Multimedia mit Mission

by Steffen Leidel on 28. Juni 2010

Es ist fast schon ein Reflex: Wer über Multimedia-Journalismus spricht, der redet, nein der schwärmt, früher oder später von Mediastorm. Die Produktionen der Multimedia-Firma um Brian Storm werden von Medienvertretern aller Couleur als Best-Practice-Beispiele für gelungenen Multimedia-Journalismus vorgeführt. Ich will hier mal nicht über die erzählerische Qualität der Mediastorm-Stücke reflektieren (was wir in diesem Blog schon mehrfach lobend getan haben). Mir geht es um andere Fragen: Was genau machen Multimedia-Firmen wie Mediastorm? Ist das eigentlich Journalismus?

Ich habe mir kürzlich die neue Mediastorm-Produktion “Airsick: An Industrial Devolution” des für den Toronto Star arbeitenden Photojournalisten Lucas Oleniuk angesehen. In dem eindrucksvollen, aus über 20.000 Fotos zusammengesetzten Stop-Motion-Film werden die Folgen des Klimawandels thematisiert. In einem Video-Epilog kommt Oleniuk zu Wort: “This is a piece of a specific point of view. My point of view”. Mit ernster Miene verkündet Oleniuk die Botschaft von “Airsick”. “We have to redesign the way we live (..) It is time to change the way we think”.

mediastorm-montage

Mediastorm: Multimedia-Produktionen mit Botschaft

Der junge Fotograf will mit seiner Arbeit nichts weniger als die Welt verbessern, daran lässt er keinen Zweifel. Und er passt damit in das Mediastorm-Konzept. Ich habe im vergangenen Jahr Brian Storm am Rande des Global Media Forums kurz interviewt und ihn gefragt, ob Mediastorm eigentlich Journalismus mache. Er antwortete, dass er das, was Mediastorm tue, nicht wirklich als Journalismus bezeichnen wolle. “What we want to call it, is storytelling. We tell stories that speak to the human condition.” (Das komplette Video gibt es hier)

Mediastorm kämpft also für “das Gute” und ist damit nicht allein. Es fällt schon auf, dass die wachsende Gruppe kleiner Multimedia-Firmen wie Bombay Flying Club, Not on the wires, Talking Eyes Media, Duckrabbit, Story4, etc. sich nicht einfach mit klassischen Reportagen begnügen, sondern ihren Produktionen die explizite Botschaft “Wir wollen eine bessere Welt” und “Lasst uns etwas dafür tun” mitgeben.

Zum Beispiel schreibt Talking Eyes in seiner Selbstdarstellung:
“Talking Eyes Media is a multi-media public interest organization that creates and distributes compelling visual materials that advocate for positive social change.”

Duckrabbit versteht sich als “company that would use the impact of storytelling to provoke change

Die Macher von Weyo sehen sich als “storytellers of people in need”

Die Seite PhotoPhilanthropy, die sich dafür einsetzt, Fotografen mit non-profit Organisationen zusammenzubringen, hat sich sozialen Wandel zum Ziel gesetzt – tell the stories that drive action for social change.

Und auch das spannende, kürzlich in Deutschland gestartete Projekt Spill The Beans! will  “engagierten Journalismus präsentiert durch neue multimediale Erzählformen” betreiben.  “Sozial engagierte langfristige Foto- und Filmprojekte sollen wieder die Möglichkeit bekommen, finanziert und unterstützt zu werden.”

Die Produktionen der Multimedia-Trendsetter prangern Umweltsünden, soziale Missstände oder Menschenrechtsverletzungen an. Das gelingt häufig durch professionelle Fotografie und herausragendes Storytelling. Ein interessanter Trend. Was gibt es da herumzunörgeln?

Ich habe nichts gegen advocacy journalism und finde auch, dass Journalisten nicht immer eine künstliche Distanz zu den Themen, über die sie berichten, halten müssen. Auch Journalisten sind nun mal Menschen und keine gefühllose Protokollanten.

