Data Visualization – Mach die Daten schön

by Marcus Bösch on 31. März 2010

Bild 2The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes,  but in having new eyes. Marcel Proust

Mir ist das vor ein paar Monaten aufgefallen. Überall im Netz gibt es jetzt diese neuen schönen übersichtlichen Infographiken z.B. zu Facebook oder Twitter. Das Thema per se ist nicht neu. Die graphische Aufbereitung von Daten hat vermutlich an einer zugigen Steinzeithöhlenwand begonnen, jede simple Tabelle, jedes Kurvendiagramm gehört mit dazu – ganze Studiengänge beschäftigen sich mit Themen wie der Computergrafik, Statistischer Grafik mit Scientific oder Information Visualization. (Siehe z.B. Visualisierung von Daten, Kerstin A. Ludwig, Universität Konstanz, 2004, 235 Seiten, PDF )

Trotzdem scheint das Thema seit einiger Zeit im Netz aktueller denn je. Egal ob 
bei der New York Times, bei der BBC, im Data Blog des Guardian, bei der National Policing Improvement Agency im Vereinigten Königreich oder bei News-Aggregatoren wie Newsmap. Nie zuvor hat man so komplexe und vielschichtige Daten so einfach, verständlich, interaktiv und schön aufbereitet gesehen.Bild 7

Das Potential ist noch nicht ausgeschöpft, aber groß und zukunftsweisend. Denn “das menschliche Wahrnehmungssystem [ist] stark an die effektive Verarbeitung von visuell kodierten Informationen angepasst” (Zitat Tuf 1983 aus Ludwig s.o.). Gerade in Zeiten des zumindest gefühlten “Information Overload” wird es so möglich große Mengen von Information rasch sinnvoll zu verarbeiten und zu interpretieren. Dies übrigens auch mit Wohlwollen – weil es dank diverser Tools nicht kompliziert ist, sondern Spaß macht. Und relevant ist – gerade vor dem Hintergrund einer generellen Debatte über die sinnvolle Nutzung von Daten im Journalismus (Vgl. Data & journalism: reporting, presenting and collaborating

“Unkonventionelle, kreative und gekonnte Umsetzungen von Daten bringen direkt mehrere Vorteile”, schreibt Tobias Kut in einem umfangreichen zwei-geteilten Blopost über Datenvisualisierung. Welche Vorteile? Vor allem Aufmerksamkeit, ggf. eine bessere Nutzerbindung und Interaktivität.

Als Annäherung an das Thema empfiehlt sich ein Vortrag von Prof Eric Ulken. Ulken war Interactive Technology Editor bei der Los Angeles Times. Er zeigt sehr einfache und etwas komplexere Möglichkeiten um mit Werkzeugen wie Wordle, Google Docs oder Many Eyes Daten zu visualisieren. Hier finden sich weitere Links von ihm. Als weiterführende Leseliste empfehle ich die folgenden Seiten. In nächster Zeit sammle ich ein paar gute Accounts zum Thema bei Twitter in einer Twitter-Liste.

Linkliste

  • http://www.informationisbeautiful.net/ – von David McCandless, a London-based author, writer and designer. “I’ve written for The Guardian, Wired and others. I’m into anything strange and interesting. These days I’m an independent data journalist and information designer. A passion of mine is visualizing information – facts, data, ideas, subjects, issues, statistics, questions – all with the minimum of words. I’m interested in how designed information can help us understand the world.”
  • http://datavisualization.ch – “…built, published and maintained by Interactive Things, a design and technology studio based in Zürich, Switzerland.” Nach Eigenangaben “the premier news and knowledge resource for data visualization and infographics.” Empfehlenswert: We Love Datavis Tumblr - An inspirational collection of Charts, Maps, Graphs, Diagrams.
  • http://flowingdata.com/ – “Nathan I’m a PhD candidate in statistics. I live and breathe data. I also have a background in computer science and design. FlowingData explores how designers, statisticians, and computer scientists are using data to understand ourselves better – mainly through data visualization.”
  • http://infosthetics.com – “Information Aesthetics is designed and maintained by Andrew Vande Moere, a Senior Lecturer at the Design Lab at the Faculty of Architecture, Design and Planning of the University of Sydney, Australia. Information Aesthetics is a blog that details beautiful infographics and data visualizations from all over the web. Grahpics featured include political, financial and econimic, and other visualizations, dating as far back as December 2004.”
  • http://www.coolinfographics.com/ – Randy Krum “Product Development, Marketing, Visual Thinking and Data Visualization professional fascinated by good infographics.”
  • http://www.visualcomplexity.com – “VisualComplexity.com intends to be a unified resource space for anyone interested in the visualization of complex networks. Manuel Lima is an interaction designer, information architect and design researcher.”
  • Sehr umfangreiche Liste mit weiteren Data Visualization Sites vom Smashing Magazine
: Data Visualization Sites
  • Wer lieber Papier in der Hand halten mag: http://www.edwardtufte.com/tufte/books_vdqi – offenbar die Bibel der Daten-Visualisierer. “The classic book on statistical graphics, charts, tables. Theory and practice in the design of data graphics, 250 illustrations of the best (and a few of the worst) statistical graphics, with detailed analysis of how to display data for precise, effective, quick analysis.”

