NUI und die Gamification

by Marcus Bösch on 24. November 2010

Touch me!

Wir leben in aufregenden Zeiten. So viele neue Wörter. Und so viele neue Abkürzungen. NUI ist eine davon. NUI heißt Natural User Interface. Und wenn man weiß was NUI ist, dann weiß man warum die tablet-optimierte Website der ZEIT trotz einer sehr richtigen und sehr guten Idee noch gar nicht ausgereift ist.

Wenn man diesen Text weiterliest, dann weiß man vielleicht auch, warum die brandneue Website Jetzt.de gleich sofort wieder zurück in die Entwicklungsredaktion könnte. Warum? Wegen der Gamification. Und wegen Badgeville. Los geht´s…

Wischen, ziehen, drücken, schütteln, wackeln

Lisa war eine der ersten. Es ist 1983. Computerscreens sind eigentlich immer und ausschließlich tief schwarz, lediglich vereinzelt grün oder orange schimmernde Buchstaben, hier noch ein Zeichen und da noch ein blinkender Cursor. Aber jetzt kommt Lisa von Apple. Ein Personal Computer für rund 10.000 US-Dollar. Mit im Preis inbegriffen eine Maus, ein Betriebssystem und eine grafische Benutzeroberfläche. Das hilft nichts. 
Lisa ist schwer verkäuflich, zu teuer und bereits 1984 wird die Produktion eingestellt. 
Was bleibt ist die Maus, das Betriebssystem und die grafische Benutzeroberfläche – die so genannte GUI.

Das Konzept der GUI wird gerade in vielen Bereichen abgelöst. Weil die Maus verschwindet. Und die Tastatur gleich mit. Weil wir nicht mehr klicken, sondern wischen und ziehen und drücken und schütteln und wackeln. Das hört sich auf englisch irgendwie eleganter an. Kevin Kelly: Swoosh your fingers to scroll, wave your arms as with a Wii, shake or tilt it. Celebrate its embodiment.

Tom Cruise, Keanu Reeves und Wolfgang Blau

Tom oder Wolfgang?

Das neue Konzept nennt sich NUI statt GUI. Natural User Interface. Der Film Matrix und auch der Film Minority Report verdeutlichen ganz gut was damit gemeint ist. Sie wissen schon, diese Szenen wo angestrengt dreinblickende Herren mit wilden Gesten multimediale Informationen und Objekte hin- und herwischen. Das war vor einigen Jahren noch revolutionär. Jetzt kann Otto-Normalnutzer das vor seinem überdimensionierten Flattscreen im Wohnzimmer mit der Nintendo Wii oder der Xbox Kinect oder in leicht abgewandelter Form mit dem iPad auf dem Sofa selber nachspielen. Das heißt, er könnte es auf dem iPad nachempfinden, wenn bereits mehr Internetseiten bessere und schönere Benutzeroberflächen hätten.

“Nach ein paar Stunden intensiven Surfens wurde dann aber rasch deutlich, dass Websites, die für die Navigation mit einer Maus konzipiert sind, sich nur bedingt mit bloßen Händen navigieren lassen. So sind zum Beispiel Text-Links in kleinen Schriftgrößen kaum für Touchscreens geeignet. Gleichzeitig beobachteten wir uns dabei, Fotostrecken per Wischgeste blättern zu wollen, was unsere reguläre Website aber nicht vorsah.“ Das schreibt Wolfgang Blau im Zeit Redaktionsblog. Recht hat er. By the way:  Kein Mensch braucht diese ganzen künstlichen Apps. Eine HTML5-optimierte Seite im Browser ist schlanker, schicker, moderner und zukunftsträchtiger. Punkt.

Weg mit der Glasscheibe

Leider ist das Prinzip “Finger statt Maus” bislang nur halbherzig umgesetzt. Artikelbilder lassen sich nicht mit zwei Fingern aufziehen. Umgeblättert werden muss im Artikel per Knopfdruck, nicht mit einem eleganten Wisch. Das fühlt sich noch hölzern an. Folgerichtig umgesetzt muss das Prinzip “Finger statt Maus” aber gerade eben “Natural User Interface”-gemäß ein Gefühl vermitteln, das die trennende Glasscheibe des Endgeräts verschwinden lässt.

Die Inhalt müssen scheinbar liquid werden. Wie sich das anfühlt? Ungefähr so wie die App Uzu  – a kinect multitouch particle visualizer. Die empfehle ich dringend – für´s Gefühl.

Gamification

Game on

Noch ein neues Wort. Gamification. Ein neues heißes Buzzword. Um es ganz ganz kurz zu machen: Gamification is the use of game-play mechanics for non-game consumer technology applications, particularly consumer-oriented web and mobile sites, in order to encourage people to adopt the applications.

