Disruptive Storytelling plus 6 neue W

by Marcus Bösch on 10. November 2010

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Ich hab ein neues Wort gelernt. Es heißt “disruptiv”. Es ist ganz hilfreich, wenn man kurz in den Wikipedia-Eintrag zu “Disruptive Technologies” schaut, um die Tragweite zu erkennen. Klassische disruptive Technologien sind nämlich zum Beispiel Digitalkameras, MP3 und Flash-Speicher. Disruptiv scheint per se also ganz erfolgsversprechend.

A disruptive innovation is an innovation that disrupts an existing market. The term is used in business and technology literature to describe innovations that improve a product or service in ways that the market does not expect, typically by lowering price or designing for a different set of consumers.

Okay und was hat das mit Online-Journalismus zu tun? Sehr viel! Denn die allermeisten der so genanten Innovationen im Bereich Online-Journalismus und Multimedia Storytelling kranken meiner Ansicht nach daran, dass sie dem Bereich  “Sustaining Technologies” zuzuordnen sind.

Mit Tamtam aufgehübscht

Hier wird versucht tradierte Formen der Informationsdarreichung in Text, Ton, Bild und Video zu optimieren. Eine Bildergalerie wird mit Sound angereichert. Eine Fernsehreportage wird mit Infographiken und Bildern versehen und heißt dann anders, wird von Mediastorm gemacht, hundert Mal kopiert und tausendmal gepriesen. Es werden Infopakete geschnürt und mit viel Tamtam und Flash aufgehübscht. Das kann man machen. Nur dreht sich hier alles früher oder später im Kreis.

Innovation heißt Erneuerung

Innovation entsteht nicht durch das Kopieren oder Verbessern bereits  vorhandener Ansätze. Innovation heißt wörtlich “Neuerung” oder Erneuerung. Und die geht anders. Qwiki und Storify zeigen gerade auf, wie eine Erneuerung aussehen könnte.

Egal ob man das auf den ersten Blick super oder superschrecklich findet – denken sollte man daran, dass es “Disruptive Technologies” gerade auszeichnet “den für das traditionelle Wertnetzwerk üblichen Dimensionen der Leistungsmessung meist unterlegen” zu sein. Siehe hier. In eigenen Worten: Das funktioniert zwar noch nicht alles 100 Prozent richtig, hat aber grundlegend das Zeug tradierte Mittel und Wege über den Haufen zu werfen.

Create stories using social media

Eingedenk einer sich ändernden Jobspezifikation von Journalisten im 21. Jahrhundert macht Storify schon ganz viel richtig. Hier wird kuratiert und nicht produziert. Man setzt sich in den Datenstrom und extrahiert Bedeutung. Bester Prozessjournalismus. Einfach zu handhaben. Für jeden.

Diese Herangehensweise verbietet natürlich nicht die Produktion eines klassischen großen Text-Erklärstückes. Es könnte die Grundlage eines solchen sein. Passend für eine Zeit der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und der verschiedenen Nutzungsszenarien und natürlich auch dank Instapaper.

Noch mehr? Story versus System!

SimCity 4 2005-09-07 00-01-49-93
Wem das noch nicht reicht: Eine spannende Diskussion entspinnt sich zusätzlich, wenn man dem Begriff Story den Begriff System gegenüberstellt. Auf der einen Seite eine klassische lineare Story, gerne auch als Textreportage ganz ohne jegliche Pseudo-Interaktivität und ohne multimediales Tamtam. Auf der anderen Seite ein Newsgame, das es fertigbringt komplexe Sachverhalte erlebbar zu machen. Bestes Beispiel SimCity – auch wenn das natürlich nicht wirklich in die enge Definition Newsgame reinpasst. Egal. Durch das Spielen dieses Spiels lerne ich wesentlich mehr über das Thema Stadtplanung als durch die Lektüre mehrerer Standardwerke.

