Multimedia-Storytelling: Von Spaziergängern und Querfeldeinläufern

by Steffen Leidel on 9. April 2010

Mathias Döpfner schwärmt vom iPad. Er findet es “cool” auf diesem Gerät Journalismus zu lesen. “Es ist einfach zu bedienen, der Verkaufspreis ist für den Massenmarkt gemacht und es hat ein bereits eingebautes Pay-Modell”, sagte der Springer-Chef in einem Interview mit Charlie Rose, einem der prominentesten TV-Moderatoren im US-Fernsehen. Und das iPad, das er sich zusammen mit seinem Sohn in Miami gekauft habe, sei zudem “das erste digitale Lean-Back-Medium, das man entspannt zum Konsum nutzen könne.”

Ja, da ist was dran. Auch wenn ich das Gerät noch nicht in der Hand gehalten habe; nach all den Demos und Besprechungen, die im Netz kursieren, muss man zu dem Schluss kommen, dass es vor allem ein Gerät für den passiven Nutzer ist. Es ist gemacht für den Internet-Spaziergänger, nicht für den Internet-Querfeldeinläufer. Je nachdem welche Perspektive man einnimmt, wird man das iPad für toll oder überflüssig halten. Internet-Querfeldeinläufer sind jene, die ein klares (Informations)-Ziel haben, das sie erreichen wollen. Dafür nehmen sie auch in Kauf mal schwitzend durch Dickicht laufen müssen und ihnen ist es auch egal, ob die Landschaft mal schön, mal rau, mal langweilig ist, Hauptsache man kommt ans Ziel, man kriegt die Info.

Wir wollen Geschichten hören

Zu den Internet-Querfeldeinläufern gehören für mich die Internet-Intensivnutzer, deren täglicher Parcours über Google-Reader, Twitter, Facebook und Blogs führt. Sie haben ganz andere Ansprüche an ein Gadget als die Internet-Spaziergänger. Dazu gehören jene, die das Internet zwar nutzen, aber die sich dafür nicht anstrengen wollen, die Übersichtlichkeit schätzen, und denen Twitter und RSS-Feeds einfach zu anstrengend sind. Sie setzen sich lieber gepflegt auf eine Holzbank und lassen die Landschaft auf sich wirken. Sie wollen dabei aber nicht schwitzen, auch nicht die Schuhe schmutzig machen und die Landschaft sollte am besten auch wie aus dem Bilderbuch sein.

Der Internet-Spaziergänger könnte der Nutzer der Zukunft sein, denn sein Anteil an den Gesamtnutzern des Internet wächst, je einfacher das Internet zu bedienen ist. Internet-Querfeldeinläufer wird es immer geben, sie werden Trendsetter sein, aber immer auch Minderheit, wenn auch sicher eine meinungsgewaltige. Die große Masse werden die Spaziergänger sein und damit auch die ökonomisch gesehen interessantere Gruppe. Nach dieser Logik könnten sich das iPad zum Massenprodukt entwickeln, denn es ist eben Lean-Back.

Gadget mit Pop-Corn-Feeling

Damit ein Lean-Back-Gadget als solches wahrgenommen wird, muss es aber auch wie Pop-Corn-Kino rüberkommen. Es muss den Konsumenten zum Staunen bringen, ihm ein Wow-Erlebnis verschaffen. Döpfner hatte es wohl: “Es visualisiert Inhalte in einer sehr emotionalen Weise.” Die eigene App seines Verlages kann er damit aber nicht gemeint haben. Denn das, was man da im Demovideo vom so genannten iKiosk gezeigt bekommt, sind nichts anderes als altbekannte Printprodukte (Welt kompakt, WAMS), nur eben in digitaler Form. Man blättert nicht, man wischt sich durch die Blätter. Lesen kann man die Zeitung im Quer- oder Hochformat.

“Durch dessen Zwei-Finger-Zoom-Funktion lassen sich auch die kleinen Meldungen am Rand groß auf dem Screen abbilden”, heißt es verheißungsvoll im Promo-Text. Ist es das, was Döpfner meint, wenn er davon spricht, dass “das iPad Inhalte in einer sehr emotionalen Weise visualisiert”.