Kennen Sie weitere gute Quellen oder haben gute Beispiele? Freue mich über Links und Kommentare

{ 12 comments… read them below or add one }

erz April 1, 2010 um 10:18

Ich habe mich gestern, als ich diesen Beitrag in meinem Feedreader gelesen habe, ordentlich geärgert. Nun muss ich gestehen, dass ein Teil meines Ärgers sicher verletzter Eitelkeit geschuldet ist, weil mein Beitrag zu diesem Thema sich ganz offensichtlich ohne nachhaltige Wirkung “versendet” hat, egal für wie innovativ ich selbst ihn halte.

Aber auch, wenn ich obendrein die Ausrichtung dieses Blogs (oder wie auch immer das Selbstverständnis dieser Netzpublikation ist) berücksichtige, die qua Eigeninteresse dem traditionellen Journalismus verhaftet ist, bleibt mein Unmut über die Selbstsabotage deutscher Medienschaffender. Die verpassten Chancen, sich aktiv, statt parasitär an Innovation zu beteiligen, die tun mir als Konsument schon weh: Selbst hier, in einem “Medienlabor” und auch im durchaus lesenswerten Artikel von Tobias Kut ist kein kollaborativer Ansatz zu erkennen, sondern es wird auf fremde Autoritäten verwiesen, die die eigenen Beobachtungen bestätigen sollen.

Meine Kritik mag unfair sein, weil der Artikel nur eine erste Einführung bieten will und deswegen die “Autoritäten” für das Sujet, das er behandelt, als Startpunkt für eigene Recherchen bietet. Aber warum fängt der Artikel dann mit “Mir ist das vor ein paar Monaten aufgefallen. Überall im Netz gibt es jetzt diese neuen schönen übersichtlichen Infographiken” an – und kein einziges Beispiel für dieses “überall im Netz” aus Deutschland wird angeführt. Warum werden nicht die Debatten honoriert oder womöglich erst mal recherchiert, die in der deutschen Blogosphäre oder meinetwegen auch anderen Medienformen darum geführt wurden und werden?

Viel zu selten lösen sich deutsche Medienmacher von der reinen Berichterstattung, von der Phänomenologie, und werden Teil des Schaffungsprozesses. Mit ihren ständigen Verweisen auf die externen Autoritäten marginalisieren sie die eigene Position noch zusätzlich. So haben es die eigenen Kreativen immer schwerer, sich überhaupt mit ihrer Expertise zu positionieren und ein unheilvoller Teufelskreis entsteht, in dem nur noch über Diskurse berichtet wird, statt selbst daran teilzunehmen. Das könnte auch ein Grund sein, warum ständig auf die Experten von Guardian, NYT und Co verwiesen wird. Und warum deutsche Innovatoren keinen Einfluss auf die eigene Szene erlangen.

Entschuldigt den rant, womöglich geht er hier auch an die völlig falschen Adressaten, und obendrein habe ich gerade auch keine Linkliste zur Hand, den Mangel, den ich konstatiere, zu beheben. Aber vielleicht können wir in Zukunft gemeinsam daran arbeiten, selbst zu Experten zu werden, statt über Experten zu reden.

Marcus Bösch April 1, 2010 um 10:31

Hello!

Gegen rants hab ich gar nix. Die finde ich gut.

Warum der Artikel so anfängt?
Weil er beim Autoren anfängt. Am Anfang. Das schafft Transparenz. Der Artikel als verabeitete Eigenbeobachtung, inkl. (natürlich wie immer vollkommen unvollständiger) Eigenrechecherche die – im besten Fall – sinnvollen Mehrwert bietet. Im schlechtesten Fall bleiben ein paar Links und ein ganz gutes Video.

Keine Beispiel aus Deutschland?
Ja. Auch kein Beispiel aus Spanien, Frankreich und sehr sehr vielen anderen Ländern. Aber mit einer super Seite aus der Schweiz ;-)

Debattenhonorierung?
Der Text soll eine erste Einführung in die Thematik sein. Für Leute die den Begriff Data Visualization vielleicht noch nie gehört haben. Danach von mir aus gerne eine Debattenaufarbeitung.

