Transmedia Storytelling – Die Kunst des digitalen Erzählens

by Marcus Bösch on 24. Juli 2011


Kollege Leidel und ich sitzen in der Cafeteria und reden über Medien, das Web und wohin das alles führt. Früher oder später sind die braunen Plastikbecher leer, Milchschaumreste kleben in den Ecken und wir sind uns einig: Story und System sind zentrale Entitäten. Auf beide kommen wir immer wieder zurück. Beide stehen symptomatisch für unterschiedliche Herangehensweisen, die sich ergänzen und hervorragend eignen um Themen zu behandeln, um Sachverhalte zu erklären, um journalistisch zu arbeiten.

Wespennest seit 2003

Und damit zu Henry Jenkins, viel zu vielen Bildschirmen und einem weiteren Buzzword: Transmedia Storytelling. Bei Twitter sah ich die Ankündigung für das Immersive Writing Lab im August in London. Schaut man sich die angekündigten Sprecher an und klickt ein bisschen weiter, dann hat man gleichzeitig das Gefühl in ein Wespennest zu stoßen und das Gefühl etwas zu verpassen. Denn offenbar gibt es bereits etliche professionelle digitale Geschichtenerzähler und diverseste Anwendungsbeispiele des Transmedialen Erzählens von Hollywood bis London.

Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience. Ideally, each medium makes it own unique contribution to the unfolding of the story. Henry Jenkins

Der Begriff Transmedia Storytelling wird dabei aber offensichtlich erst seit einem Artikel von MIT-Professor Henry Jenkins aus dem Jahr 2003 wirklich debattiert. Das ist 8,5 Jahre her. Heutzutage eine Ewigkeit.

Die Relevanz des Themas jenseits des Hype-Verdachts erschließt sich unmittelbar. Denn wir sind von Bildschirmen umgeben. Ungefähr 37 sollen es in einem durchschnittlichen amerikanischen Haushalt sein. Ein Ecosystem of Screens. Kleine Lockerungsübung: Einmal durch die Wohnung gehen und Bildschirme zählen. Auf all diesen Bildschirmen zu sehen, zu hören und zu wischen sind mediale Angebote. Recht einleuchtend, dass diese Angebote sich nicht doppeln sollen, sondern ein ergänzendes Ganzes ergeben. Im Idealfall: Ein Rund-um-Sorglos-Erlebnis – interaktiv, eigen und meiner Ansicht nach nicht im geringsten nur auf fiktionale Themen begrenzt.

(K)eine Multiplattformstrategie

Wer auf einem Gerät anfängt ein Buch zu lesen, will es auf einem weiteren Device weiterlesen und zwar genau an der Stelle wo er aufgehört hat, inkl. unterstrichener Stellen. Das geht bereits. Wer sich ein Lied kauft, will dieses Lied auf allen mobilen Endgeräte haben. Sofort. Das ermöglicht Apple mit der angekündigten iCloud. Was jetzt noch häufig fehlt: Sich ergänzend-verwobene mediale Angebote. Das Fußballspiel im Fernsehen und ergänzende Information passgenau auf dem Mobiltelefon. Eine Zeichentrickserie und das Spiel dazu auf dem iPad. Eine Datenvisualisierung, die dank Augmented Reality eine ergänzende Informationsschicht beinhaltet. Bei Interesse zu entschlüsseln mit einem weiteren Device.

Damit gemeint ist keine Multiplattformstrategie, bei der man zu herkömmlichen Ausspielwegen nach Bedarf noch den ein oder anderen hinzufügt. Das ist etwas vollkommen anderes. Gesucht wird: Ein ganzheitlicher prozessualer Ansatz. Ein Erlebnis mit multiplen Einstiegspunkten und minimalen Hürden, organisch, linear und nicht-linear, vorwärts, rückwärts und seitwärts, von oben und von unten. Das Versprechen des Hypertextes, weitergedacht und angepasst an das 21. Jahrhundert. Eine Herausforderung für Geschichtenerzähler und User Interface Designer. Eine Selbstverständlichkeit für jetzt aufwachsende Generationen.

In today’s interconnected world, young adults, teens and even kids have become so comfortable with media technology that they flow from one platform to the next. The problem is that their content is not flowing with them. As a discipline, transmedia provides us with a foundation for the development, production and rollout of entertainment properties or consumer brands across multiple media platforms. Transmedia creates the flow. Jeff Gomez

Wenn transmediales Erzählen nicht in einem schlichten modularen Baukasten verharrt und zu mehr eingesetzt wird, als zum Weiterdrehen marktwirtschaftlicher Synergie-Effekte in Marketingabteilungen, dann können hier spannende Produkte entstehen. Produkte, durchaus auch journalistischer Natur, die sowohl modernen Ein- und Ausgabegeräten als auch modernen Rezeptions- und Kommunikationsprozessen entsprechen. Vielleicht gelingt hier sogar eine fruchtbare Kombination aus Story und System.

P.S.

Die Kunst des digitalen Erzählens wird im November übrigens auch Leitthema der Kulturkonferenz stART11 sein, die damit – mal wieder – ein gutes Gespür bei der Themensetzung zeigt. Ende Juni gab es in Mainz eine Konferenz an der Uni Mainz. Mehr konkrete aktive deutsche Beispiele wären trotzdem toll.

Update: Ganz übersehen beim ersten Mal. Auf der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober findet die StoryDrive-Konferenz statt.

Update: Ende Oktober ist in San Fransisco die Storyworld Koferenz: http://storyworldconference.com
Punchline oben auf der Seite: Transmedia Storytelling has the power to revolutionize the media industry. Ich sag es ja nur mal ;)

Linktipps

Transmedia Storytelling: Bewegtbild plus x
http://blog.zdf.de/hyperland/2011/05/transmedia-storytelling-bewegtbild-plus-x/

Imperica: Three leading figures talk transmedia
http://www.imperica.com/features/transmedia-stories

BBC: CoP Show on Transmedia Storytelling
http://www.bbc.co.uk/academy/collegeofproduction/online/transmedia-storytelling

Next Gen-Storytellers
http://www.sixtostart.com

A collection of transmedia resources and projects and other odds and ends
http://www.transmediaresources.com/

Transmedia Futures: Situated Documentary via Augmented Reality
http://www.personalizemedia.com/transmedia-futures-situated-documentary-via-augmented-reality/

Leave a Comment

Previous post:

Next post: