It´s the User Experience, Stupid!


by Marcus Bösch on 1. März 2011

Es gibt zwar eine eigene ISO-Norm dafür. Trotzdem reden deutsche Journalisten selten bis nie über die User Experience – das Nutzererlebnis (ISO 9241-210). Das ist erstaunlich. Schließlich ist die User Experience der Dreh- und Angelpunkt von Inhalten und deren Distribution im Netz. Kurze Erinnerung: Journalistische Produkte sind Produkte. Wie Seife. Nutzer, Leser, Zuschauer und Hörer entscheiden ob sie diese Produkte konsumieren wollen. Hinab vom Thron, Du elfenbeinverwöhnte Edelfeder!

User Experience will matter even more

“You have to create a great User Experience before you can monetize the distribution of content”, sagt Koi Vinh. Er war fünf Jahre lang Design Director der NYTimes.com. Im Herbst 2010 hat Koi Vinh eine halbstündige Lecture in Zürich gehalten. Angucken kann man sich die hier. Und das ist sehr empfehlenswert, weil Vinh recht unaufgeregt einige Punkte anspricht die man im deutschen Sprachraum vielleicht noch nicht überall so klar sieht. Der Unterschied zwischen analogen und digitalen Medien? Analog media is a document. Digital media is a conversation. Und die Zukunft? News will be even more open. Gaming will be part of the news experience. User Experience will matter even more.

Was ist User Experience Design

Und damit zu Andreas Echterhoff. Echterhoff ist User Experience Designer, genauer: studierter Mediendesigner im Studiengang Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Interface- und Interaktionsdesign. Er hat für die Deutsche Telekom gearbeitet und für die Deutsche Post, für die ProSiebenSat 1 Media AG, BMW, Hobnox, Vodafone und diverse andere Unternehmen. Er sitzt in einem kleinen Büro in Köln Ehrenfeld und erklärt mir was User Experience Design ist. Zusammen angeguckt haben wir uns noch die folgenden iPad-Applikationen: Flipboard, Pulse, Cool Hunting und Love. Gefilmt auf einem mit Klebeband an einer Schreibtischlampe befestigten iPhone.

Andreas: User Experience Design ist die Gestaltung von Benutzeroberflächen, von Produkten, insbesondere Software-Systemen. Mit dem Fokus auf einer möglichst guten Benutzererfahrung.

Marcus: Also kann das auch ein Fahrtkartenautomat sein?

Andreas: Absolut. Gerade Dinge des täglichen Gebrauchs sollen ja besonders gut funktionieren, verständliches Feedback geben und klare Anweisungen.

Marcus: Was ist der größte Wunsch von Kunden? Sagen die die wollen eine schöne User Experience?

Andreas: In der Regel wissen sie gar nicht was das ist. Normalerweise haben Kunden eine Produktidee, ein betriebswirtschaftliches Ziel und dann stehen sie letztendlich nach einem halben Jahr vor dem Produkt und überlegen sich: Was machen wir jetzt auf der Internetseite oder wie funktioniert die Applikation auf dem Telefon. Und dann beginnt man seinen Beruf zu erklären und erklärt, dass man diese Oberflächen auf Basis dieser Zielvorgaben konzipieren kann. Insbesondere User Experience muss man dabei immer ausdauernd und hartnäckig erklären.

Marcus: Wie groß ist insgesamt der Anteil von Psychologie beim User Experience Design?

Andreas: Mein Vater ist Psychologe und wenn ich mich mit ihm über meist nicht funktionierende Dinge des Alltags unterhalte, dann kommt er eigentlich immer zu dem Schluss dass das was der User Experience Designer macht, letztlich angewandte Psychologie ist. Das kann ich auf der einen Seite unterstreichen, auf der anderen Seite bin ich da recht vorsichtig weil Designer i.d.R. nicht so systematisiert und formalisiert arbeiten, wie es eine Wissenschaft verlangen würde. Sensibilität und Empathie sind aber Kernvoraussetzungen für gutes User Experience Design.

Marcus: Kann man per Definition Designer von User Experience Designern unterscheiden?

Andreas: Designer ist ein recht schwammiger Begriff. Ich würde behaupten, dass es eine klassische, hauptsächlich ästhetische Disziplin im Design gibt, die nicht den Bedarf sieht aus Benutzerperspektive zu gestalten. Aber ich weiß, dass der Bedarf für eine neue Herangehensweise in den letzten Jahren gestiegen ist. Da sind Kunden die immer und immer wieder neue Designs für ihre Magazine eingekauft haben und jetzt gehen die ins Internet oder auf das iPad und brauchen da einfach eine neue benutzerzentrierte Qualität.

Marcus: Gibt es im Bereich Webdesign derzeit so etwas wie eine Grundregel?

Andreas: Man muss das individuell von Fall zu Fall betrachten, aber ich glaube, dass man mit diesen Grundsätzen wie Simplicity schon richtig liegt. Aus dem ganz einfachen Grund, weil die Wahrnehmung und kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen beschränkt ist. Je einfacher man Sachverhalte und Systeme abbilden kann, umso besser. Und damit ist man ganz schnell im Bereich Informationsdesign, interaktive Datenvisualisierungen und Newsgames.

Marcus: Was sind deiner Ansicht nach die nächsten Wegmarken im Bereich Journalismus und User Experience Design?

Andreas: Die härtesten Brüche passieren sicherlich, wenn sich die Technologie ändert. Ich muss eine Entsprechung meiner Newswebsite finden, wenn ich sie auf das iPad lege. Das ist ein ganz neuer Rahmen mit ganz neuen Rezeptionsbedingungen. Im Handwerk des Interface Designers muss man da einfach nur sauber arbeiten. Inhaltlich und konzeptionell steht man aber vor der Herausforderung weg von der klassischen Onlinezeitung mit Artikeln im Sinne des Produktjournalismus hin zu einem dialogischen Davor und Danach im Sinne des Processjournalismus zu gelangen. Das wird spannend.

Linktipps von Andreas

Zur Einführung
Introduction to User-Centered Design
User Experience Design
A visual vocabulary for describing information architecture and interaction design

Bekannte Blogs und Magazine
A List Apart
Boxes and Arrows
inspireUX
UX Booth
UX Magazine
Interactions Magazine

Eine “UX Suchmaschine”
UX Pond

Linktipps von Marcus

Koi Vinh´s Thoughts on News and User Experience
und im lab NUI und die Gamification

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