Doch ist es noch Journalismus, wenn diese Firmen neben Medienunternehmen wie selbstverständlich NGOs (wie z.B. Ärzte ohne Grenzen, Human Rights Watch, Oxfam) als Auftraggeber anführen?

Viele sagen der Allianz zwischen NGOs und Journalisten (siehe auch meinen Beitrag: NGOs – Die neuen Journalisten) eine große Zukunft voraus. So schreibt Eliza Gregory im Blog von “A Developing Story”:

One of these innovations is the NGO/journalist partnership, where the traditional client/service provider relationship is being replaced by a mutually beneficial partnership, in which money plays a slightly different role than it has in the past.

Auch der unermüdliche Multimedia-Blogger Adam Westbrook, Autor des Buches Nextgeneration Journalist, der das Heil der Journalisten künftig vor allem in Selbstvermarktung und Experimentierlust sieht, erwartet, dass der NGO-Bereich immer wichtiger für Journalisten wird:

This is a sector with huge potential and it’s a great opportunity for forward thinking journalists. If you get it right, the money is there.

Bei allem Respekt für die durchaus kreativen Vorschläge des jungen Westbrook: Sprechen wir hier wirklich noch von Journalismus, oder ist das nicht einfach PR mit journalistischem Anstrich?

Hans Joachim Friedrichs Ausspruch – “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache” – mag vielen heute zu dogmatisch und nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Doch er weist auf eine reale Gefahr des Journalismus hin. NGOs, auch wenn sie noch so professionell und ethisch sauber arbeiten, haben Eigeninteressen. Auch wenn sie sich für das Gute einsetzen, setzen sie sich auch für ihre eigenen Fortbestand ein. Sie sind auf Spenden angewiesen und sind deshalb nicht an Kritik an der eigenen Arbeit interessiert. Wer als Journalist in ihrem Auftrag arbeitet, der kann Interessenskonflikte nicht ausschließen.

An dieser Stelle sei auch an die Ziffer 7 des Pressekodex erinnert, in der es heißt:

Ziffer 7  –  Trennung von Werbung und Redaktion

Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

Ist es nicht  gut platzierte Werbung für Ärzte ohne Grenzen, wenn beispielsweise duckrabbit ein Multimedia-Special über den Ost-Kongo produziert und dieses im redaktionellen Umfeld auf den Webseiten von Medien  wie dem Telegraph oder bei Sky News veröffentlicht? Oder ist das die Zukunft des Journalismus?

Ich will das Thema hier nicht abschließend bewerten. Ich finde nur, dass man über diese Entwicklung bewusst reflektieren und fragen sollte, was das eigentlich für den Journalismus bedeutet.  Über Ihre Kommentare zu dem Thema freue ich mich!

Was mich aber empört, ist, dass klassische Medien NGOs das Feld für talentierte Storyteller überlassen. Es ist zum Teil wirklich lächerlich, welche Honorare so genannte Qualitätsmedien für Audioslideshows oder Fotoreportagen zahlen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass immer mehr Fotografen und Multimedia-Journalisten Medien lediglich als Zweitverwerter für ihr im Auftrag von NGOs produziertes Material nutzen.

Linktipps:

Update: Ergänzende Anmerkungen zu meinem Beitrag gibt es bei Fabian Mohr

Nieman Journalism Lab: NGOs and the News – Exploring a Changing Communication Landscape

PAY UP! Photographers and NGO’s and $$

How much to charge NGOs?

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frerk Juni 29, 2010 um 11:29