Ich habe das Gefühl die Verleger freuen sich nicht nur über das iPad, weil sie hoffen, dass endlich wieder Geld in die Kasse kommt. Ich glaube vielmehr, sie freuen sich, dass ihre innig geliebten Print-Produkte so maßgeschneidert in die schick-gestaltete Aluminium-Tafel reinpassen. Eigentlich ist das IPad die Wiederauferstehung des klassichen Print-Layouts. Von revolutionärem Multimedia-Storytelling keine Spur. Selbst die Apps in den USA kommen eher bieder und klassisch daher.

Das ist traurig und ernüchternd. Eigentlich wäre jetzt eine ideale Gelegenheit, um eine neue Ära im Multimedia-Storytelling zu beschreiten. Zeit wäre es.

Multimedia-Specials wie Baby-Plastikspielzeug

Wenn ich mir noch mal die aufwändigen Flash-Specials ansehe, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe. Viele sind wahre Schmuckstücke. Doch bei nicht wenigen anderen beschleicht mich hier und da Unbehagen. Als ich sie in Seminaren zeigte, beeindruckten sie die Teilnehmer mit Effekten, Animationen, Sound, Videos und Fotos. Doch es blieb in der Regel bei einem Strohfeuer der Begeisterung, richtig in die Tiefe ging kaum jemand. Klick, wusch, peng, wow und weg. Es ist ein wenig wie mit diesem Babyspielzeug, das leuchtet, piept, vibriert und blinkt. Hat das Kind einmal alle Knöpfe gedrückt, legt es das Plastikteil gelangweilt zur Seite. Dagegen können ein simpler Ball oder ein paar einfache Holzklötze dem Kind über Jahre Freude bereiten.

Wir sollten davon wegkommen, Multimedia-Storytelling wie Billig-Plastikspielzeug zu behandeln, das zwar voller Elektronik steckt, aber im Grunde leer an Kreativität ist. Viele Multimedia-Specials sind nichts anderes als zerhackstückelter Content recycelt aus Print, Radio oder TV, neu zusammengesetzt und mit Effekten aufgemotzt. Das reicht auf die Dauer nicht, es langweilt.

Wir sollten davon wegkommen, die Qualifikation von Multimedia-Redakteuren nach der Anzahl von Programmen und Geräten zu bemessen, die sie bedienen können. Ich halte nicht viel von dem Trend in den USA, Journalistenschüler zu Ich-kann-einigermaßen-Photoshop-Final-Cut-Flash-HTML-Adobe-Audition-CSS-Wordpress-und-auch-noch-Avid-Anwendern zu schulen. (Damit das klar ist: das heißt nicht, dass man nicht so viele Programme wie möglich lernen darf, natürlich.)

Doch die Priorität sollte woanders liegen.

  • Für mich muss ein herausragender Multimedia-Redakteur ein hervorragender Geschichtenerzähler sein, ein Meister der Dramaturgie, einer der weiß, wie man ohne Effekthascherei Spannung erzeugt, einer, der erkennt, was eine Story ist, dem es gelingt sein Publikum mitzureißen, es schafft, dass es ihm bedingungslos durch die Geschichte folgt bis ans Ende.
  • Ein Multimedia-Redakteur muss nicht alle Programme beherrschen. Er muss wissen, was technisch möglich und machbar (und vor allem nicht machbar) ist. Er muss in der Lage sein, die richtige Form für eine Story zu finden, eine die, die Story trägt und sie nicht einzwängt.
  • Und ein Multimedia-Redakteur muss ein überdurchschnittlich guter Teamplayer sein, einer, der die Fähigkeiten seiner Kollegen richtig einschätzt, der ihnen die Idee des Specials illustrieren und jeden instruieren kann, was genau er zu einer Geschichte, einem Special beitragen muss.

Für innovative Multimedia-Formate braucht man keine großen Einheiten, im Gegenteil sie sind eher hinderlich. Gefragt sind kleine, gut aufeinander abgestimmte Teams, in denen die Fähigkeiten für Audio-, Video- und Fotoediting, Design, Storytelling und Technik zu einer Einheit verschmelzen.

Es ist schon erstaunlich, dass viele innovative Ideen im Multimedia-Storytelling nicht von den großen klassischen Medien (mit Ausnahme der New York Times) kommen, sondern von unabhängigen jungen Multimedia-Firmen wie Mediastorm, Bombay Flying Club, Honkytonk oder Duckrabbit.

