Live-Blogs: “Riesenappetit auf Information”

by Steffen Leidel on 14. März 2011

Flickr/@afloden

In diesen Tagen der nicht enden wollenden Katastrophenmeldungen aus Japan und ungezählten Berichte über Proteste und Umbrüche in Nordafrika lohnt es sich, sich noch einmal mit den Gedanken des Computerwissenschaftlers David Gelernter zu beschäftigen. Der schrieb just vor einem Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Das Wort ‘Lifestreaming’ ist zu einem neuen Oberbegriff geworden, und Ströme sind der wichtigste neue Trend im Netz.” Die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt und die Katastrophe in Japan zeigen, dass sich die Berichterstattung zu Breaking News radikal verändert. Die klassische Berichterstattung von Nachrichtenagenturen, News in kleine abgeschlossene Einheiten (Eilmeldung, Zusammenfassung, Überblick, Korr-bericht) zu verpacken, gerät an ihre Grenzen. “Was im Netz zählt, ist nicht die Information allein, sondern ihre Geschwindigkeit – Durchsatz und Fließrichtung”, schreibt Gelernter weiter. Ereignisse wie in Nordafrika oder Japan erzeugen nach dieser Logik Ströme “von digitalen Dokumenten jeglicher Art, die nach ihrer Erstellungszeit oder nach ihrem Eingang sortiert sind und sich in Echtzeit verändern; ein Strom, den man durchsuchen oder ‘fokussieren’ kann (einen Strom nach Wörtern, Sätzen, Tönen oder Bildern zu durchsuchen, erzeugt einen neuen Strom); einen Strom mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft.”

Die Menschen wollen an diesem Strom teilhaben, dabei sein und nutzen dafür eben nicht nur klassische Medien, sondern Social Media. Darauf verweist auch der Kollege Christian Stöcker von Spiegel Online am Beispiel der Umbrüche in Ägypten: “Die Lage in Ägypten war und ist in diesen Tagen auch für viele Menschen weit außerhalb des Landes eine ausgesprochen persönliche Angelegenheit. Was sich da vollzieht, hat mit dem, was man früher Nachrichtenkonsum nannte, nur noch wenig zu tun. Am nächsten Morgen oder nach Feierabend aus dem Radio zu erfahren, ob der Mann nun endlich zurückgetreten ist oder nicht, reicht längst nicht mehr. Der Wunsch, die Breaking News live mitzuerleben, dabei zu sein, ist längst stärker als das bloße Bedürfnis nach Informiertheit.”

Das stellt Journalisten vor neue Herausforderungen. Sie sind nicht mehr reine Gatekeeper, sondern vielmehr Gatewatcher, die – wollen sie noch von ihren Rezipienten wahrgenommen werden – aus dem ungebändigten Strom Kanäle formen müssen, auf denen sich ihre Rezipienten gerne treiben lassen. Medienunternehmen wie die New York Times, der Guardian, Al Jazeera oder El Pais haben dauerhaft so genannte Live-Blogs eingerichtet. Typisch für Live-Blogs ist,  dass Informationen aus vielen Quellen kombiniert werden, sie enthalten Links auf Blogs, andere Medienanbieter, zitieren Tweets und integrieren Fotos und Videos von Nutzern (in Deutschland ist das noch eher selten, Liveblogs fallen hier oft durch das Fehlen jeglicher Links auf. Es gibt natürlich Ausnahmen wie z.B. der News-Blog der Zeit.)

Wir haben zwei Live-Blogger zu ihren Erfahrungen befragt:

Andrew Sparrow berichtet in seinem viel beachteten Live-Blog im Guardian über britische Innenpolitik. An normalen Tagen postet er nach eigenen Angaben alle 20 Minuten, an ereignisreichen Tagen alle fünf Minuten. Live-Bloggen ist vor allem ein Schreibtischjob, der den Kopf dröhnen lässt. Um den “Overload” zu vermeiden, nimmt sich Andrew vor, zumindest an einem Arbeitstag in der Woche mal etwas ohne Live-Blogging zu tun.

Ana Alfageme ist Social-Media-Beauftragte von El País und Mitbegründerin von Eskup. Eskup (der Name ist eine Ableitung aus dem englischen Wort Scoop) versteht sich als themengebundenes soziales Netzwerk. “Wir wollten comunity-building nicht nur über persönliche Profile, sondern auch über Themen.” Eskup wird auch als Live-Blog genutzt und zur Organisation von Debatten zu aktuellen Themen (kürzlich über Wikileaks und die Zukunft des Journalismus). Auf Eskup können Redakteure und registrierte Nutzer Einträge mit Videos, Fotos und Links publizieren. Das Netzwerk bietet Schnittstellen zu Twitter und Facebook.

Was spricht für einen Live-Blog?

Andrew: Beim Guardian ist Live-Blogging zur bevorzugten Online-Darstellungsform bei der Berichterstattung von großen Breaking News Stories geworden. Die Leser mögen Live-Blogs, da der Journalist viel mehr Information über eine Breaking News Story liefern kann als in der konventionellen Berichterstattung. Reporter können sehr schnell auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Sie können auf andere Artikel und Blogs verlinken, die relevant sind. Und Live-Blogs erlauben es Journalisten, aktuelle Berichte, Analysen und (bei Themen wo es sich anbietet) mal Humor auf eine Weise zu verbinden, die in der klassischen Berichterstattung einfach nicht möglich ist.

Ana: Auf große Nachrichtenereignisse, die im Fluss sind und in denen minütlich etwas Neues passiert, reagiert man am angemessensten mit einer Berichterstattung, die live und kollaborativ ist und die verschiedene Medien und Quellen vereinigt. Das leistet ein Live-Blog sehr erfolgreich und macht den Leser fast schon süchtig.