Egal ob Story oder System – immersiv müssen die Produkte sein. Sie müssen mich packen und reinziehen und fesseln und Mehrwert bieten. Klingt eigentlich ganz einfach.

Was das für die Zukunft Gegenwart des Journalismus bedeutet?

1) Die Rahmenbedingungen in denen sich Journalismus bewegt haben sich geändert
2) Die Rollenbeschreibung von Journalisten muss sich anpassen
3) Innovation bedeutet echte Erneuerung nicht Optimierung oder die Kopie von bereits bestehen Technologien
4) Egal ob Story oder System  – das Vorgehen sollte genau so aussehen: Demos not Memos. Fail often, fail fast, fail cheap
5) Was oft vergessen wird. Jegliches journalistische Produkt richtet sich an einen User, Leser, Hörer, Zuschauer

Die 6 neuen journalistischen W

Wer - hat dazu bereits Sinnvolles gesagt, gesammelt, gefilmt oder geschrieben?
Wie - kann ich aus der Flut der Daten Sinn und Bedeutung extrahieren?
Was – ist der Mehrwert meiner Geschichte?
Wann – wird mein Nutzer das Stück lesen, hören, sehen? Auf welchem Gerät und in welchem Nutzungsszenario?
Wo – in meinem Werk ist der SLAT (Shit look at that) – Moment der meinen Nutzer fesselt?
Warum* – sollte irgendjemand da draussen im Netz mein journalistisches Werk beachten?

(*Okay, das ist recht ähnlich zum ‘Was’ aber noch mal weil es so wichtig ist!)

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erz November 10, 2010 um 15:25

Schön, schön. Ich würde das Wort “Innovation” allerdings nicht mit einem Nimbus des Genialen, der “echten Erneuerung” aufladen, das schreckt potentielle Innovatoren nur ab und ist obendrein historisch eher die Ausnahme. Inkrementelle Verbesserung bestehender Technologien versprechen vielleicht keine Innovationssprünge, die gleich disruptiv scheinen, trotzdem sind es häufig solche Schritte, die eine Technologie auf einmal über eine vorher unerkannte Schwelle bringen. Ein Beispiel dafür: Die Übertragungsraten der verfügbaren Internetverbindungen.

Vom Prinzip hat sich das Protokoll und die Technik nicht verändert gegenüber vor 15 Jahren. Youtube und Co sind trotzdem erst zum Massenphänomen geworden, seit die Bandbreite die Schwelle des limitierenden Faktors hinter sich gelassen hat. Bums, Disruption.

Grundsätzlich funktioniert Innovation ohnehin meist so, dass altbekannte Ideen nur zusammengeführt werden, die vorher nicht konvergierten. In diesem Sinne: Habt Mut zur Innovation, die ist eben kein Hexenwerk.

Ach ja, weil das ceterum censeo hier so schön passt: Holt euch fachfremde Spezialisten ins Boot – deren Expertise mit derEuren gemischt ist eine hervorragende Basis für Innovation. Mittlerweile gibt es endlich die von mir stets geforderte Zusammenarbeit von Spieledesignern und Journalisten ;-)

Ralf Dezember 3, 2010 um 18:57

Da muss ich erz zustimmen – und auch die Wikipedia tut das:
“On a lower level, innovation can be seen as a change in the thought process for doing something, or the useful application of new inventions or discoveries.[1] It may refer to incremental, emergent, or radical and revolutionary changes in thinking, products, processes, or organizations. ”
Innovation – vor allem in der Wirtschaft ist meistens inkrementell – und passiert ständig. Ich würde das auch nicht so hoch hängen! Viele von den Dingen, die als neue Revolution ausgerufen wurden, waren bald wieder weg vom Fenster – während sich Dinge, die allmählich immer weiterentwickelt haben, häufig im Endeffekt die größeren Veränderungen gebracht haben. Kein Hexenwerk und keine reine Genialität – etwas Inspiration und viel Transpiration.

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