Sie setzen Standards im Multimedia-Bereich. Wobei man sagen muss, dass sie eigentlich gar nicht so multimedial sind, wie sie immer beschrieben werden. Das viel zitierte Mediastorm setzt auf klassisches, lineares Storytelling aus Bild, Ton und Video. Die meisten Mediastorm-Produkte könnten auch im Fernsehen laufen und sind eigentlich auch ideal geeignet für die neue Generation der Lean-Back-Gadgets. Mediastorm produziert eher Holzklötzchen statt sprechende Spiel-Roboter.

Das revolutionäre an Mediastorm ist eigentlich nur, gute Geschichten zu erzählen und sich von den Fesseln der genormten und durchgestylten Fernseh-Ästhetik zu befreien (plus eine gute Vermarktungsstrategie via Social Media). Brian Storm hatte einst den Mut 20 Minuten Audioslideshows ins Internet zu stellen. Große Medienmacher belächelten ihn dafür. Heute holen sie ihn sich als Berater ins Haus.

Wie sollte Ihrer Meinung nach die Zukunft des Multimedia-Storytelling aussehen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

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erz April 9, 2010 um 19:48

Ich hatte mich ja kürzlich erst um Kopf und Kragen geschrieben, deswegen heute ganz kurz:

HTML5 und Javascript sind mittelfristig die Techniken der Zukunft – wenn es eine Applikation für das Erstellen von Canvas-Elementen gäbe, wäre das die eierlegende Wollmilchsau des Multimedia-Storytelling (quasi ein iMovie für HTML5). Wenn ich programmieren könnte, würde ich heute mit der Entwicklung anfangen.

Und mein ceterum censeo: Externes Know-How für Mediengestaltung und Konzeption in die Redaktionen holen. Spieledesigner sind die Experten für Interfacedesign, Interaktivität, Inter…alles. Und können Geschichten erzählen.

Claus April 10, 2010 um 16:08

“Doch es blieb in der Regel bei einem Strohfeuer der Begeisterung”.

Da kann ich nur zustimmen. Die Beispiele, die man in Ihrer Delicious-Sammlung oder z.B. bei http://www.interactivenarratives.org/ und anderen findet, sind in der Tat oft beeindruckend. Aber tatsächlich ist die Frage: Was bleibt davon? Wer kann sich spontan an drei bis vier gute (evtl. ausgezeichnete) Multimedia-Specials erinnern?

Oft bleibt die Erkenntnis: Weniger kann mehr sein. Als Beispiel soll hier “The Big Picture” vom Boston Globe dienen – eine “schnöde” Bildergalerie. Aber eine, die eine größere emotionale Wirkung hat, als vieler teurer Flash-Schnick-Schnack anderswo.

JoVog April 10, 2010 um 20:12

Die Skills des Multimedia-Redakteurs sind gut auf den Punkt gebracht. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie sieht die Geschichte in der Praxis aus, in der diese Skills zum Tragen kommen? Was wäre ein Beispiel für solch ein innovatives Multimedia-Format? Die LA-Times Audioslideshow “Waiting for Death” (http://tinyurl.com/dgkdte) zum Beispiel hat mich in der Art und Weise, wie sie erzählt ist, fasziniert – aber ist sie innovativ? Die Produktionen von Magnum halte ich für innovativ und faszinierend, aber sie sind ganz klar eine Nischenveranstaltung (z.B. Satellites in Motion: http://tinyurl.com/cvwvje).

Daraus resultiert meine zweite Überlegung: Produktionen wie die von Magnum sind die Kür. Welche Rolle spielt Multimedia aber im Tagesgeschäft, wo es schnell gehen muss, wo Produktionen vielleicht nach kurzer Zeit wieder veraltet sind. Ist dort mehr möglich als die Bilderstrecke, das Video, die Infografik, ggf. eine simple Audioslideshow zum Text?

Doro April 11, 2010 um 09:47

Die 1:1 Umsetzung der Print-Ausgabe aufs iPad ist tatsächlich die langweiligste Lösung, die man sich vorstellen kann. Vielleicht ist sie aber genau das Richtige für die in Deutschland ja eher langsam vonstatten gehende Umstellung auf elektronische Lesegeräte?
Ein schönes Gegenbeispiel ist die Nawlz Comicreihe (http://www.nawlz.com/season1/). Hier funktioniert multimediales Storytelling bestens, die Umsetzung schreit förmlich nach einem iPad, um hin und her zu switchen (statt Mausklick-Steuerung).

