Living in a Magazine

by Marcus Bösch on 9. August 2010

Foto

Laid Back sind ein dänisches Popduo längst vergangener Zeiten. Ihr größter Hit Sunshine Reggae aus dem Jahr 1983 taucht – wen wundert es – in der heute nur noch schwer nachvollziehbaren Sexy-Klamauk-Verwechslungskomödie “Sunshine Reaggae auf Ibiza” auf.

Warum ich das hier erwähne? Weil fragmentierte Interessen noch nie so gut bedient wurden wie heute. Und weil Laid Back entspannt und locker und zurückgelehnt heißt und genau das die dominierende Körperhaltung bei der Nutzung neuer Tablets ist.

Röhre

Wenn man Steve Jobs, dem Wired-Magazin, diversen Analysten, Chip-Produzenten, Rupert Murdoch und anderen glaubt, dann ist das Desktop-PC-Zeitalter  vorbei, dann werden wir uns alle in Zukunft noch viel mehr mit mobilen Geräten wischend und Finger spreizend im Internet bewegen. 
Laufen Sie mal durch die Elektronikabteilung ihres Lieblingswarenhauses. Suchen Sie einen Desktop-PC. Und danach einen Röhrenfernseher.

Die Darstellungsformen von Inhalten im Netz werden sich in naher Zukunft trotzdem kaum verändern. Text ist Text ist Text. Zum Beispiel einige der besten jemals verfassten Reportagen hier.

Textwüste

Es wird Text geben und Fotos und Zeichnungen und Graphiken und Videos und Audios und multimediale Kombinationen. Ändern werden sich die Prozesse bei der Erstellung von Inhalten. Ändern werden sich bisweilen die Autoren und Urheber dieser Inhalte bzw. deren Geschäftsmodell. Verändern wird sich aber vor allem die Darreichungsform von Inhalten.

Überbordende, verschachtelte, in sich geschlossene und erschlagende so genannte Multimedia-Specials werden wohl zusammen mit den Anfang des Jahrtausends beliebten endlos Textwüsten-Dossiers aus alten Artikeln auf dem Haufen der Geschichte entsorgt werden – irgendwo neben Multimedia-CD-ROMs der 1990er-Jahre.

Weißraum

Wenn man sich die verhältnismäßig junge Geschichte massenkompatibler Websites anschaut und diese in Epochen aufteilt, dann machen wir gerade einen größeren Epochenwechsel durch. Information Architect Oliver Reichenstein unterteilt die letzten 15 Jahre recht anschaulich im Gespräch mit dem Schweizer Radio DRS.

Jetzt gerade ist die Zeit für solche Menschen. Information Architects. Interaktions- Designer, Publication Designers, Konzepter und Gestalter. Wir treten ein in die Epoche “magaziniger” mobiler Websiten, die in der regel auf  einem Touchscreen angeschaut, angestupst und weggewischt werden – von Klicken kann man nicht mehr so recht sprechen. Magaziniger ist natürlich ein grauenvolles Wort. Größere Bilder. Mehr Weißraum. Mehr Typo. Eine andere Struktur.

Flipboard

Schön, was Markus Albers da zusammen mit Severin Wucher und Brian O´Connor und Studenten an der Berliner UDK fabriziert hat.

Vielleicht wichtiger als die Frage nach den  – wahrscheinlich eh bereits vorhandenen oder bald von Demand Media Fimen zusammengeschriebenen – Inhalten, ist derzeit die Aggregation dieser Inhalte und noch viel mehr – deren Aufbereitung. Genau deswegen gab es so ein Riesenbrimborium bei der Einführung von Flipboard. Kein einziges Stück Content wird hier produziert. Bestehender Content wird zusammengetragen, mehr oder minder hübsch und bedienerfreundlich aufbereitet. Die Summe als Mehr(wert) der einzelnen Teile.

Donnerhall

Und genau deswegen sollten klassische Medienunternehmen hier genauer hinschauen bevor sie ihre Startseite mit der 348. Agenturfertigmischung befüllen.

“If i would start a newsbusiness tomorrow I would design a newsbusiness that would not design one new bit of news but instead aggregate news for individuals in ways that matter to them.” Das sagt Clay Shirky in der kleinen Dokumentation Web 3.o von Kate Ray. Ein Satz mit Donnerhall.

