Journalismus in der Post-PC Ära

by Marcus Bösch on 7. Juni 2011

Wir verlassen gerade Phase zwei. Weiter geht es. Auf einem neuen Plateau. Zurück lassen wir Social Media Experten, alte Ladekabel und in Fraktur gesetzte Texte auf dem iPad. Doch fangen wir vorne an…

Begriffe haben den großen Vorteil, dass sie lose wabernde Phänomene beschreibbar machen. In Zeiten des rasanten Übergangs und Wechsels ordnen sie ein, geben Halt, sind Ausgangspunkt für Diskussion und Debatte. Ein gutes Beispiel ist der Modebegriff “Gamification”, der seit einigen Jahren die Anwendung von Spielmechanismen auf Bereiche außerhalb des engen Korsetts klassischer Spiele umreißt und mit viel Engagement gepriesen und verteufelt wird. Ohne inhaltliche Wertung oder klare Positionierung, kann man beobachten, dass der neue Begriff, seit er den engen Kreis einer Hand voll Eingeweihter verlassen hat, massiv an Fahrt gewonnen hat. Unter dem virtuellen Schirm des Begriffs wird debattiert, definiert und vor allem ganz praktisch und konkret ausprobiert und gewerkelt.

Was das alles bedeutet

Ich glaube, dass sich der Begriff der “Post-PC Ära” hervorragend eignet, um zahlreiche aktuelle Phänomene des digitalen Journalismus besser zu verstehen. Aktiv gesehen und gehört habe ich den Begriff erstmalig am 6. Juni während einer Apple-Präsentation, flankiert von einem visuell einprägsamen App-Icon, das eine Schere zeigt, die ein Verbindungskabel eines iGerätes durchschneidet. Ikonographischer Background für Anfänger: Die Redewendung alte Zöpfe abschneiden bezieht sich auf die Abkehr von veralteten Einrichtungen und Ideen.

Computing is changing. So beginnt ein Blogpost, der die Kernelemente einer 499 Dollar teuren und offenbar umfassenden Studie namens “What The Post-PC Era Really Means” zusammenfasst. Da digitaler Journalismus auf Computern beziehungsweise computer-ähnlichen Geräten stattfindet, ändert sich digitaler Journalismus also auch. Natürlich gelten viele journalistische Grundregeln weiter. Eine Nachricht ist und bleibt eine Nachricht. Journalistische Machwerke sollten weiterhin klar verständlich und gut geschrieben sein, etc. und so weiter. Was sich aber gerade ändert, bereits geändert hat und weiter ändern wird sind die gesamten Rahmenbedingungen. Und das in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit.

Eins, zwei, drei

Was ich noch nicht gesehen habe, ist eine saubere, qualitative Herausarbeitung einzelner Kernelemente, die helfen würde, den Übergang in die “Post-PC Ära” und die damit zwangsläufig einhergehende Veränderung für den digitalen Journalismus besser zu verstehen. Da dies definitiv den Rahmen eines Blogpostings sprengen würde, hier nur kurz ein paar Gedanken.

Analog zu der Entwicklung digitaler Spiele kann man die Entwicklung des digitalen Journalismus in drei Phasen einteilen. Phase Eins markiert den Beginn des digitalen Journalismus mit ersten Websites klassischer Medienanbieter. Die Möglichkeiten des so genannten Web 2.0 markieren Phase Zwei. Diese verlassen wir gerade. Computing is changing. Willkommen in Phase Drei – der Post-PC Ära.

Das Ende ist nah

Woran man erkennt, dass wir Phase zwei gerade verlassen? Twitter, Facebook und Co. sind angekommen.Über Vor- und Nachteile mag man debattieren, wegdiskutieren kann man die Icons und die klare Botschaft “Log In with Facebook” zum Beispiel auf der Startseite der New York Times nicht. Die Damen und Herren deren Geschäftsmodell das Nahebringen von Grundfertigkeiten der nebulösen Geheimwissenschaft “Social Media” war, sollten sich schleunigst etwas neues ausdenken. Das Ende ist nah. Es geht weiter. Auf einem neuen Plateau.

Mit dem Übergang vom Graphical User Interface hin zu einem Natural User Interface, mit der Allgegenwärtigkeit von digitalen Touchdevices mit Internetverbindung ändern sich Möglichkeiten und Nutzungsszenarien. Ein klassisches Nachrichtenportal der Phase Eins wirkt auf einem mobilen Endgerät nicht nur schrecklich antiquiert, es wird sich in absehbarer Zeit anfühlen wie ein in Fraktur gesetzter Text.

