Charity-Journalismus: Interview mit Spot.us-Gründer David Cohn

by Steffen Leidel on 17. Mai 2009

spotus

In Zeiten des Medienwandels sind neue Ideen zur Finanzierung von investigativem Journalismus gefragt. Auf großes Interesse trifft das Projekt des 27-jährigen US-Amerikaners David Cohn. Auf spot.us können Journalisten Themen für Geschichten vorschlagen. Finanziert werden sie durch Crowd-Funding. Das heißt: Die Internetgemeinde zahlt, mit Kleinspenden. Im Prinzip kann jeder Themen vorschlagen. Die Geschichte soll jedoch von professionellen Journalisten umgesetzt werden. Sie können loslegen, sobald die für das jeweilige Projekt benötigte Geldsumme zusammengekommen ist. Die Stories können danach nach dem Open-Source-Prinzip kostenlos von anderen Webseiten oder von Zeitungen veröffentlicht werden. David Cohn, der aus San Francisco stammt, startete sein Projekt Ende 2008, unterstützt wird er von einem Stipendium der Knight-Foundation. Cohn ist Absolvent der Columbia School of Journalism und arbeitete als freier Reporter für das Technologie-Magazin Wired und die New York Times. Er arbeitete gemeinsam mit Jay Rosen, Professor an der New York University und Betreiber des Blogs Pressthink, an dem Projekt NewAssignment.net, wo professionelle Journalisten und Bürgerjournalisten zusammenarbeiten sollen.


David, Sie begleiten Ihr Projekt spot.us als User @digidave auf Twitter, wo man Kurznachrichten von maximal 140 Zeichen veröffentlichen kann. Könnten Sie die zentrale Idee von spot.us in dieser Länge wiedergeben?

Ich kann es versuchen: “Spot.us is trying to pioneer community funded reporting” (Übersetzung: Spot.us will gemeinschaftlich finanzierter Berichterstattung den Weg bereiten)

Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

In den ersten sechs Monaten haben wir 23 Geschichte finanziert. Das ist im Schnitt etwa eine Geschichte pro Woche. Das ist viel mehr als ich erwartet habe. Dennoch überlegen wir ständig, wie wir besser werden können, denn wir haben unser volles Potential sicher noch nicht ausgeschöpft, sowohl was die Inhalte betrifft, als auch was die Zusammenarbeit mit anderen News-Unternehmen angeht. Wir hoffen zum Beispiel, bald mit dem San Francisco Cronicle zusammenzuarbeiten, das ist die größte Zeitung der Region.

Alle sprechen von der großen Medienkrise in den USA und dem Zeitungssterben. Eigentlich müssten Sie ja von der Krise profitieren: Es gibt eine Menge arbeitsloser Journalisten, die jetzt für ein Portal wie spot.us arbeiten können..

Ich persönlich finde die Krise nicht gut. Ich tanze auch nicht auf dem Grab der Zeitungen. Die Krise hilft spot.us insofern, dass zurzeit mehr talentierte Freelance-Journalisten zur Verfügung stehen. Was wir bei spot.us wollen, ist es ja, talentierte Freelancer zu unterstützten. Wir arbeiten zum Beispiel mit jemanden zusammen, der den Pulitzer-Preis hat. Er hat vorher für den Chronicle gearbeitet und jetzt nicht mehr. Aber wir wollen ja mit Medienunternehmen zusammenarbeiten und deshalb haben wir auch ein Interesse daran, dass sie stark sind. In der Zusammenarbeit wird ein großer Teil der Zukunft des Journalismus liegen

Ist es denn lukrativ für einen Journalisten, eine Geschichte für spot.us zu recherchieren?

Das hängt von der Geschichte ab. Für manche Geschichten werden 1500 Dollar gespendet, für andere 500 Dollar. Das ist sicher nicht genug, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es kann niemand ein Full-Time-Spot.us Reporter sein. Es ist für Freelancers aber sicher ein zusätzlicher Absatzmarkt.

Ist das in gewisser Weise auch eine Form von Bürgerjournalismus, die sie da anbieten? Darf jeder eine Geschichte recherchieren?

david-cohnEs gibt bei uns Ansätze von Bürgerjournalismus. Die Geschichten können gemeinschaftlich recherchiert werden. Das kommt aber auf den Reporter an. Wir haben mal eine Geschichte für die Oakland Tribune gemacht über Schlaglöcher. Wir haben Leute zusammengetrommelt und die sind dann mit ihren Fahrrädern losgezogen, um nach Schlaglöchern zu suchen. Das ist eine Form von Bürgerjournalismus. Das muss aber nicht sein. Allen Geschichten gemeinsam ist jedoch, dass sie partizipativ sind, denn es ist die Öffentlichkeit, die dafür sorgt, dass die Geschichten umgesetzt werden,.

Wer spendet denn für spot.us?

Das sind alle möglichen Leute. Da sind zum einen die Leute, die ich als “tech-early-adopters” bezeichnen würde. Die sind ganz einfach daran interessiert, was so mit Spot.us passiert. Die anderen fasse ich unter dem Begriff “concerned citizens” zusammen, also besorgte Bürger, die der Schlaglöcher einfach überdrüssig sind und die wollen, dass darüber berichtet wird.

Haben wir es bei Ihrem Modell mit einer neuen Form von Charity zu tun?

In gewisser Weise ja. Für Journalismus zu spenden, ist nicht neu. Die Leute sind es in den USA beispielsweise gewohnt für das National Public Radio (NPR) zu spenden. Der Unterschied ist, dass sie mehr Transparenz geboten bekommen und sie haben einen direkten Bezug zu dem, für was sie gespendet haben. Sie spenden ja nicht für eine Organisation, sondern sie spenden für eine ganz bestimmte Geschichte

Und wie viel Geld spenden die Leute in der Regel?

Das reicht von zwei Dollar bis zu 200 Dollar. Niemand darf jedoch mehr als 20 Prozent für eine Geschichte spenden.

Spot.us funktioniert vor allem lokal. Glauben Sie, dass dieses Modell auch auf nationaler oder gar internationaler Ebene funktionieren würde?

Spot.us ist ein lokales Projekt und wir wollen es auf andere Regionen ausweiten. Ich glaube, so etwas wie spot.us könnte man auf nationaler, oder sogar internationaler Ebene machen. Ich glaube sogar, dass man damit erfolgreicher sein könnte als wir. Unsere Geschichten sind sehr lokal und deshalb kommen eigentlich nur Leute aus der Gegend als Spender in Frage. Wenn Sie aber auf nationaler Ebene Geschichten anbieten würden, hätten sie auch einen viel größeren Kreis an möglichen Spendern.

Für welche Geschichte wurde am meisten Geld gespendet?

Wir haben für eine Geschichte 2500 Dollar zusammenbekommen. Dabei ging es um einen Faktencheck politischer Werbeanzeigen in San Francisco.

Sie werden ja noch mit einem Stipendium der Knight-Foundation unterstützt. Woher sollen künftig die Mittel für spot.us kommen?

Wir haben noch ein Jahr mit dem Stipendium. Wir hoffen, nun auch in anderen Regionen aktiv zu werden. Wenn jemand 20 Dollar für eine Geschichte spendet, soll er die Möglichkeit haben, für die Organisation extra zwei Dollar zu spenden. Das ist freiwillig und transparent. 90 Prozent der Leute sind bereit, uns die zwei Dollar zu geben. Wenn wir nun weiter expandieren, hoffen wir mit diesen kleinen Zusatzspenden finanziell bestehen zu können.

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