Der Journalist von heute und morgen

by Steffen Leidel on 4. Oktober 2010

Neulich diskutierte ich wieder einmal mit einem Kollegen über den Begriff “Onlinekompetenz”, oder anders ausgedrückt, über die Frage, was ein Journalist heute von dem ganzen Internetkram eigentlich wissen muss. In der Ausbildung der Volontäre fragen wir uns immer wieder neu, was konkret der Medienwandel für die Journalistenausbildung eigentlich bedeutet. Das ist spannend und anstrengend zugleich, denn angesichts der sich ständig wandelnden Internetwelt muss man sein Seminarkonzept jedes Mal neu überdenken.

multimedia-equipment

Was also muss gelehrt werden? Muss jetzt jeder Video- und Audioschnitt beherrschen, Bilder machen können und in Photoshop bearbeiten. Braucht ein Journalist Programmierkenntnisse? Sollte er HTML und Flash können und am besten auch in der Lage sein, Iphone-Apps zu bauen? Diese Fragen werden schon lange diskutiert und zum Teil sehr unterschiedlich beantwortet.  Das ist auch gut so: Journalistenausbildung braucht derzeit Mut zum Experiment und vor allem viel Selbstreflektion über das eigene Handeln.

Problematisch finde ich, wenn Onlinejournalismus-Seminare zu reinen Anwenderschulungen verkommen. Man kann viel Zeit in die Schulung von Final Cut, Photoshop, Flash, Html, etc. stecken und immer das Gefühl haben, die Zeit reicht nicht. Und morgen kommt ein neues Programm und dann geht wieder alles von vorne los. Andererseits kann Onlinekompetenz sich aber auch nicht darauf beschränken, mit dem hauseigenen CMS hantieren zu können.

Es geht darum, dass ein Journalist  ein Thema, eine Geschichte für Online konzipieren, denken und umsetzen kann. In vielen Redaktionen denken noch zu viele Redakteure in den Kategorien ihres “alten” Mediums, sie denken an ihren Radio- , TV- oder an den Printbeitrag. Und geben ihn dann am liebsten ab an die Onlinekollegen, die dann das “mit dem Internet” erledigen.

Es ist nur schwer zu verstehen, dass wir in Deutschland im Jahre 2010 noch immer in vielen Redaktionen eine Teilung zwischen der Onlineredaktion und den vermeintlich “echten” Journalisten haben. Wie ist es eigentlich möglich, dass die Spiegel-Online-Redaktion von den Printkollegen erst eine Woche vor Veröffentlichung von der Wikileaks-Geschichte erfuhr? Kein Wunder, dass das Ergebnis entsprechend war. Wie ist es möglich, dass der Chefredakteur einer der erfolgreichsten Tageszeitungen Deutschlands immer noch der Meinung ist, dass  “Nachrichtenjournalismus im Netz wird nie so in die Tiefe gehen” können, wie in einer Zeitung?

Es müsste doch eine Binsenweisheit sein, dass Journalismus nicht deshalb hochwertig ist, weil er auf Papier gedruckt oder im Fernsehen gesendet wird.  Jedes Thema muss heute von vorneherein plattformübergreifend konzipiert und gedacht werden.

Das setzt aber voraus, dass ein Journalist weiß, was im Internet eigentlich möglich ist. Das ist leider noch nicht die Regel. Kevin Anderson vermisst in seinem lesenswerten Text Skills for journalists: Learning the art of the possible so genannte “digitally-minded editors”:

One thing that we’re sorely lacking as an industry are digitally-minded editors who understand how to fully exploit the possibilities created by the internet, mobile and new digital platforms.

Insofern schadet es nicht, wenn Journalisten in ihrer Ausbildung auch mal die eigelegende Wollmilchsau sein sollen und fotografieren, filmen, programmieren, twittern und bloggen. Das Lernziel ist dabei nicht die Beherrschung von Programmen im Detail, sondern es ist das Erkennen der Möglichkeiten, die multimediales Arbeiten  mit sich bringt. Es geht darum, dass ein Journalist versteht, den Information Overload für sich professionell zu managen. Es geht darum, zu verstehen, was ist journalistisch möglich, wie viel Aufwand benötige ich wofür, wo finde ich Tools für meine Ideen – und vor allem, wen brauche ich wofür und wo finde ich denjenigen, der mir bei der Umsetzung meiner Ideen hilft. Multimediales Arbeiten ist vor allem Teamarbeit.

Die Fähigkeiten des Journalisten von morgen (eigentlich schon von heute) hat Anderson in seinem Beitrag schön zusammengefasst:

“It’s about knowing how to tell stories in audio, text, video and interactive visualisations. It’s about knowing when interactivity will add or distract from a story. It’s an understanding that not every story need to be told the same way. It’s about understanding that you have many more tools in your kit, but that’s it’s foolish to try to hammer a nail with a wrench. It’s not about building a team where everyone is a jack of all trades, but building a team that gives you the flexibility to exploit the full power of digital storytelling.

Ich teile die Meinung von Dan Gillmor, dass Journalisten nicht auch noch programmieren können müssen, sondern: It makes more sense to me that journalists should work with programmers. Wir sollten dabei jedoch nicht nur darüber nachdenken, was Journalisten von Technik wissen, sondern was eigentlich Techniker und Grafiker vom journalistischen Handwerk wissen müssen. Gerade im Bereich des Datenjournalismus sollten Journalisten, Programmierer und Grafiker die gleiche Sprache sprechen.

Die neue Generation von Journalisten braucht meines Erachtens ein neues Selbstverständis und eine neue Haltung. Journalisten sollten sich nicht mehr über einzelne Mediengattungen definieren, nicht als TV-, Radio oder Printjournalist. Es geht um Themen und Geschichten, die ich medienübergreifend unter Einbeziehung des Publikums erzähle. Das führt zwangsläufig zu einer anderen Herangehensweise an Themen.

Das heißt nicht, dass man nicht ruhig Mut zur Lücke haben sollte. Also sich nicht verzetteln und nun versuchen, selbst Multimedia-Specials von vorn bis hinten selbst produzieren. Vielmehr sollte man seine eigenen Stärken erkennen und ausbauen. Nicht jeder wird professioneller Fotograf, aber vielleicht tut man sich bei einer Geschichte mal mit einem solchen zusammen und schreibt nicht nur die klassische Seite-3-Reportage. Nicht jeder muss interaktive Infografiken erstellen können, aber man könnte zusammen mit einem Programmierer vielleicht seinen mühsam recherchierten Daten zu mehr Wirkung verhelfen.

Außerdem geht es darum, dass Journalisten es nicht mehr als Herabwürdigung ihrer Leistungen sehen, wenn sie sich auf die Augenhöhe der Nutzer begeben. Die Nutzer einzubeziehen ist mehr als die Veröffentlichung von Augenzeugenberichten. Der Redaktionsleiter von jetzt.de, Dirk von Gehlen, glaubt, dass in absehbarer Zeit die Mehrheit der Mediennutzer Kommentare “als selbstverständlichen Teil des publizistischen Angebots mitlesen”. Gegenüber dem Journalist sagte er, heute würden sich Nachrichten im Netz kaum voneinander unterscheiden, egal, ob sie nun bei Spiegel Online oder Welt Online zu finden seien. Als “Unterscheidungsmerkmal” werde die Community daher immer wichtiger. Und wer sie nicht abbildet, laufe Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten.

Jay Rosen hat bezüglich der Bedeutung der Community einen Schlüsselsatz gesagt, den sich jeder Nachwuchsjournalist merken sollte.

You need to understand that the way you imagine the users will determine how useful a journalist you will be.

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Schwertransport Oktober 20, 2010 um 17:58

Dirk von Gehlen hat damit aber auch vollkommen Recht, denn seien wir mal ehrlich…Nachrichten sind Nachrichten. Ein Unfall ist irgendwo auf der Welt passiert, dies schreibt zwar jeder in seinem eigenen Stil, aber passiert ist es sowohol auf stern, oder jetzt oder faz oder oder oder.

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