Argumentiert wird, dass das erste Jahrzehnt des Jahrhunderts im Netz vom Begriff “social” geprägt wurde und das nächste Jahrzehnt eben von “Gamification”. Hier ein paar Einstiegspunkte. Hier noch ein paar Links bei Delicious. 
Wer auch immer irgendwann ein paar Minuten Zeit aufbringen kann, der sollte unbedingt Jesse Schell zuhören. Dann versteht man das alles besser.

Was hat dieses englische Wort jetzt um alles in der Welt mit der neuen Seite von Jetzt.de zu tun? Jetzt.de ist eine Community-basierte Website. Hier können Nutzer ein Profil anlegen und interagieren. Die Icons beliebter Autoren, neuer Autoren und zuletzt eingeloggter Autoren finden sich prominent auf der Startseite. Das animiert zum Mitmachen und zum Austausch. Das ist natürlich sehr gut und sher richtig und vom Konzept her nicht super brandneu. Muss es ja auch nicht.

Ziemlich brandneu ist aber das Unternehmen Badgeville! Badgeville (Interview mit Robert Scoble) stellt kleine Badges zur Verfügung – lustige bunte Bilder. Sie kennen das vielleicht von Foursquare. Diese kleinen Bildchen sind Teil eines “Social Rewards”-Systems. Sie sollen Nutzer in loyale Fans umwandeln. Klingt komisch? Funktioniert aber. Wenn man sich das Konzept sozialer Games bei Facebook anschaut. Oder die Steuerung der innovativen Community Gameful.

Gameful

Hier löst man Aufgaben in der Community durch Interaktion und Kommunikation und wird dafür belohnt. In Zeiten in denen Nutzer ihren Medienanbietern noch oft sehr egal sind, ist das natürlich Zukunftsmusik. Aber um die geht es hier ja. Denn diese Zukunft findet gerade statt. Nur meistens leider woanders.

{ 9 comments… read them below or add one }

Uri Zeithis November 24, 2010 um 04:31

Guter Artikel! siehe auch dieses Wiki gamification http://gamification.org sehr interessant

Wolf November 24, 2010 um 07:23

Der Film, in dem Tom Cruise wischt, heißt Minority Report. Das Bild wiederum ist aber auch aus Matrix. :-)

Davon ab: ich hoffe, der ganze Game Mechanics-Unsinn und das Einchecken für Badges ist nur eine Modeerscheinung. Ich fühle mich da nämlich immer latent für dumm verkauft / nicht ernst genommen.

Matthias November 24, 2010 um 09:06

Das ist genau das Problem: Den Medien sind ihre Nutzer viel zu oft noch viel zu egal. Und das nicht nur in interaktiver sondern auch inhaltlicher Hinsicht. Interaktiv könnte das iPad, synonym für alle mobilen Endgeräte, da garantiert etwas ändern. Sicherlich wird sich dieser Bereich auch in Kürze gravierend verbessern, schließlich darf man auch nicht vergessen, dass v.a. das iPad erst seit einem knappen Jahr auf dem Markt ist. Entscheidend wäre aber auch die Frage, ob solche (kostenpflichtigen) Apps dann auch tatsächlich inhaltliche Qualität liefern werden, oder ob “Gamification” dann als einziger Mehrwert angeboten wird.

PS: Der Film, in dem Tom Cruise auf einer virtuellen Wand umherfuchtelt, heißt übrigens Minority Report.

Marcus Bösch November 24, 2010 um 09:41

Danke für die filmischen Hinweise! Und Asche über mein Haupt. Minority Report ist Minority Report. Matrix ist Matrix. Und Wolfgang Blau spielt meines Wissens in keinem Film mit ;-) Wurde ausgebessert.

@Wolf Bin auch sehr gespannt ob das eine Modeerscheinung wird bzw. bleibt. Das Coupon-Wesen hält sich nicht nur in den USA seit Jahrzehnten beharrlich. Und an der Geolokalisierung wird man wohl oder übel in einigen Jahren kaum noch vorbeikommen. Das stelle ich mir eher so wie die Verbreitung von Mobiltelefonen vor. Warten wir es ab…

Dirk November 24, 2010 um 10:57

Lieber Marcus,

ich habe leider nicht genau verstanden, wieso Du glaubst, wir sollten ein Social-Reward-System einführen? Ist der Erfolg eines solchen Modells nicht abhängig von der Nutzerschaften einer Community? Community ist doch schließlich nur ein ziemlich nerviger Oberbegriff für in Wahrheit sehr unterschiedlichen Gruppen von Menschen. Ob man diese mit einem Badgeville vergleichbaren System behelligen soll, hängt doch davon ab, was diese erwarten.

Deshalb verstehe ich Deinen Rat in der Tat nicht. Oder hast Du Indizien dafür, dass es im jetzt-Kosmos Interesse an einem solchen System gibt?

