliktlösung legt. Den Begriff Friedensjournalismus benutzt Bilke in ihren Vorträgen und Seminaren oft nur noch als Provokation, um die Diskussion in Gang zu bringen. “Manche denken, Friedensjournalismus heißt nun, Journalisten sollen nur noch über Frieden berichten”. Das sei natürlich nicht gemeint. Sie spricht lieber von “konfliktsensitivem Journalismus”, das ist ein Journalismus, der sich bewusst ist, dass er in einem Konflikt eine Intervention darstellt. Die Frage, die sich Journalisten laut Bilke deshalb immer stellen sollten ist: Wie kann ich berichten, ohne noch mehr zu eskalieren?
Berichterstattung wie bei Sport-Event
Für Galtung sind “Medien vielleicht unser mächtigste Hilfsmittel, um zukünftige Konflikte zu lösen und Kriege zu vermeiden”. Doch das ist noch Utopie. Wer sich derzeit vor allem die Berichterstattung im Onlinejournalismus ansieht, wird eher das finden, was Galtung unter dem Begriff des Gewaltjournalismus fasst.
Gewaltjournalismus ähnelt der Sportberichterstattung. Konflikte werden auf zwei Parteien reduziert, die wie in einer Sportarena aufeinandertreffen. Es geht um Sieg oder Niederlage, Gewalt wird als natürlicher Prozess hingenommen, Details der Gewaltanwendung werden minutiös wiedergegeben.
Newsportale stehen heute unter einem enormen Druck. Sie müssen quasi in Echtzeit berichten und um die Aufmerksamkeit der Nutzer buhlen. Das führt dazu, dass Teaser extem zugespitzt werden, eine Sieger-Verlierer-Dramaturgie Oberhand gewinnt und semantisch mit Superlativen aufgerüstet wird. Wer sich beispielsweise bei Spiegel Online über Mexiko informiert, kann Artikel finden wie den über “Killer-Kinder” im “Rausch des Todes”, die Menschen die Köpfe abhacken. Ähnliche Beispiele kann man natürlich auch in anderen “seriösen” Nachrichtenportalen finden.
Oft kommt bei der Berichterstattung über Konflikte eine latente Glorifizierung der Technik dazu. Reporter schreiben ausführlich über Waffentechnik. Ungezählt sind die Artikel, die die technische Details der Tötung Bin Ladens ausgiebig dargelegt haben.
Friedensjournalismus heißt keineswegs, nicht über diese Themen zu berichten. Es geht darum, den Fokus nicht nur auf blutrünstige Gewalt zu legen, nicht den Eindruck zu vermitteln, in einem Land sei Gewalt gottgegeben. Sondern zu fragen: Wo gibt es kreative Lösungsstrategien, welche Interessen und Bedürfnisse stecken hinter Positionen? Deshalb muss Journalismus nicht langweiliger werden, er wird jedoch rechercheaufwändiger und erfordert vor allem Kreativität.
Die ethische Grundhaltung von Journalisten ist in Zeiten von Social Media wichtiger denn je. Bilke schlägt vor, dass Journalisten Basiswissen aus der Friedens- und Konfliktforschung erlangen sollten, um Eskalationsmechanismen und Propaganda besser erkennen zu können. Und ich meine, nötig ist auch eine Entschleunigung. Journalisten sollten keine Angst mehr davor haben, nicht mehr die Ersten bei der Berichterstattung zu sein. Was einmal verbreitet ist, kann man kaum noch aus der Welt schaffen. Der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez hat einmal gesagt. “Die best(gemachte) Nachricht ist nicht die, die zuerst veröffentlicht wird, sondern die, die stimmt. ”
Linktipps:
Nadine Bilke: Journalismus und Frieden

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Man kennt die Falschinformationen schon aus dem Nahen Osten. Youtube, Facebook oder eben auch Twitter sind keine gesicherten Quellen. Medien sollten zum Beispiel nur darauf zugreifen, wenn man sich des Wahrheitsgehalts sicher ist. Sonst werden sie nur zu Instrumenten in möglicherweise falschen Händen.
Es gibt schon lange Codizes bzw. Regelwerke wie neulich beispielsweise bei ARD gebloggt wurde.
Für solche Meldungen müsste man also “unbestätigt” an das Material dranschreiben. Freie Bürgerteams zur Kontrolle oder Korrektur-Kommentare müssen verarbeitet werden.
Man kann auch “gnadenlos” “kein GPS, Keine Uhrzeit” dranschreiben um “schlampig-Berichterstatter” gleich als fragwürdig zu erkennen. Vertrauenswürdige Berichter können dann ja problemlos zur GPS-Position fahren und Bestätigung oder “war ein Fake, un-followed ihm bei Twitter und unliked ihn bei Facebook und schiebt ihn in einen Disinformant-Circle bei google+” dranschreiben.
Sowas ist dank Internet extrem problemlos quasi-realtime in USA+Europa möglich. Die bessere Site hat die besseren Belege. “Komm in 15 Minuten wieder. Unser Team sucht die brennende Tankstelle und ist noch 12345 m von der GPS-Position entfernt. Follow uns Realtime auf Google-Maps und kauf bei unserem Sponsor dessen Logo unser Auto-Icon bei Google-Maps ziert.”. Dann sieht man auf Google-Maps z.B. ein McDonalds-Auto-Icon zur angeblich brennenden Tankstelle (Feuer-Icons+Tankstellen-Icons wird man wohl schnell finden können) fahren und schaut Realtime zu wie das Team es überprüft oder den Twitter-Disinformanten offen als Lügner ächtet. Der Leser schaut dann parallel keine anderen Nachrichten beim Konkurrenten. Selbst wenn er zum Kühlschrank oder Klo geht ! Und nachts kommt man in Großstädten extrem schnell legal von A nach B.
In der Physik werden Experimente auch (von anderen Teams) nachgemacht um sie zu bestätigen.
Es muss dann auch normal werden, Artikel zu ergänzen und updates optimal für Leser und Site-Betreiber durchzuführen. Und es ist ganz normal, das man auch mal was falsch berichtet bzw. wie bei Sport die Reihenfolge oder Torverhältnis sich ändert. Aus “Deutschland klar in Führung” wird dann ja auch “Deutschland hat grade so eben noch gewonnen.”
“Friedensjournalismus” hört sich zwar sehr gut an, ist aber ohne einen Bewußtseinswandel der Menschheit kaum möglich, da das Volk von einer “Elite” durch die Medien darauf konditioniert wird, Gewalt als “normal” anzunehmen, um im Angst leben zu müssen, denn, ohne Angst, keine Bewegung der Massen (aus der Sicht unserer “Elite”)!
Erst wenn die Menschheit anfängt, “Mainstrammedien” zu boykottieren, um ohne Angst und in Ruhe leben zu können, wird sich was verändern.
Es sieht zwar momentan nicht danach aus, ich persönlich sehe uns aber durchaus auf einem zwar langen, aber guten Weg.
Das erinnert mich an diesen Wondermark-Comicstrip:
http://wondermark.com/743/