multimedia müsste keine abzweigung über teilweise nebenfinanzierte NGOs nehmen, wenn es raum und geld der grossen häuser für ebendiese formate gäbe. wo sind die spielräume der öffentlich-rechtlichen für solche formate wie die von mediastorm? wenn die arbeit pro bono gemacht wird, ist es wohl verständlich, dass man es nicht im sinne einer rein informativen geste sehen will, sondern auch im dienste einer “guten” sache. bewegtbild und vor allem ästhetisch ambitionierteres bewegtbild sind arbeitsintensiv.
ich verdiene mein geld ausschliesslich mit werbung, obwohl ich gerne zwischendurch “journalistische” arbeiten einschieben würde. von verlegerischer und öffentlich-rechtlicher seite habe ich keinerlei angebote bekommen, die ich als publizistisch und oder monetär einigermassen tragbar empfunden hätte. für mich ist aber auch die unterscheidung: der verdient sein geld mit werbung, also ist alles, was er macht PR und erreicht nicht den weihegrad unseres journalismus, lächerlich (was immer wieder vorkommt). vor allem, weil ich sehe, was dann im namen des journalismus verbreitet wird, multimedial, klicken sie hier und jetzt im namen des qualitätsjournalismus, schlampigste recherche, weil sich “die journalisten” nicht die bohne für die charaktere ihrer geschichten interessieren – wenn interviews, dann bitte nur mit prominenten, am besten alles schauspieler.

die taz wird es nie schaffen, die 2470 reportagen, die sie schönerweise auf ihre seite stellt, angemessen zu finanzieren. warum aber haben die öffentlich-rechtlichen, die das geld dafür haben, keinen raum für solche projekte? warum gibt es keine redakteure, die solche projekte durchboxen? gäbe es webseiten oder sendeschienen für solche projekte, könnten sie sich auch davon lösen, ihre projekte nur im dienste “des guten” sehen zu wollen und, weil sie die arbeit rein pro bono machen, auch für sich selber im “lichte des guten” sehen zu müssen.

andererseits begrüsse ich auch die auflösung des rein journalistischen hier und die böse PR und werbung dort. im berufsbild des fotografen ist diese trennung schon lange permeabel. jetzt weitet sich diese nicht deutlich ziehbare trennlinie weiter aus. eine gute geschichte ist eine gute geschichte.
my 2 cents.

Oliver Bechmann Juli 7, 2010 um 16:08

Bombay FC-Mitbegründer Poul Madsen hatte mir gegenüber ja ausgedrückt, dass der BFC auch entstanden ist, weil er seinen Job als staff photographer verloren hatte. Kastenskov und Madsen haben klipp und klar erklärt (mehr dazu: hier…, dass sie vom Canon-Sponsoring, den NGO-Arbeiten und kleineren Foto-Aufträgen leben. Der dritte im BFC-Bunde, Brent Foster, hat gerade nach seiner Heirat in seinem neuen Wohnort, ein Fotostudio eröffnet. Für … Hochzeitsfotografie. (In seinem Blog erklärt er sich dazu; wie er da um den heißen Brei herumschleicht, meine Ambitionen, sich mal mit Multimedia selbstständig zu machen, wurden dadurch sehr demotiviert).

In den Gesprächen war immer klar, dass Multimedia-Journalismus nicht von den Medien bezahlt wird. Und dass deswegen PR-Arbeiten nicht ausbleiben können. Und sind diese Stücke noch so toll, engagiert, begeisternd – sie sind Auftragsarbeiten, und der Auftraggeber hat etwas im Sinn, wenn er den Auftrag vergibt. Hat Madsen auch eingeräumt, als er über ein Auftragsstück berichtete – dass sie nämlich es anders gebaut hätten, wenn sie nicht die Vorgaben des Auftraggebers hätten einhalten müssen.

Als Journalist möchte ich keinesfalls, dass der Unterschied zwischen unabhängigem Journalismus (so schwer der sich auch in der Praxis tut, seinem Anspruch gerecht zu werden) und interessensgeleiteter PR aufgehoben wird. Es spielt schon eine Rolle, wer welchen Auftrag vor welchem Hintergrund und mit welcher Absicht gibt. Auch wenn das Projekt aller Ehren wert ist.

In der FR gab es neulich eine wunderbare Audioslideshow-Reihe über eine Straße im Frankfurter Bahnhofsviertel als Multikultiraum. Die Produzenten haben das der FR gratis gegeben, um es überhaupt irgendwo zu platzieren und damit es für einen Preis präsentiert werden kann. So sieht die Bezahlrealität für aufwändige Multimedia-Produktionen aus. Wenigstens bei Tageszeitungen; also erklingt der Ruf nach den gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen.

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