Touchscreen

Und jetzt zum iPad, zur Überschrift und zu einigen Apps die man sich mal genauer angucken sollte, wenn man wissen will was gerade so geht. Denn auch wenn ein elektronisches Gerät in absehbarer Zeit nicht die kulturhistorisch aufgeladene Bedeutung von Printpublikationen erreichen kann – im Moment passiert sehr viel auf dem Touchscreen.

Printpublikationen

So sehen viele Printpublikationen im Moment auf dem iPad aus. Schick und nutzbar und alles. Trotzdem hätte ich das Time Magazine, genau so wie den Economist o.ä. lieber auf dünnem Papier in der Hand, gekauft am Bahnhofskiosk. Oder lieber gleich normal im Browser. Einen guten Job macht da nach dem Relaunch The Atlantic. Denn da habe ich direkt Links. Ein Problem (link free zone) auf das man nicht oft genug hinweisen kann – auch wenn zumindest Wired jetzt offenbar nachgebessert hat. Viele Leute werden wohl aber nicht den gleichen Preis zahlen, den sie  für eine Papierausgabe zahlen müssen. Oder sogar noch mehr wie beim Spiegel. Auch nervenaufreibende Zahlvorgänge wie bei Zinio wirken kontraproduktiv. Und beschnitte Inhalte wie bei der iPad-Variante der Welt (Das ist alles) funktionieren meiner Ansicht nach auch nicht. {App Store 3,99 € pro Ausgabe}

Agenturen

Eine klare schlichte Umsetzung. Ähnlich, aber nicht so schön – AP. Mal sehen womit die dpa bald um die Ecke biegt. In der Praxis nutze ich die App trotzdem – ähm – nie. Warum soll man – laid back – News aus einer Quelle checken?! Dann lieber den Feedreader, Twitter o.ä. Als Einsatzmöglichkeit sehe ich immer einen CvD, der im Newsroom auf seinem iPad Reuters und von mir aus auch die Bildagenturen checkt. Visuell und schick: Getty Images. {App Store kostenlos}

Enzyklopädie

Wikipedia ist kein Magazin. Es ist eine Enzyklopdäie. Die Zahl der Menschen die sich gedruckte Bände einer Enzyklopädie in den Wohnzimmerschrank stellen, dürfte mit dieser App ggf. noch ein ganz bisschen kleiner werden. Abgesehen davon gibt es Artikel wie diesen hier: Why Wikipedia Should Be Trusted As A Breaking News Source. {App Store kostenlos} – Der Vollständigkeit halber: Brockhaus und Britannica gibt es – zumindest für das iPhone – auch: Teuer und beschnitten nur leider.

Ideen

Mehrwert und klare Benutzerführung. Was will man mehr? Vielleicht Vergleichbares aus Deutschland. Hallo SZ-Magazine, die schöne Rubrik Büromaterial könnte man so oder ähnlich dramatisch aufwerten. {App Store kostenlos}

Ausblick

Egal ob App oder optimierte Seite, das Internet und die Inhalte die dort verbreitet werden, werden in Zukunft leichter, schicker, benutzerfreundlicher und wohl auch interaktiver sein. Das klassische statische Newsportal alter Coleur wird vergessen werden. Jeder Nischenmarkt wird bedient werden (siehe Magcloud). Adam Westbrook verwies vor kurzem auf die alternative Einnahmequellenidee von 1000 loyalen Followern, die bereit sind Geld zu zahlen. Vielleicht funktioniert das. Innovationen darf man von der in Arbeit befindlichen iPad-App von McSweeney´s erwarten. Jetzt wo da Russell Quinn – nach der Umsetzung der schönen iPhone-App – hauptberuflich als Digital Media Director arbeitet. Per Knopfdruck wird man auch in Zukunft keine schöne Seite erstellen können. Und weniger bleibt trotzdem mehr.

Links

10 Essential iPad Apps for Publication Designers

iPad-Magazine: New York Times bietet Plattform für andere Verlage an

Magazines on the iPad? HP’s MagCloud Makes it a One-Click Deal

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