Ich bin skeptisch was gnadenlose Eigenpromo im Netz anbelangt. Aber erstens ist das Ergebnis zu gut um den Entstehungsprozess nicht einmal darzulegen, zweitens gebührt Ulla Schmidt der allermeiste Ruhm und die Ehre für die gesamte visuelle Umsetzung und drittens ist das Projekt vielleicht Anstoß für weitere multimediale Storytellingversuche im Netz.
Worum geht´s?
Zusammen mit der Illustratorin Ulla Schmidt habe ich die letzten anderthalb Jahre an einer Onlineumsetzung eines Märchenradio-Projekts der Kulturredaktion der Deutschen Welle gearbeitet. Herausgekommen sind 22 animierte Zeichentrickfilme plus PDF-Märchenbücher zum Selberausdrucken.
Die Ausgangslage
Unter der Leitung von Cornelia Rabitz haben Fremdsprachenredakteure aus 19 Ländern ihre landeseigenen Lieblingsmärchen ausgesucht und editiert. Diese wurden dann von von professionellen Sprechern in der jeweiligen Landessprache und zusätzlich einmal auf deutsch eingesprochen. Ein sofort einleuchtendes Audio-Projekt – orale Tradition, fundamentales Storytelling, funktioniert seit Menschengedenken über Altersgrenzen hinweg. Nur eben so leider nicht wirklich Online.
Was macht man Online?
Als Audiopodcast mag das Projekt – versehen mit einem hübschen Podcastlogo auf einem MP3-Player funktionieren. Das war es dann aber auch. Wer setzt sich vor einen Bildschirm, lauscht einem Märchen und schaut dabei aus dem Fenster? Das war eine rhetorische Frage.
Unsere Idee. Man setzt das Ganze multimedial um. Jedes Märchen gibt es als animiertes Zeichentrickvideo zum Anschauen, inkl. Geräuschen und Sprecherstimme. Dazu die bereits aufgenommene Audiovariante in zwei Sprachen für den MP3-Player. Und dazu dann noch ein Bilderbuch als PDF zum Selberausdrucken. Audio und Video als On-Demand Angebot und als Podcast zum Abonnieren. Eine All-in-One Lösung für verschiedene Nutzungsszenarien.
Umsetzung Bild

Ziemlich schnell steht fest, dass das Ganze reduziert undvom Stil holzschnittartig werden soll. Alles Andere wäre zu aufwendig und deswegen zu teuer. Erste Idee: Ein Wimmelbild mit ein bisschen Animation. Das sieht doof aus und funktioniert nicht, weil die Geschichten viel zu komplex sind. Also doch durchgängige Filme. Und die entstehen so:
1. Recherche über das jeweilige Land. Auf der Suche nach typischen visuellen Merkmalen.
2. Bleistiftskizze auf Papier. Immer konkreter.
3. Einscannen, bearbeiten mit Photoshop
4. Die Bildkomposition zu After Effects laden und dann animieren
5. Ausspielen als Quicktime-Files
Software: Photoshop und After Effects
Probleme: Selbst bei einer groben Animation dauert die Erstellung viel länger als gedacht - jeder einzelne Charakter muss erst einmal mit den Augen zwinkern. Durchgehend. Das sind zwar nur zwei Phasen. Aber das war dann auch nur ein ganz kleiner Teil der Gesamtanimation.
Überraschung: Das es dann doch einfach funktioniert am Ende.
Fazit: Projekte abschließen und danach was ganz anderes machen ist super!
Umsetzung Ton
Eine professionelle Hörspielproduktion scheidet bei den 22 Märchen aus Kostengründen aus. Trotzdem sollen Geräusche den Animationen ein bisschen mehr Leben einhauchen. Stellt sich die Frage wie viel Geräusch und wann. Erst im Laufe des Projekts kristallisiert sich eine überzeugende Lösung heraus. Notwendig offenbar: eine atmosphärische Gesamtgrundierung und ein markanter Einstieg. Das klingt vollkommen natürlich. Hat aber gedauert es so herauszufinden. Das Projekt ist ein lehrreiches Pilotprojekt.
1. Recherche nach landestypischen Musikinstrumenten und Geräuschkulissen
2. Märchen sichten und dabei potentielle Geräusche nebst Zeitangabe notieren
3. Suche nach konkret passenden Geräuschen, ggf. Aufnahme von Geräuschen
4. Geräusche grob legen
5. Feintuning und Nachbearbeitung
Software: Audacity, MPEG Streamclip
Probleme: Eine Banane die man im echten Leben isst, hört sich aufgenommen nicht an wie eine Banane die jemand isst. Eine umfassende Geräusch-Datenbank hilft, löst aber noch lange nicht alle Probleme. Im Feintuning kann man sich ohne weiteres verlieren. Vielleicht wären auch mehr Geräusche besser. Vielleicht aber auch nicht.
Überraschung: Dass ein Amateurhandyvideosound eines Sprungs ins Zehnmeterbecken ohne Probleme auch als leises Plätschern funktioniert, wenn man mit dem kostenlosen aber bisweilen recht spröden Programm Audacity lange genug herumschraubt.
Fazit: Ein 13 Zoll Bildschirm ist für diese Arbeit definitv zu klein.
Mehr und mehr Märchen gibt es jede Woche hier: http://www.dw-world.de/maerchen
Was gefällt Ihnen? Was gefällt Ihnen nicht? Kennen Sie ähnliche Projekte? Wollen Sie ähnliche Projekte realisieren? Wir freuen uns über Feedback.


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Sehr angenehme Stimme hat die Sprecherin. Die Einspielung von Kaminfeuer und Wind ist auch sehr gelungen!
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