Ende der 1920er Jahre soll Ernest Hemingway bei einem Abendessen mit seinen Freunden im legendären Literaten-Hotel Algonquin in New York eine Wette abgeschlossen haben. Er brauche nur sechs Wörter, um eine Kurzgeschichte zu schreiben. For sale, baby shoes, never worn, kritzelte er auf ein Papier und gewann. Ob sich die Anekdote wirklich so zugetragen hat, ist bis heute zwar unklar. Doch die Story funktioniert. Sie enthält Dramatik. Der Leser kann gar nicht anders, als sich hinter den einfachen Worten ein tragisches Schicksal auszumalen.
Storytelling ist kein Selbstzweck, es ist die effektivste und nachhaltigste Form der Übermittlung von Information. Wir behalten Fakten nur, wenn wir sie zu Sinnzusammenhängen verknüpfen. Eigentlich kommunizieren wir dauernd über Stories und wenn sie nur einen Satz lang sind.
Deshalb ist Storytelling auch im Journalismus so wichtig. Es geht dabei nicht um Schönschreiben, sondern darum, Komplexität begreifbar, Fakten und Informationen für den Nutzer nachvollziehbar zu machen. Das ist wichtiger denn je. Das sieht Jeff Jarvis offenbar anders. Er hat schon vor einiger Zeit dargelegt, dass für ihn Journalismus längt nicht mehr nur Storytelling ist.
“There are so many new forms of journalism emerging. Data is (are) journalism. Platforms that enable communities to share what they know and need to know are becoming journalism (Fred Wilson: We will cover ourselves“). Algorithms that aggregate and cluster and prioritize news are journalism. Collaboration and crowdsourcing yield journalism that doesn’t necessary end up in story form. Journalism can be a stream (see Twitter from Iran). Journalism can be a snapshot of current knowledge (see Wikipedia). Journalism is a process (which make take the form of Waves soon). But stories are products.”
Jüngst sorgte er sich um jene Nachwuchsjournalisten, die am klassischen Journalistenbild hängen und sich vor allem als Storyteller verstehen.
“These days when I see young journalists talk only about their passion to write and tell stories, I worry for them that they will find fewer jobs and less of a calling. But when I hear journalists say that their passion is to report, to dig up facts, to serve and inform the community by all means possible, I feel better. When I hear a journalist talk about collaboration with that community as the highest art, then I get happy.”
In dem Text The article as luxury or byproduct entwickelt er sein Konzept des Processjournalism weiter. Jarvis sieht Journalisten zwar weiterhin bei bestimmten Themen als Storyteller in der Pflicht. Doch er legt den Schwerpunkt der Tätigkeit mehr auf das Kuratieren, auf das Zusammentragen von Fakten und Information. Für ihn ist der klassische Artikel längst nicht mehr das Maß aller Dinge, sondern nur noch ein Nebenprodukt, auf das man nicht immer, aber bei bestimmten Themen auch verzichten könne.
“Can we agree to a new accepted wisdom: that the most precious resource in news is reporting and so maximizing the acquisition of facts and answers is what we need? So what is an article? An article can be a byproduct of the process. When digital comes first and print last, then the article is something you need to put together to fill the paper; it’s not the goal of the entire process. The process is the goal of the process: keeping the public constantly informed. ”
Jarvis hat Recht, dass Online-Journalismus längst erheblich mehr Darstellungsformen kennt, als den Online-Artikel. Und man muss auch Amy Graham Recht geben, die in dem Post The Lego Approach to Strorytelling argumentiert, dass die bestehenden CMS-Systeme sich nicht für einen zeitgemäßen Newsjournalismus eignen. Sie schlägt eine Berichterstattung nach dem Lego-Prinzip vor.