Phänomenologie vs. Schaffensprozess:
Bevor man etwas schafft, sollte man sich vielleicht zunächst mit den Grundlagen beschäftigen. Wie bereits gesagt: Das hier soll einen sinnvollen Einstieg gewährleisten und da habe ich bei einer Kurzrecherche genau die Seiten da oben gefunden. Für Ergänzungen bin ich sehr dankbar.

Linkliste:
Genau die wäre jetzt aber gut. Wo sind die tollen Beispiele aus Deutschland? Wo sind die Beispiele anderer “Innovatoren”?

Ausrichtung des Blogs?
“Qua Eigeninteresse dem traditionellen Journalismus verhaftet”? – Hinsetzen, alle Artikel lesen und dann nochmal das Gleiche behaupten bitte sehr.

Best regards,
MB

erz April 2, 2010 um 10:58

Zur Einordnung: Ich lese hier gerne und viel. Meine Einschätzung des “dem traditionellen Journalismus” verhaftet bezieht sich nicht auf die mediale Aufarbeitung, sondern das Thema. Es geht hier doch wohl unbestreitbar um Journalismus und wie man ihn in neue Medienformen herüberretten und weiterentwickeln kann, nicht darum, wie man ihn ersetzen kann (aus der Außenperspektive durchaus eine denkbare Option). Außerdem bemüht sich das Lab meines Eindrucks nach gerne um Teilnahme am Schaffungsprozess und an Experimenten.

Die Kritik am “mindset” der hinter Artikeln wie diesen steht, habe ich selbst ja schon relativiert – ich sehe sehr wohl, dass dies eine Einführung ist. Nichtsdestotrotz halte ich die Kritik im allgemeinen weiterhin für berechtigt. Damit will ich kein Öl ins Feuer gießen, sondern auf Gruppendenkprozesse verweisen. Wir alle sind anfällig dafür, uns fremden Denkstrukturen nicht auszusetzen, um so mehr, je systematischer und institutionalisierter unsere Arbeitsabläufe und Meinungsbildungsprozesse sind. Lab bietet mir häufig lesenswerte Verstöße gegen verkrustete Strukturen, ich bitte meine Kritik deswegen als wohlwollend zu verstehen.

Und mein Unbehagen speist sich nicht zuletzt aus der Medienexpertise, die ich den Autoren des Lab unterstelle, und dem Unglauben, dass trotz dieser Expertise es ganz offensichtlich keine in der deutschen Medienszene hausgemachten Beiträge, seien sie theoretischer, praktischer oder diskursiver Natur, bis in den Aufmerksamkeitshorizont dieser Autoren schaffen. Da muss ich mich dann schon fragen: Wenn hier schon keine Eigengewächse für so eine Art von Journalismus (oder Vorbilder für Medienformen, die der Journalismus adaptieren kann) bekannt sind, wer soll sie dann bitte finden? Damit will ich weniger die Autoren, als vielmehr den für mich frustrierenden Zustand der Medienszene kritisieren – meine Angst ist, dass tatsächlich niemand in der hiesigen Szene sich mit neuen Formen der Mediennutzung etabliert. In einem älteren Artikel (oder einem Kommentar dazu) schrieb ein Autor ja, dass womöglich nicht einmal von den Schulungen zur Soundslideproduktion irgend etwas übrig bleibt als die Beiträge, die auf der Schulung selbst produziert wurden.

Das finde ich schon bitter.

Als kleines Versöhnungsangebot hier ein paar Ergebnisse meiner Kurzrecherche:

http://recherche-info.de/2009/01/31/viele-bunte-bilder-visualisierung-von-daten/ Bislang blieb der Aufruf nach deutschen Beispielen in den Kommentaren unbeantwortet, aber vielleicht haben die Kollegen ja trotzdem mittlerweile Quellen aufgetan? z.B. für http://recherche-info.de/2009/02/17/wer-waehlt-was-tolle-interaktive-daten-visualisierung/

Christiane Schulzki-Haddouti hat in Open Data gerade ein neues Steckenpferd gefunden und liefert immer wieder Hinweise auf Entwicklungen in diesem Bereich, nicht zuletzt über Visualisierung http://blog.kooptech.de/2010/01/open-data-fuer-journalisten-fallbeispiele-und-interviews/
in ihrer Kategorie “Inspiration” bin dann übrigens auch ich mit einem Beitrag vertreten: http://blog.kooptech.de/2010/02/grosses-open-data-kino/

http://opendata-network.org/2009/08/furs-auge-daten-visualierung/ hat ein paar weitere Beispiele und stellt das Thema vor.