Oliver Bechmann April 14, 2010 um 19:46

„Lean-Back“ ist ein schönes Wort, um zu beschreiben, wie das iPad funktioniert. Und meine Frau ist nach deiner Diktion eindeutig eine Internet-Spaziergängerin. Als potenzielle iPad-Nutzerin geradezu prototypisch – das Netz als Informations- und Unterhaltungsquelle nutzen, aber ein vernachlässigtes Fotoblog, kein Twitter, kein Buzz und dergl. Sie will das iPad haben, wegen der Haptik, wegen der Analogie zum iPhone (besaß sie vor mir), wegen der Übertragbarkeit des iPhone-Handlings auf das größere, gleichwohl immer noch bequeme Couch-Gerät. Für sie ist das alles auch keine Abqualifizierung – im Gegenteil: Das macht den Charme des iPad aus.

Ich dagegen als Querfeldeinläufer sehe keinen Grund, mein MacBook Air gegen ein iPad einzutauschen. Denn kann nicht das flache Air, was das iPad nicht kann – und noch viel mehr… eben das eigene Agieren, das Nicht-eingeschränkt-sein auf Apps nach Diktion des Herstellers etc.? Und das alles auch von der Couch aus…

Mit dieser Erfahrung in den eigenen vier Wänden würde ich deine Einschätzung „Die große Masse werden die Spaziergänger sein und damit auch die ökonomisch gesehen interessantere Gruppe“ bestätigen.

„Wow“ hat meine Gattin übrigens gesagt: Aber bei den Demo-Apps von NYT und ‘Sports Illustrated’, die tatsächlich faszinierend auf der iPad-Tastatur spielen. Und dass die Springer-App das nicht hinkriegt, heißt ja nicht, dass es nicht „revolutionäres Multimedia-Storytelling“ fürs iPad im Rahmen eines Nachrichtenangebotes geben könnte.

Da ich kürzlich ein Fortbildungsworkshop mit Henrik Kastenskov & Poul Madsen vom Bombay Flying Club in Hamburg besucht habe, würde ich sagen, dass die beiden deine weitere Einschätzung teilen dürften: Multimedialer Content darf kein Selbstzweck sein, um zu demonstrieren, was man alles an Knall-Bumm-Zisch hinkriegt, sondern muss der Geschichte dienen. Madsen hat sich als jemand „geoutet“, der sich nicht sonderlich für Technik & Tools interessiert, sondern fürs Storytelling, fürs Geschichten erzählen.

Ebenso haben sie dringend für Teambildung plädiert (Kastenskov z.B. ist offensichtlich der Audio-Spezi des BFC), weil tatsächlich es schwierig sei (und immer mehr werde), all das technische Know-How zu erwerben oder zu erhalten. (Und ich hab mein Fett weggekriegt bei dem Versuch, die One-Man-Band zu geben). Daher, exakt, you’re damn right, wenn du schreibst: „Gefragt sind kleine, gut aufeinander abgestimmte Teams, in denen die Fähigkeiten für Audio-, Video- und Fotoediting, Design, Storytelling und Technik zu einer Einheit verschmelzen.“

Es scheint ja einen Trend zu geben, sich von den großen, aufwändig produzierten Multimedia-Geschichten abzuwenden (weil sie einmal mit großen Augen angesehen werden und dann in den Online-Ablagen und -Archiven verschwinden) und den tagesaktuell produzierten Schnellschüssen zuzuwenden. Die können dann in der Qualität nicht mithalten, klaro. Aber sie werden angesehen.

Nur, wieviel geht da in kurz bemessener Produktionszeit? Für mich die zentrale Frage meines Arbeits-Daseins… Und ich wurschtele natürlich manchmal verbissen, manchmal vergebens an der Balance zwischen eingeschränkter Produktionszeit und Qualität. Andererseits auch spannend bei Know-How-Erwerb, Wahl von Hard- und Software, Equipment… ich bin ja in einer Sportredaktion, da versuche ich das auch als sportliche Herausforderung zu sehen. ;-)

Andererseits: Im Print gibt es die schnelle tagesaktuelle Arbeit an Features und das längerfristige Recherchieren und Schreiben an Reportagen von jeher. Und als Redakteur kann man vielleicht sogar beides. Warum nicht also auch als Multimedia? (Weil schreiben einfach ist und keine weitere Software-Skills erfordert?!)

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