Datenjournalismus in der Praxis

by SL und MB on 25. Januar 2011

Das Thema Datenjournalismus ist spätestens nach den jüngsten Wikileaks-Publikationen längst kein Nischenthema mehr.  Pünktlich zum Jahreswechsel gab es zum journalistischen Wert von Datenvisualisierungen einen recht allumfassenden Artikel von Lorenz Matzat zur Thematik: Datenjournalismus und die Zukunft der Berichterstattung. Es gab die Fluglärmkarte, hier ein “Making of” und es gab weitere experimentelle, neue und schöne visuelle und interaktive Umsetzungen von Datenmaterial. Zum Beispiel die Visualisierung von Löschdebatten bei Wikipedia: Notabilia. Da man zum Visualisieren von Daten auch Daten braucht, gab es von Pro Publica eine Anleitung zum adäquaten Datensammeln: Scraping for Journalism: A Guide for Collecting Data. Für alle weiteren Fragen: Get the Data.

Für unser aktuelles Ehrenamt-Projekt mit den Volontären der Deutschen Welle hat Gregor Aisch bereits mehrere komplexe Datensätze visualisiert (z.B. hier und hier). Wir haben Gregor Mitte Dezember zu seiner Arbeit und seinen Ansichten zur Zukunft des Datenjournalismus befragt. Hier das transkribierte Interview zum Nachlesen plus zwei Videos, in denen Gregor zwei seiner Visualisierungen erläutert.

Gregor erklärt seine Datenvisualisierung zum Thema Parteispenden

Infographiker oder Datenvisualist – Wie würdest Du dich selber bezeichnen?

gregoraischGregor: Das ist gleich mal eine schwierige Frage, weil es noch gar keine konkreten Definitionen für diese ganzen Jobs gibt. Das sind im Moment eher schöne Texte für die Visitenkarte. Ich seh das recht nüchtern und sage, dass ich Programmierer und Interface-Designer bin. Ich habe Computervisualistik studiert und nenne mich deswegen auch Computervisualist. Ich wurde auch bereits als Datenjournalist bezeichnet. Ich kann mit dem Begriff aber nicht so viel anfangen. Ich hab ja auch keinen klassischen journalistischen Hintergrund. Auf meiner Website verwende ich den Begriff Developer of Interactive Infographics.

Was ist beim Datenjournalismus anders als bei klassischen Infographiken?

Gregor: Ein zentrales Element sind interaktive Informationsvisualisierungen. Die Interaktivität ermöglicht es ins Detail zu gehen, reinzuzoomen und mit den Daten auch einfach nur ein bisschen zu spielen. Ein genereller Unterschied von Datenjournalismus zum klassischen Journalismus ist natürlich, dass die Daten im Mittelpunkt stehen. Geschichten ergeben sich bisweilen erst durch die Analyse und Visualisierung von Daten.

Gregor erklärt seine Wikileaks Mirror Network Map

Wo ist da der journalistische Mehrwert? Was kann ich aus solchen Daten beispielsweise ablesen?

Gregor: Hier kann man Geschichten finden, die sich sonst gar nicht auftun würden. Wenn ich klassisch Daten analysiere finde ich Extreme. Ich filtere die Top 10 raus, gucke mir den Besten und den Schlechtesten an, aber die Muster, die sich im uninteressanten Mittelfeld ergeben, die finde ich durch eine Analyse von Tabellen eher selten.

Was ist eine gute Datenvisualisierung? Gibt es da Kriterien?

Gregor: Ja, definitv. Die leiten sich bisweilen aus benachbarten Bereichen wie dem User Interface Design ab. Da gibt es aus wissenschaftlicher Seite sehr viele Regeln, die man ableiten kann. Dazu gibt es dann so Sachen wie die visuelle Integrität. Emotional vorbelastete Farben oder die Verzerrung von Verhältnissen sollen natürlich vermieden werden.

Hast Du Beispiele für Datenvisualisierungen, die nicht so gelungen sind?

Gregor: Das passiert immer wieder. Im Moment ist auch die Berichterstattung über Datenvisualisierungen geprägt von so einem „Hipp, Hipp, Hurra!“-Journalismus. Da wird jede neue Infographik gefeiert. Ab natürlich gibt es da auch fehlerhafte Dinge. Wenn ich an die Visualisierung der Diplomaten-Depeschen beim Spiegel denke, da hab ich eine Karte und sehe direkt die Verteilung der Depeschen mit Kreisen in den verschiedenen Ländern mit Strichen nach Amerika. Und was macht der User? Er zoomt sich rein, klickt auf ein Land in Europa und dann erwartet er natürlich, dass er da Details sieht. Aber die bekommt man hier nicht. Der Spiegel hat da einfach aufgehört. Das ist nicht sehr gelungen.

Wo bekommst Du deine Datensätze?

Gregor: Natürlich gibt es klassische Quellen, die Journalisten schon immer anzapfen. Das Statistische Bundesamt zum Beispiel, Forschungsstudien, dazu kommen derzeit dann natürlich die sehr gehypten, geleakten Dokumente. Eine interessante Quelle an sich ist natürlich das Internet selbst. Das Internet ist ein riesiges Netz an Informationen, die teilweise bereits semantisch aufbereitet sind.

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