Gierig nach Nachrichten
Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass Journalisten gute Storyteller sein müssen, sogar mehr denn je. Sie müssen es nämlich verstehen, mit den neuen Formen des Journalismus, Stories zu erzählen. Datenjournalismus wird für die Rezipienten nur interessant, wenn Journalisten über Stories in der Lage sind zu erklären, warum riesige Datensätze für sie bedeutend sind. Crowdsourcing oder das Aggregieren von Information hat nur einen Wert, wenn wir als User darin Strukturen, rote Fäden, Sinnzusammenhänge entdecken, auch ein Tweet erscheint uns nur relevant, wenn er uns etwas begreifen und auch weitererzählen lässt. Oder anders ausgedrückt: Auch beim Schreiben eines Blogposts oder eines Live-Blogs muss man sich an den Gesetzen des klassischen Storytellings orientieren. Man muss sich fragen, wie Fakten einzuordnen sind, wie erzeugt man Interesse, welche Berührungspunkte haben Informationen zum Leben des Rezipienten.
Prozessjournalismus ist ein hilfreiches Konzept, aber auch er braucht Storytelling. Sonst wird er zu einem atemlosen “Update-Journalismus” und führt zu Informationsüberlastung. Das Paradoxe ist, dass Angebote, die vor allem auf ständige Aktualisierung setzen, häufig erfolgreich sind, obwohl sie kaum exklusiven, hochwertigen Inhalten bieten. Das sieht man beispielsweise bei dem kürzlich von Stefan Niggemeier kritisierten Angebot stern.de, das steigende Nutzerzahlen aufweist, obwohl es kaum exklusiven Inhalt bietet. Stern.de produziert aber einen extrem hohen Durchlauf von Artikeln und Bildergalerien (wie übrigens fast alle Newsseiten des Landes). Dass das funktioniert ist keine Überraschung. Man macht sich einfach unser reflexartiges Bedürfnis nach (vermeintlichen) Neuigkeiten zu Nutze. Wir können nicht anders, unser Gehirn ist so konstruiert.
Wir interessieren uns vor allem für das, was uns bekannt vorkommt. Dazu passt das schöne Goethe-Zitat: Man sieht nur was man kennt. Das Gehirn checkt dann, ob es in dem Bekannten eine Veränderung gibt. Ist die Information bereits bei uns abgespeichert, erlischt das Interesse. Gibt es aber eine Veränderung, interessieren wir uns. Das macht aus biologischer Perspektive auch Sinn, denn das Gehirn muss aus der Vielzahl der Reize die aus seiner Sicht Relevantesten ausfiltern.
Wir sind also geradezu gierig nach Neuigkeiten. Im Internet gibt es eine Erwartungshaltung der User, dass Teaser und Headlines immer neue Drehs, Details oder Fakten präsentieren. Manchmal hat man das Gefühl, im Onlinejournalismus gibt es keine nachrichtenarme Tage. Top-Themen werden von den Redaktionen getaktet, nicht von der Wirklichkeit. Newsseiten, die häufig wechseln, ziehen User an, wie das Licht die Fliegen. Das Problematische an diesem fast schon zwanghaften Handeln der User ist, dass sie dadurch nicht informierter werden. Im Gegenteil: ihr Horizont wird eingeengt.
Was ist das Besondere?
Egal wie fit wir im Umgang mit den neuen Technologien sind, unsere Verarbeitungskapazitäten sind begrenzt. Das Reizüberangebot führt dazu, dass die kognitive Dissonanz mit voller Wucht zuschlägt. Das heißt: Das, was unseren Interessen entspricht oder unsere Überzeugungen bestätigt, nehmen wir bevorzugt wahr. Was nicht in unser Schema passt, nehmen wir gar nicht erst wahr. “Fülle kann den Geist beschränken”, schreibt die Schriftstellerin Nicole Krauss in ihrem lesenswerten Beitrag “Retten wir die Buchhandlung” und verweist auf ein “Paradoxon, das vielleicht eines der heikelsten unserer Zeit ist: Durch den Zugriff auf alles bekommt man nichts Besonderes.”
Aber genau “das Besondere” ist es doch, das Journalismus heute seinem Publikum bieten muss. Neuigkeiten zu liefern allein, ist heute eben nicht mehr das Besondere. Das Besondere ist nicht, zu erfahren, was gerade passiert, sondern zu verstehen, warum es passiert und warum es für uns wichtig ist. Durch zahllose Updates in Live-Blogs oder Social Media wird in der Regel eher ein Gefühl des Dabeiseins erzeugt, anstatt tiefes Verständnis. Ständige Aktualisierung fördert die Erregungskultur und kann sogar eskalierende Wirkungen haben (siehe die EHEC-Berichterstattung, siehe die Twitter-Nutzung nach Amokläufen).
Für mich liegt die Herausforderung für den Journalismus darin, dem Rezipienten einen Rahmen für das komplexe Geschehen zu bieten. Die meisten Online-Angebote lassen sich von der Mode zur Echtzeit-Berichterstattung treiben und ihnen ist das richtige Maß für den Output der Berichterstattung verloren gegangen. Nehmen wir die Berichterstattung über die Tötung Bin Ladens, nehmen wir EHEC: Welcher User bleibt nicht in dem riesigen Contenthaufen stecken, den die Onlineportale über ihn ergießen. Er kann ja selbst entscheiden, was er konsumiert, das ist ja das Tolle am Netz, könnte man entgegenhalten. Doch will er das wirklich? Ist das die Orientierung, die er sucht? Das Pew Research Center hat erst kürzlich festgestellt, dass gerade die Berichterstattung über Bin Laden den Nutzern schlichtweg zu viel war.
Manchmal wünschen wir uns eben einen abgeschlossenen Rahmen, in dem wir uns informieren wollen. Das schlagkräftigste Argument für die Zeitung war für mich nie das Haptische. Sondern der Umfang einer Zeitung ist überschaubar. Man sieht wie lang ein Artikel ist, wie viele Seiten die Zeitung hat. Hat man sie zugeschlagen, hat man selten das Gefühl etwas verpasst zu haben, unvollständig geblieben zu sein. Man hat einen Überblick (oder glaubt ihn zumindest zu haben) und kann sich zurücklehnen. Newsportale haben heute Hintergrundseiten, doch diese sind meist automatisch generiert über tags. Das ist gut für denjenigen, der gezielt suchen möchten. Doch was ist mit dem, der einfach nur ein Thema in seiner Komplexität verstehen will, der mal schnell einen Überblick haben will. Maschinen erzählen keine Geschichten und stiften deshalb auch keinen Sinn. Deshalb sind auch News-Aggregatoren zwar nützlich, aber sie verschaffen nicht unbedingt einen überschaubaren Rahmen für Information (Google Live-Stories war zwar ein netter Versuch in die richtige Richtung, aber es hat m.E. nicht funktioniert, da auch hier der meiste Content automatisch gezogen wurde). “We need more content integration—not more content silos”, schreibt Amy Graham.
Dass Die Zeit derzeit so erfolgreich ist, liegt nicht daran, dass sie auf Papier gedruckt wird, sondern am Konzept. Sie liefert dem Leser einen Rahmen. Sie vermittelt das Gefühl: Wenn Du das gelesen hast, dann weißt Du vielleicht nicht alles was passiert ist, aber du hast etwas verstanden. Ähnlich funktioniert die 20-Uhr-Tagesschau, oft als anachronistisch kritisiert. Es ist nicht nur das allabendliche Ritual, das sie erfolgreich macht, sondern der Rahmen, den sie für den Zuschauer schafft. Sie sagt uns, was an einem Tag wichtig war.
Schlichtheit statt Effekte
Tablet-Computer wie das iPad eignen sich hervorragend, um Angebote zu entwickeln, die genau diesem Bedürfnis entgegenkommen. Ich glaube aber nicht, dass sie so gestaltet sein werden, wie die anfangs so bejubelte Wired-App, die mit großem Aufwand ihre Artikel mit viel multimedialem Getöse garnierte. Inzwischen hat eine gewisse Ernüchterung eingesetzt, denn nach einem rasanten Auftakt, sind die Downloadzahlen stark gesunken.
Insgesamt zeigt sich doch, dass die Nutzer eher Schlichtheit bevorzugen, auch wenn sich führende Medienblogger immer wieder darüber beklagen, dass doch die vielen multimedialen Möglichkeiten von den Medienhäusern einfach nicht genutzt werden. Vielleicht ist die Zukunft simpler als erwartet. Die FAZ-Zeitungs-App wurde von vielen als zu wenig innovativ gescholten. Und trotzdem gehört sie zurzeit zu einer meiner Lieblingsapps und sie hat offenbar auch andere positiv überrascht. In der Tat ist die App eigentlich nur ein komfortabel zu bedienender PDF-Reader. Doch sie schafft das, was andere nicht schaffen, obwohl sie auf den ersten Blick doch so viel innovativer daherkommen. Sie bietet einen Rahmen. Der Umfang ist überschaubar, der Nutzer hat Orientierung, er bekommt einen geschlossenen Verstehensraum.
Es gibt ein Bedürfnis nach Überblick, das unabhängig vom Alter ist. Auch wenn immer weniger junge Leute heute Zeitung lesen, suchen auch sie nach Überblick in ihrem Umfeld, sie wollen verstehen. Und sie lassen sich wie eh und je von guten Geschichten packen. Meine Erfahrung mit Volontären, Studenten oder Jungjournalisten, die ich in meinen Seminaren betreue, zeigt, dass diese viel weniger von Digital Natives haben, wie allgemein immer dargestellt. Auch wenn die meisten auf Facebook sind, twittern die wenigsten und kaum einer bloggt und fast nie hat einer bewusst einen Live-Blog gelesen. Man sollte nicht übersehen, dass die Diskussion über die Zukunft des Journalismus vor allem von einer kleinen Infoelite geführt wird, die bislang vor allem über Potentiale des Internet redet. Doch nur weil etwas möglich ist, heißt das noch lange nicht, dass es die Menschen auch nutzen.
Das heißt natürlich nicht, dass man zu konventioneller Kost zurückkehren sollte. Man sollte einfach nur die Diskussion über bestimmte Themen immer wieder mal etwas öffnen und bestimmte, gezogene Schlussfolgerungen nachjustieren. Das Bedürfnis nach ständiger Aktualisierung und Prozessjournalimus ist zwar wichtig, aber es sollte aber auch nicht überschätzt werden. Die Zukunft des Qualitätsjournalismus liegt für mich einfach darin, Angebote für unterschiedlichste Informationsbedürfnisse der Nutzer zu entwickeln. Weniger ist manchmal mehr, gilt auch hier.

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Zur Einstiegsanekdote von Hemingway gibt es mittlerweile ein ganzes Buch mit “Six-Word-Memoirs”. Es heißt ‘Not Quite What I was Planning’. Mehr davon auch hier: http://www.smithmag.net/sixwords/
oder hier: http://www.newyorker.com/talk/2008/02/25/080225ta_talk_widdicombe
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, ist das ein interessanter Gedanke: Die unendliche Tiefe vieler Nachrichten-Angebote verstört und überfordert die meisten Nutzer. Als Netz-Schreiber denkt man immer, gerade das ist das, was das Internet ausmacht. Vielleicht wäre das ein Versuch wert: Eine Nachrichten-Seite, die sich in 15-20 min vollständig lesen lässt.
@claus ja so war das gemeint. Die Seite 2 bei Spiegel.de ist ja so ein Versuch. Allerdings ist das einfach so eine Art Best-of-Artikelsammlung, die ja letztendlich doch nicht den erwünschten Überblick bietet. Was mir vorschwebt wären Formate, mit dem konkreten Ziel einen Überblick zu bieten nach dem Motto “Alles, was Du heute verstanden haben musst..”
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