Der Maschinen-Jongleur

In der Post-PC Ära wird voraussichtlich ein Versprechen eingelöst werden, dass Computer als digitale Ein- und Ausgabegeräte schon immer mit sich tragen, das aber vom digitalen Journalismus – wie wir ihn bislang kennen – wenig bis kaum eingelöst wurde: Interaktion. Wer auch nur ein einziges digitales Spiel gespielt hat, sollte merken, dass viele viel gepriesene “Multimedia-Specials” im direkten Vergleich zum digitalen Spiel schal und langweilig wirken. Darüber hinwegtäuschen können auch keine datenintensiven, auf Hochglanz polierte Vorzeige-Produktionen. Zu sehen sind immer Text, Bild, Ton und Video. Diese Bestandteile ergeben viel zu selten mehr als die Summe der einzelnen Teile. Meistens bekommen wir ausschließlich die digitale Nachbildung tradierter Formate: Zeitung auf einem Screen, Radio auf einem Screen, Fernsehen auf einem Screen. Und – Moment halt, ja – Dia-Shows mit unterlegter Musik und Text-Inserts auf dem Screen.

Um zu sehen, wo die Reise hingeht (ubiquitous, physical, casual, intimate) muss man derzeit eigentlich nur die Augen aufhalten. Wie immer hilft der Blick in artverwandte und innovationstüchtigere Bereiche. Das alles lässt sich nicht direkt und unmittelbar anwenden. Aber um einzigartig zu sein, ehernes Gesetz im  Zeitalter des Info-Overloads, muss man über den Tellerrand schauen. Kurze Annekdote: Als Game Designer Jesse Schell mit 14 Jahren der weltbeste Jongleuer werden will, fasziniert ihn ein älterer Jongleuer, der Bewegungen vollführt, die kein anderer kann. Woher er die hat? Er hat sich die von Industriemaschinen abgeguckt, ahmt sie nach und sticht aus der Masse hervor. Ende der Anekdote.

Push. Pop. Press.

Was ich in diesem Kontext in letzter Zeit inspirierend fand? Die interaktive Billboard Kampagne von McDonalds in Stockholm zum Beispiel. Das mobile Reporter-Interface von Meporter. Die zugegebenermaßen ausbaufähige Integration eines Games in einer News-App bei Popular Mechanics. Dazu habe hier einen Text geschrieben: Why News Organisations Need Game Designers. Interessant auch der Versuch aus einem animierten Film eine interaktive iPad-App zu machen: Film Makers Turn to iPad for Interactive Storytelling. Noch interessanter vielleicht Condition ONE – a mobile media technology company developing the tools and platform to combine filmmaking, photojournalism and mobile devices to pioneer powerful immersive experiences. Auch bei Facebook. Noch nicht abschließend beurteilen will und kann ich die “Al Gore App” von Push Pop Press. Die Begeisterung von John Gruber kann ich auf jeden Fall nicht teilen. Zum Thema NUI gab es in der letzten De:Bug einen Text. Auszug hier.

Abgesehen von Weltentwürfen und Neuerfindungen gibt es übrigens auch feine Kleinigkeiten. Die luftige, verspielte Art und Weise in der sich Text- und  Bildelemente auf verschiedenen Ebenen überlagern, anordnen und bewegen, zeichnet meiner Ansicht nach die Springer-App The Iconist aus. Was hat Sie in letzter Zeit inspiriert, umgehauen und begeistert?

{ 1 comment… read it below or add one }

Moritz mo. Sauer Juni 7, 2011 um 09:00

Was hat Sie in letzter Zeit inspiriert, umgehauen und begeistert?

Mich haut seit einem Jahr immer wieder die Möglichkeit von Smartphones um, Herr Bösch. Ach und Cloud-Computing. Mein Büro liegt irgendwo in den Wolken von Google. Gemeinsam arbeite ich an Texten mit Kollegen und Kunden. Egal wo… Unterwegs per App, auf dem Sofa neben dem spielenden Kind oder ganz regulär im Büro.

Diese Luftigkeit im Umgang mit Informationen, Daten, und, und, und… haut mich um. Und auch so manches Mal aus den Socken, weil das alles, diese Möglichkeiten, auch ungemein anstrengt. Die große Herausforderung für den vernetzten Menschen ist zu lernen, wie man filtert.

Ach und was mich auch umhaut, sind die Möglichkeiten, wie ich heute Inhalte konsumiere…Instapaper, Readability, Bundlr,… Toll. Aua. Aber es macht Spaß.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: