Interview mit Andrew DeVigal, Multimedia-Editor der New York Times

by Steffen Leidel on 8. April 2009

Multimedia-Storytelling wird in Deutschland nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Nach wie vor fällt es den Medien schwer anzuerkennen, dass professionelle Multimedia-Specials verdammt aufwändig sind und nicht einfach so nebenbei produziert werden können. Im Gegensatz zu TV, Radio oder Printproduktionen ist man im Onlinejournalismus schnell bereit, die Qualitätsansprüche herunterzuschrauben. In den USA hat die New York Times erkannt, dass man für Multimedia-Storytelling Profis braucht, die das Internet als eigenständiges Medium begreifen und trotz schwerer Wirtschaftskrise investiert die Zeitung in eine Multimedia-Redaktion. Ich habe dazu Andrew DeVigal, Multimedia-Editor der New York Times, befragt.

Die New York Times bietet eine Multimedia-Seite mit aufwändigen interaktiven Specials, Slideshows und Infografiken. Gibt es eine eigene Multimedia-Redaktion?

Wie wir organisiert sind, sieht man in etwa auf der Grafik.

newsroom

Newsroom Staffing bei der New York Times. Copyright: Andrew DeVigal, New York Times

Wir arbeiten mit verschiedenen Desks zusammen, u.a.  Grafik, Fotos und Videos. Am Multimedia-Desk arbeiten zehn Leute. Es gibt aber eine immer größere Gruppe von Producern, die Multimedia-Aufgaben (Audio mit Fotos) übernehmen.

Nehmen wir einmal das viel gelobte Special “One in 8 Millon”, in dem anhand von Fotos und Audios interessante New Yorker Bürger vorgestellt werden. Wie aufwändig ist es, ein solches Multimedia-Paket zu machen?

“One in 8″ wird im wöchentlichen Rhythmus von einem Audio-Producer und dem Fotografen Todd Heisler erstellt. Es gibt darüber hinaus einen Editor für Audio und einen Editor für Fotos, der mit Todd zusammenarbeitet. Das Interface von “One in 8″ wurde von einem meiner Leute als Template gebaut, so dass es jede Woche wieder verwendet werden kann, ohne meine Mitwirkung.

Ist guter Multimedia-Journalismus eine Frage des Geldes?

Nein, ich bin sicher, man kann Multimedia machen, ohne viel Geld auszugeben. Es ist viel wichtiger, zu erkennen, welche Projekte sich als Multimedia-Projekte eignen. Und auf diese muss man sich dann konzentrieren.

Welche Fähigkeiten muss ein Multimedia-Journalist mitbringen? Muss er Flash, Photoshop, Audio- und Video Schnitt beherrschen und auch noch schreiben können?

Ich glaube, dass ein grundsätzliches Missverständnis darin besteht, dass News-Gathering und News-Producing als ein und dieselbe Sache gesehen werden. Doch der News-Gatherer ist in Medien, die diese Struktur haben, nicht gleichzeitig der, der dann am Schreibtisch die Produktion übernimmt. Das ist einfach nicht effizient, weil immer etwas auf der Strecke bleibt. In den jeweiligen Bereichen sind sehr unterschiedliche Fähigkeiten gefragt. Man wird nie in beidem exzellent sein. Natürlich gibt es Ausnahmen. Doch wenn Sie auf die “Großen” schauen, werden sie feststellen, dass die sich auf Ihre jeweiligen Fähigkeiten konzentrieren können. Die Aufgliederung gestaltet sich also wie folgt.

News Gatherers / Reporter/ Fotografen: Kamera, Aufnahmegerät, Kugelschreiber
Editors: Photoshop, Final Cut Pro
Producers / Designer: Flash, Html, CSS

Arbeiten Reporter, Designer und Programmierer in Teams zusammen?

Ja, diese Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg.

Warum lohnt es sich, aufwändige Multimedia-Specials zu machen?

Zunächst einmal: bei jedem Multimedia-Paket, sollten Sie sich ernsthaft fragen, ob sich der Aufwand für das gewählte Thema lohnt. Bringt es für die Story einen Mehrwert. Wenn Sie das alles nur der “Coolness” willen machen, haben Sie schon verloren. Multimedia braucht Zeit und eine kluge Planung. Sie können das nicht einfach mal so auf die Schnelle machen. Unser Special “One in 8″ wurde monatelang im Voraus geplant, um sicherzustellen, dass wir Woche für Woche eine gute Geschichte bringen können.

Bringen solche Specials denn Klicks?

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Andrew DeVigal (CCL: disrupsean/flickr.com)

Multimedia-Specials bringen nicht wirklich Klicks, da sie in der Regel nicht als Page-View gezählt werden. Klickzahlen sind also nicht wirklich geeignet zur Erfolgsmessung. Wenn Sie mich fragen, ob Multimedia zum Verständnis von Geschichten geeignet ist, dann sage ich: Ja Multimedia-Specials sind eine tolle Sache!

Was denken denn die “traditionellen” Journalisten der New York Times über Onlinejournalismus?

Ich glaube es gibt eine gewisse Furcht vor dem, was die Zukunft in unserem Geschäft bringt. Ich würde mir wünschen, ich hätte eine Antwort auf die Fragen der Zukunft. Ich liebe das, was ich tue und ich hoffe, ich kann es auch in Zukunft tun. Es ist wichtig anzuerkennen, dass Multimedia niemals ohne Journalismus und Berichterstattung funktioniert. Was zählt ist die Story, nur wie wir sie präsentieren, dass wird sich verändern.

Was ist Ihre Multimedia-Lieblingsseite?

Ich sammele meine Favoriten auf der Seite Interactive Narratives.

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