Über http://www.fontblog.de/datenvisualisierung-eines-social-networks findet man Felix Heinen, der mittlerweile ein ansehnliches Portfolio präsentieren kann http://felixheinen.de/filter/interactive#277125/Data-visualisation-of-a-social-network

Und weitere Beispiele und sehr umfangreiche Einordnungen, die englischsprachig sind (smashingmagazine ist, soweit ich weiß, zumindest teilweise ein deutsches Projekt) http://www.webdesignerdepot.com/2009/06/50-great-examples-of-data-visualization/ http://www.smashingmagazine.com/2007/08/02/data-visualization-modern-approaches/

Marcus Bösch April 2, 2010 um 12:18

Danke.

Ralf April 2, 2010 um 12:58

Hallo Marcus,
interessanter Artikel, danke! Hier ein paar Gedanken dazu:
1. Infografiken gibt es natürlich auch in Deutschland und zwar schon lange,
zum Beispiel hier: http://www.spiegel.de/flash/flash-10309.html oder hier http://www.focus.de/infografiken/ ,
2. wirken die aber dann doch, im Vergleich zu den von Dir verlinkten, eher einfach. Sie werden (so mein erster Eindruck) eher genutzt, um politische Sachverhalte, technische Produkte etc. zu veranschaulichen und weniger für die visuelle Übersetzung von Daten. Nicht einmal die ARD-ZDF-Onlinestudie bereitet die gewonnenen Daten grafisch auf (und hier würde es sich ja wirklich anbieten): http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ – das sehe ich schon als Schwäche.
3. Hier aber zumindest mal ein Beispiel, wie Wordle auch in Deutschland schon auf ähnliche Weise eingesetzt wurde (bei der letzten Bundestagswahl): http://tinyurl.com/ko4t7t
4. Hier noch ein Link, (den ich evtl. sogar bei Dir gesehen habe:-)), zu einer animierten/filmischen Umsetzung von Internetdaten in Infografiken, der gut zum Artikel passt: http://vimeo.com/9641036 (von Jesse Thomas)
und schließlich:
5. enthält die (Diplom?)Arbeit von Frau Ludwig für eine Arbeit über Visualisierung erstaunlich wenig davon. Ich hoffe, du hast dich da nicht wirklich durchgequält. Zumal das Ding ja von 2004 ist -und damit ungefähr 100 Internetjahre alt;-)
LG
Ralf

Christiane Schulzki-Haddouti April 2, 2010 um 19:11

Danke für die Erwähnung! Möchte auch noch kurz auf meinen Artikel “Datenjournalismus” in der M hinweisen. Hier erzähle ich noch etwas mehr über deutschsprachige Beispiele, unter anderem dpa RegioData, was hier auf keinen Fall in der Liste fehlen darf! http://mmm.verdi.de/archiv/2010/03/titelthema-datenjournalismus/spannende-recherche-im-netz

Marcus Bösch April 5, 2010 um 19:17

@KoopTech Danke für die Verlinkung und vor allem Danke für die weiteren guten Linktipps!! Finde es sehr gut, wenn ein Artikel wie hier nur der Ausgangspunkt für einen weiteren produktiven Austausch im Kommentarbereich ist.

Marcus Bösch April 5, 2010 um 19:20

@Ralf keine Angst ;-) Habe diese Arbeit natürlich nicht ganz gelesen. Nicht mal annähernd. Ein bisschen quer gelesen. Muss auch nochmal betonen: Das Ganze hier ist nur ein erster Eindruck zu einem sehr sehr umfassenden und diverse weitere Aspekte umfassende Thema. Beste Grüße, M

Matthias Spielkamp April 7, 2010 um 09:15

@erz: Hallo Jakob, auch von mir danke für den Hinweis auf meine Visualisierungs-Beiträge bei recherche-info.de Um Deine Frage zu beantworten: nein, es hat sich leider niemand mit Beispielen gemeldet.
Die Diskussion, die sich hier – vor allem Dank Deiner Kommentare – entwickelt hat, ist doch jetzt ein guter Fundus an Informationen. Always look at the bright side. Und Dank natürlich auch an Marcus. Irgendwer ist halt immer das Zünglein an der Waage.
Ich habe jetzt alle genannten Links unter http://delicious.com/tag/datenvisualisierung zusammengefasst. “datenvisualisierung” ist zwar ein etwas sperriger Tag, aber dafür umso eindeutiger. Wäre schön, wenn Ihr ihn im Blick behaltet. Futter für Eure RSS-Reader :-)

Marcus Bösch April 7, 2010 um 09:24

@Matthias Danke auch nochmal. Für noch mehr Links. Wenn das so weitergeht haben wir bald so ungefähr ALLE ;-)

Alexander Vieß April 7, 2010 um 09:41

nicht viele, aber zumindest ein paar zusätzliche links auch in meinem diigo-account unter dem tag “visualisierung”: http://www.diigo.com/user/te-ix-te/visualisierung

Marcus Bösch April 8, 2010 um 14:46

@Alexander Vielen Dank auch noch mal :-)

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