Besten Gruß

Dirk von Gehlen (jetzt.de)

Marcus Bösch November 24, 2010 um 13:34

Hi Dirk,

danke für deine Antwort. Ob man Menschen (egal ob Community, Nutzerschaft oder Gruppe etc.) mit etwas behelligen soll was sie nicht erwarten? Auf jeden Fall! Denn sonst gäbe es keine MP3s ;-)

Ich muss da auch noch mal auf das Telefonbeispiel kommen. Gäbe es jetzt flächendeckend Mobiltelefone wenn man irgendwann Anfang der 90er in Deutschland eine repräsentative EMNID-Umfrage (Brauchen Sie ein Mobiltelefon?) gestartet hätte? Wahrscheinlich nicht. Leute fragen ob sie Innovation wollen oder Interesse daran haben, funktioniert sicher in den seltensten Fällen.

Ich wollte das derzeit an vorderster Front diskutierte Social-Reward-System ansprechen, weil ich es für innovativ und zukunftsfähig halte. Und das müssen Medienanbieter meiner Ansicht nach – gerade jetzt und vielmehr als bisher – sein. Unstrittig ist wahrscheinlich, dass loyale, aktive Nutzer Gold wert sind. Wenn diese Nutzer dann auch noch mehr Zeit als bisher aktiv auf einem Angebot verbringen – noch besser!

Durch jegliche Art der Gamification kann man das meiner Ansicht nach erreichen. Ob Fliplife da einen gangbaren Weg aufzeigt weiß ich nicht. Aber ein Blick in die Verweildauer von (Casual)-Computerspielnutzern bei diversen Games müsste jedem Medienmacher die Tränen in die Augen treiben.

Die Versuche Spielmechanismen in den Bereich Journalismus zu tragen sind langsam da.

Vgl.

http://knight.stanford.edu/innovation/2010/rust/
http://jag.lcc.gatech.edu/blog/

Gerade in einer jungen Community, Gruppe, Oder-wie-auch-immer-man-eine-virtuelle-Zusammenkunft-mehrer-Menschen-nennt erscheint mir das ganz vielversprechend.

War ja auch nur so eine Idee ;)

Beste Grüße,

Marcus

PS. Wenn Du mal Zeit hast, empfehle ich einen Besuch bei “Gameful” (Background: http://www.worldchanging.com/archives/011520.html) – Ich war erstaunt davon wie aktiv man selber in Gruppen, Foren, etc. wird, sobald man kleine Aufgaben und Punkte und Auszeichnung und kleine Monster bekommt :-)

Dirk November 24, 2010 um 16:44

Lieber Marcus,

da widersprichst Du Dir jetzt aber selber: Zum einen forderst Du, dass Medien nicht egal sein soll, was ihre Leser/Nutzer denken. Zum anderen sagst Du, dass ich mich darüber hinwegsetzen und ein System einführen soll, das gerade als jüngster Hype durchs Netz getrieben wird. Wir nutzen bereits so genannte Lesenswert-Punkte, die gut angenommen werden. Alle Experimente mit weiterführenden Reward-Systemen wurden bisher abgelehnt. Und ich kann auch verstehen, warum das so ist. Es ist zwar für manchen eine Motivation (wie Du schreibst), für andere raubt so ein System aber auch den Zauber.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde die von Dir beschriebenen Entwicklungen sehr spannend. Die Fallhöhe, mit der Du unsere neue Seite zurück in die Entwicklung schicken willst, ist mir aber etwas zu selbstgerecht. Jede Community erfordert eigene Lösungsansätze, die kann man nicht so einfach alle über einen Kamm scheren.

Besten Gruß

Dirk

Marcus Bösch November 24, 2010 um 21:16

Hi Dirk,

let´s agree to disagree ;)

Wenn ich irgendwas nicht sein will, dann selbstgerecht. Dann eher sowas wie salopp. Ich behaupte ja auch gar nicht dass ich für Irgendwas eine fertig zu implementierende Lösung parat hätte. Da oben steht ja nur “zurück in die Entwicklungsredaktion könnte” – Das weist doch ganz genrell auf die Problematik der derzeitigen Entwicklungsgeschwindigkeit hin. Ist ein Produkt mit klassischen Vorlaufzeiten fertig, kann man eigentlich vorne wieder anfangen.

Mir persönlich ist es letztlich doch herzlich egal wie und ob die Jetzt.de-Community-Seite funktioniert. Ich hab da ja keine Aktien drin. Und das kannst Du alles bestimmt auch wesentlich besser. Will ja nur mit dem Finger auf ein paar meiner Ansicht nach nicht zwangsläufig bekannte Seiten und Projekte zeigen, weil die – Hype hin, Hype her – interessant sein könnten. Und das aus dem einfachen und recht schlichten Grund, weil mich die Thematik interessiert.

Best,
Marcus

Dirk November 25, 2010 um 09:50

agreed!

ich habe vielleicht einfach den tonfall deiner äußerung missverstanden. denn natürlich freue ich mich immer sehr über vorschläge und finde ja auch das angesprochene thema durchaus spannend

besten gruss

dirk

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