Breaking News – Eine Kurzanleitung

by Steffen Leidel on 27. März 2011

Ob die Katastrophe in Japan oder die Umstürze in der arabischen Welt: Die Ereignisse haben wohl auch dem letzten Skeptiker gezeigt, dass Journalisten um Social Media als Newsquelle nicht mehr herumkommen. Aber Posts auf Twitter oder Facebook in Reinform haben noch längst keinen Newswert. Man braucht die richtigen Filter und eine klare Suchstrategie, um aus dem Information-Overload Relevantes herauszuholen frei nach Clay Shirky: “It’s Not Information Overload. It’s Filter Failure.”

Wie hält man sich auf dem Laufenden, wie filtert man den Nachrichtenstrom? Wie findet man relevante, glaubwürdige Quellen? Wie verifiziert man Information? Hier eine Anleitung zum Umgang mit internationalen Breaking News:

1. Sei vorbereitet – Dein persönlicher Social Circle für Breaking News

Breaking News kommen ohne Vorwarnung, deshalb sollte man vorbereitet sein, indem man sich seinen persönlichen News-Social-Circle anlegt. Twitter ist das ideale Medium um sich auf dem Laufenden zu halten. Denn man kann sich seinen personalisierten Nachrichtenticker zusammenstellen. Auf Twitter empfiehlt es sich den Breaking News Accounts großer Medien zu folgen. Zu empfehlen sind  CNN, Spiegel, BBC, Al Jazeera und auch der Account BreakingNews, der hunderte Newsquellen weltweit berücksichtigt. Es lohnt sich auch einzelnen Journalisten zu folgen, die besonders eifrig im Verfolgen aktueller Ereignisse sind. Das können beispielsweise Anderson Cooper von CNN, Robert Mackey, der Macher des Lede-Blogs der New York Times oder Andy Carvin sein, beim US-amerikanischen öffentlichen Radiosender NPR zuständig für Social Media, twitterte während der Umstürze in Ägypten bis zu 16 Stunden am Tag und verlinkte relevante Quellen zum aktuellen Geschehen. Jeder hat hier natürlich seinen eigenen Geschmack und sollte sich seinen Social Circle nach seinem eigenen Gusto zusammenstellen. Wer Twitter nicht mag, kann dies auch über Facebook machen. Dort unterhalten alle großen Medien Seiten, die sie auch mit Breaking News füttern.

Wer verschiedene Newsquellen auf einem Blick verfolgen will, der sollte sich in seinem RSS-Reader (für mich ist hier der Google Reader immer noch die beste Wahl) einen Ordner “News” anlegen, in dem man die Nachrichtenstreams der Medien seiner Wahl abonniert.

2. Identifiziere relevante Quellen

Via Live-Blogs

Der Vorteil an Live-Blogs ist, dass sie einem häufig die mühsame Arbeit ersparen, selber nach relevanten Social Media Quellen zu suchen. Auch wenn die Live-Blogs  zum Teil etwas textlastig und überladen daherkommen, sind sie doch ein guter erster Filter. Man findet dort interessante Videos von Youtube, Tweets von Augenzeugen, Fotos von Flickr.

Zu empfehlen sind die Live-Blogs der New York Times, des Guardian oder von Al Jazeera . In Deutschland ist der News-Blog der Zeit eine gute Wahl, der er auch externe Quellen verlinkt.

Via Twitter

Wie sucht man am schnellsten über Twitter?

Der Klassiker: Search.twitter.com

Die klassische Twittersuchmaschine. Suche nach Sprache möglich. Zu empfehlen ist die Ortssuche unter Advanced Search.

Leider hat diese Suchmaschine einige Nachteile. Sie ist unübersichtlich, da man sich Seite für Seite weiterblättern muss und sie funktioniert nicht immer hundertprozentig (ist zumindest meine Erfahrung).

Google Echtzeitsuche

Leider ist es wieder mal die Datenkrake Google, die bei der Echtzeit-Suche trumpft. Besonders wertvoll: die Zeitleiste. Sie visualisiert den Verlauf des Twitterstreams, zeigt Peaks bei besonders großer Aktivität an. Wer geschickt ist, kann so sogar den ersten Tweet eines Newsereignisses Aufstöbern.

Unter “Statusmeldungen mit Bildern” lassen sich Tweets, die mit Bildern versehen sind, gut herausfiltern. Auch der Google Rivale, die Microsoft-Suchmaschine Bing, bietet eine Echtzeitsuche in sozialen Netzwerken unter Bing Social an.

Weitere Suchmöglichkeiten für Twitter

Topsy der Mehrwert dieser Twittersuchmaschine liegt darin, dass in den Suchergebnisse die Anzahl der Tweets und die Relevanz des Twitter-Profils berücksichtigt werden. Das ist gerade bei Nachrichtenereignissen nützlich, wenn man relevante von irrelevanten Links unterscheiden will.

Monitter.com ermöglicht es gleich mehreren Hashtags gleichzeitig zu folgen.

Backtweets Manchmal ist es nützlich zu wissen, wer welchen Link getweetet hat. Das geht mit Backtweets. Einfach Link eingeben.

Twellow.com Wer nach relevanten Usern zu einem Thema sucht, nutzt am besten auch die “gelben Seiten für Twitter”. Suchergebnisse sind nach Anzahl der Follower geordnet.

Es gibt noch unzählige Twitter Apps für die Suche und Recherche. Eine sehr ausführliche Liste bietet die Seite Oneforty.com

Twitterlisten

Listourious.com – ermöglicht eine übersichtliche Suche nach Twitter-Usern und Twitterlisten zu bestimmten Themen.

Viele Medien stellen selber Twitter-Listen zusammen, in denen die Accounts der eigenen Reporter oder interessanter Nutzer aufgeführt sind. Sucht man die Listen eines bestimmten Mediums, ist eine Google Suche am schnellsten (Z.B. einfach “Twitterlist New York Times” eingeben).  Die New York Times Twitterlisten findet man hier.

Gute Twitterlisten (vor allem von Bloggern) bei Krisen und Katastrophen von globalem Ausmaß bietet das Blogger-Netzwerk Global Voices, wie im Fall Marokko

3. Suche nach User generated Content

Wichtigste Fundgruben für Augenzeugenberichte sind natürlich die Portale Youtube und Flickr. Bei Bei Youtube bei den Suchoptionen “Hochgeladen am” wählen, um die neusten Uploads zu erhalten. Bei Flickr gibt es die Option “Neueste” in den Suchergebnissen. Youtube bietet mit Citizentube sogar einen eigenen Kanal für User generated Content an.

Darf man dieses Material nun verwenden? Ja, wenn es einer Creative Commons Lizenz unterliegt. Ansonsten gilt das normale Copyright und man muss den Urheber direkt anfragen.

Flickr bietet unter der erweiterten Suche die Möglichkeit gezielt nach Creative Commons Inhalten zu suchen.

Verschiedene Medien wie Al Jazeera bieten sowohl Fotos als auch Videos auch unter einer Creative Commons Lizenz an.

Fotos auf Twitter suchen

Viele Augenzeugenberichte werden auf Twitter mit Hilfe der Twitter-Apps Twitpic oder Yfrog verbreitet. Suchen kann man danach entweder mit der oben erwähnten Google-Echtzeitsuche  (Statusmeldungen mit Bildern) oder mit speziellen Bildsuchmaschinen für Twitter wie twicsy, twipho oder twitcaps.

Wer wissen will, auf welchen Seiten ein bestimmtes Foto verwendet wird kann dies mit Tineye.com tun (Hier ist einschränkend zu sagen, dass diese Suchmaschine für die Echtzeitsuche nur bedingt geeignet ist, da sie doch einige Zeit benötigt, um aktuelle Bilder zu crawlen. Aber es ist schon interessant zu sehen, auf wie viele Seiten es ein bestimmtes Foto geschafft hat)

Blogsuche

Für die Suche nach relevanten Blogs aus Katastrophen- oder Krisengebieten bietet sich wiederum das globale Blogger-Netzwerk Global Voices an, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Blogosphäre nach relevanten und glaubwürdigen Einträgen zu filtern.

Ansonsten bietet die Google-Blogsearch, aber auch die Social Media Suchmaschine Samepoint.com gute Ergebnisse.

Video in Echtzeit – Ustream

Bei großen Nachrichtenereignissen lohnt es sich, mal einen Blick auf Ustream zu werfen. Medien und Einzelpersonen stream dort häufig life. Nach dem Erdbeben in Chile berichtete dort beispielsweise das chilenische Fernsehen live über die Katastrophe. Aber auch “Bürgerjournalisten” sind dort aktiv, da heute ja schon ein Smartphone für Live-Berichterstattung ausreicht. Ein kurioses Beispiel ist der Ustream-Kanal des Japaners Katsuyuki (”Katz”) Ueno mit seinen “Yokosonews”, der nach dem Erdbeben in Japan fast ohne Unterbrechung über Ustream sendet. Er fasst Detailinformationen aus japanischen Quellen zusammen und berichtet darüber in englischer Sprache (Mehr Infos hier).

4. Newssuche

Google News ist ja inzwischen ein Standard-Tool für die Nachrichtensuche. Zur optimalen Nutzung hier noch einige Tipps:

Benutzerdefinierten Bereich erstellen

Um die Nachrichtenflut etwas einzudämmen, empfiehlt es sich natürlich, zunächst die richtigen Suchbegriffe zu definieren. Mit diesen Begriffen lässt sich bei Google News (natürlich nur wenn man eine Google-Account hat) ein so genannter “Benutzerdefinierter Bereich” erstellen. Der wird dann automatisch in der linken Navigation von Google News angezeigt. Praktisch ist hier die Möglichkeit, dass man auch den Ort der Nachrichtenquelle definieren kann.

RSS für Recherche erstellen

Gibt man bei Google News eine Suchanfrage ein, so erstellt Google automatisch einen dazugehörigen RSS-Feed für die entsprechende Suche. Das ist besonders dann nützlich, wenn man zu einem spezifischen Thema recherchiert und immer auf dem Laufenden sein will, was dazu veröffentlicht wird. Also einfach Suchanfrage stellen und dann auf das RSS-Symbol am Fuß der Ergebnisseite klicken. Den RSS-Feed dann einfach im Google-Reader abonnieren.

5. Crisis Mapping

2008 war die Plattform Ushahidi in Kenia entwickelt worden, um die Unruhen nach den Wahlen zu dokumentieren. Inzwischen wird bei fast jeder großen Katastrophe oder Krise eine Ushahidi Plattform aufgesetzt. Jeder kann Informationen zur Lage vor Ort per SMS oder via Internet schicken. Auf einer Karte wird die Information dann visualisiert. Ushahidi hat sich vor allem für Hilfsorganisationen bei der Koordinierung von Rettungsaktionen als nützlich erwiesen.  Mehr Infos zu Ushahidi für Japan gibt es hier. Besonders schnell und ohne Serverinstallation lässt sich Ushahidi auf Crowdmap.com aufsetzen.

Zur Visualisierung von Kriseninformationen wird häufig auch Google Maps genutzt. Z.B. Der iranische Twitter-Nutzer mit dem Pseudonym @Arasmus sammelt zu der Krise in Libyen  Nachrichten und ordnet sie auf Google Maps Orten zu.

6. Quellen verifizieren

Natürlich stellt sich bei Informationen, die man aus Social-Media-Quellen zieht die Frage nach deren Vertraulichkeit. Wie bei jeder anderen Quelle gilt auch hier, dass die Information verifiziert werden muss.  Ein paar sehr gute Tipps dazu findet man in dem Artikel How to verify a Tweet der sehr empfehlenswerten Seite Media Helping Media und im Post von Paul Bradshaw Content, context and code: verifying information online.

Was habe ich vergessen? Wer noch Tipps hat, bitte melden!

{ 4 comments… read them below or add one }

Torsten März 29, 2011 um 08:17

7. Betrachte die armseligen Ergebnisse, die Falschmeldungen, die Missverständnisse die Leute, die sich über YouTube über die weinerlichen Japaner aufregen.

8. Lass den Twitter-Kram sein und fang an zu recherchieren. Wenn Du in einer vernünftigen Zeitspanne einen tatsächliche Analyse der Gefährlichkeit von Kernschmelzen, der Stammesstruktur in Libyen hast, bist Du ohne ernsthafte Konkurrenz.

Torsten März 29, 2011 um 08:39

sollte heißen: “einen tatsächlichen Beitrag zur Analyse”

Alexander März 30, 2011 um 07:35

“Vertraulichkeit” ? Du meinst sicher “Vertrauenswürdigkeit”. Vertraulichkeit und Twitter, das passt ja schon vom Prinzip her nicht zusammen ;-)
Ansonsten meine Zustimmung zu Torsten, vergesst Twitter (Nicht ganz, aber vergesst dabei das Grundlegende nicht!). Das ganz ganz große Problem der (Online-)Medien inklusive Blogger ist ja heute: alle wollen immer topaktuell sein, immer der erste sein, ja nichts verpassen. Daher wird nicht recherchiert, nicht nachgedacht und nicht nachgefragt, weder per Email noch per Telefon, weil das Zeit kostet. Wenn doch ein Experte gefragt wird, werden seine Antworten unkommentiert ins Netz gestellt, anstelle nachzuhaken, bis man es selber verstanden hat. Man könnte doch auch jemanden über den Text lesen lassen, der es verstanden hat? Und dann erst veröffentlichen! Auch nach 10 Tagen Fukushima haben es deutsche Online-Medien zB immer noch nicht geschafft, sich Physiker oder Techniker in die Redaktionen zu holen, die mit den Zahlenwerten und technische Angaben etwas anfangen können. Habe gestern mal wieder Süddeutsche + FAZ + Die Presse in Papierform genießen können. Eine Wohltat nach 2 Wochen überwiegendem Online-Medien-Konsum!

vera April 4, 2011 um 15:17

Jou. Gut beschrieben, obwohl es im Fall Japan bei mir nur zu einer, zugegeben langen, Linkliste gereicht hat. Interessant, wer da alles draufguckt …

Ich flöh jetzt hier noch mal durch, bestimmt finde ich noch was, was ich nicht kenne – merci im Voraus ,)

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