Worin liegt der Mehrwert für den Nutzer?

Andrew: Es ist einfach eine schnellere und umfassendere Form Nachrichten zu berichten. In der Vergangenheit haben wir angenommen, dass es ein Limit gab, wie viel jemand zu einem bestimmten Thema lesen will. Die Live-Blogs zeigen aber, dass es einen Riesenappetit auf Information gibt. Live-Blogs mit über 10.000 Wörtern stoßen auf ein riesiges Interesse.

Ana: Für uns ist ein Live-Blog einfach eine internetgerechte Darstellungsform. Jedes Mal wenn ich da reinschaue, erfahre ich, wann etwas publiziert worden ist, in dem Blog werden auch andere Medien zitiert. Damit weiß ich, welches Echo eine Nachricht gerade erhält und wie darüber gesprochen wird. In Eskup, das ähnlich wie Twitter funktioniert, posten wir Einträge von bis zu 280 Zeichen Länge, mit Links, Fotos und Videos. Es ist übersichtlich für den Nutzer gestaltet und ermöglicht diesem direkt mit unseren Journalisten zu interagieren. Unsere Leser beglückwünschen uns für unseren Live Blog. Es scheint, dass sie richtig süchtig danach sind. Das legen auch unsere Klickzahlen nahe.

Wo sucht man nach Information?

Andrew: Für mich ist Twitter sehr hilfreich. Ansonsten hole ich mir Information aus dem Fernsehen, über RSS-Feeds, E-Mail, Nachrichtenagenturen – und spreche eben mit Leuten.  Zum Bloggen benutzen wir eine speziell vom Guardian entwickelte Software. Für mich ist Twitter inzwischen zu meiner Hauptnachrichtenquelle geworden. Die meisten Tweets, die ich verwende, kommen von Journalisten und Politikern, die Twitter nutzen, um auf ihre Kommentare oder Artikel, die sie auch auf konventionelle Weise publizieren (in einem Blog oder auf einer Website), hinzuweisen. Facebook benutze ich selber nicht.

Ana: Ich benutze TweetDeck oder Hootsuite für Twitter. Als Suchmaschinen für Social Media nehme ich Topsy oder Kurrently, für Ortssuchen die “Advanced Search” bei Twitter Search. Ich bilde gerade die El Pais-Redaktion in all diesen Tools fort. Das Ziel ist, dass die Redakteure all das in ihrer täglichen Arbeit anwenden.

Nach welchen Kriterien werden externe Links, Tweets oder Blog Posts ausgewählt und wie verfiziert man Information?

Andrew: Ich frage mich: Ist es interessant für den Leser? So einfach ist das. Ich folge ja Blogs und Twitter-Nutzern, die etabliert sind und die ich schon länger kenne. Wenn mir ein Blog oder eine Kommentar von jemand anonymen unterkommt, den ich gerne nutzen würde, weise ich den Leser daraufhin, dass ich nicht genau weiß, wer XXX ist.

Ana: Das machen wir genauso, wie wir es sonst auch machen. Die Information von Twitter oder anderen Netzwerken muss verifiziert werden. Wir schauen, wer schickt eine Botschaft los und vor allem wo wurde sie gepostet. In der Regel versuchen wir dann, mit der Quelle in Kontakt zu kommen.

Kritiker sagen, Live-Blogs machen den Informations Overload nur schlimmer…

Andrew: Dazu gibt es zwei Punkte zu sagen.  Zum einen ist es sehr wichtig, dass Live-Blogs eine klare Gliederung aufweisen müssen, damit die Leser schnell die wichtigsten Punkte identifizieren können. Ich schreibe in  meinen Posts in der Regel kurze Zusammenfassungen, fette die wichtigsten Text-Passagen und stelle die  Hauptaspekte stichpunktartig zusammen. Das mache ich mindestens zwei Mal am Tag. Das heißt, dass der Leser, der sich nicht durch 10.000 Wörter lesen will, einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen bekommt. Zum anderen ist es so, dass Live-Blogs für Leser gemacht sind, die eine große Menge an Information konsumieren wollen. Das passt sicher nicht jedem. Es wird immer Leser geben, die nur Headlines wollen.

Ana: Ich finde nicht, dass Live-Blogs zu Information Overload führen. Ein Live-Blog bietet einfach ein weitere Möglichkeit, an Information heranzukommen. Wer einen klassischen Artikel lesen will, kann das ja weiter tun. Der ist auch da. Aber wer ein lebendigers, interaktiveres, visuelleres Format sucht, dem sei unser Live-Blog empfohlen.

Linktipps

Currybetdotnet – Live Blogging at the Guardian
Mehr Infos über die Arbeit von Andrew Sparrow und die Frage, wie macht man einen guten Live-Blog.

Kevin Anderson – Live blogging evolved: Context and curation not just collection
Ein differenzierte, kritische Auseinandersetzung mit Live-Blogs. Anderson:  “I worry that sometimes we’re training a fire hose of news on our audiences. We’re not curating. We’re not making editorial choices and adding context. Instead I do fear that we’re causing information overload rather than helping people make sense of the world. Storify and live blogging are great tools and techniques, but they work when a journalist makes editorial choices and adds value through context. Who is this person on Twitter? What is their role in the story?”

Mashable – What the Egyptian Revolution Taught Al Jazeera About Digital
Ein paar interessante Einsichten, die der TV-Sender Al Jazeera mit seinem Live-Blog gewann.

Previous post:

Next post: