Video vs. Audio-Slideshow: Das Ende vom Anfang

by Steffen Leidel on 11. Januar 2010

Soundslides muss man wirklich gern haben. Entwickelt von dem Multimedia-Journalisten der ersten Stunde, Joe Weiss, war es das Programm für Audio-Slideshows. Es wurde und wird genutzt von Time.com, dem Guardian, bis zu Faz.net und Sueddeutsche.de. Es ist nicht nur günstig, sondern auch noch kinderleicht zu bedienen. In allen Seminaren oder Redaktionen, wo ich Soundslides vorstelle, ist die Begeisterung groß. Mit Soundslides kann man selbst Kollegen für “Multimedia” begeistern, die im Onlinejournalismus das Ende der Zeit sahen. Vor allem Radiojournalisten schätzen Soundslides, da hier ihre Audiokompetenz im Gegensatz zu anderen Onlineformaten gefragt ist. Einige sahen in Audioslideshows gar eine Fortsetzung des Radios mit anderen Mitteln.

Soundslides war für mich von Anfang ein grandioses Übergangsprogramm für multimediales Storytelling, das vor allem Print- und Radiojournalisten, die nun auch “online” machen sollten, einen experimentellen Zugang zum Medium Internet ermöglicht, ohne dass diese sich als eierlegende Wollmilchsau fühlen müssen. Programmierkenntnisse sind keine erforderlich, nicht einmal die Fotos muss man zwingend auf die richtige Größe zuschneiden. Man braucht eine Tonspur, auf der man dann Bilder mit Drag und Drop anordnet.

Der Multimedia-Chef von Zeit online, Fabian Mohr, sieht nun das Ende von Soundslides gekommen. In seinem Beitrag “Video vs. Audio-Slideshow: Über ein Rennen, das gelaufen” kommt er zu dem Schluss, dass

“Audio-Slideshows als Format und Soundslides als Produktionsumgebung gegen Video – insbesondere HD – nicht mehr behaupten und wir sie deswegen in aller Freundschaft besser an den Nagel hängen.”

Und weiter:

“Audio-Slideshows sind für Fotografen zur kreativen Sackgasse geworden; dazu kommen erhebliche, teilweise unterschätzte Hürden bei Produktion und Distribution. Video hingegen hat seine Kinderkrankheiten überwunden und ist als Leinwand für fotografisches Storytelling inzwischen konkurrenzlos. Mit Bewegtbild umgehen zu können, wird in den kommenden Jahren noch essenzieller sein als bisher.”

Mohr zählt überzeugend mehrere Schwächen von Soundslides auf. Ja, es nervt, dass man innerhalb von Soundslides die Tonspur nachträglich nicht bearbeiten kann. Auch der Upload auf einen Server und das spätere Einbetten per HTML kann bei fehlendem Serverzugang bzw. fehlenden HTML-Rechten für Redakteure eine lästige Hürde sein. Und Audioslideshows sehen bei mangelnder Bildqualität schnell so aus wie Video für Arme.

soundslides

Soundslides-Oberfläche - Ist das Programm am Ende?

Eine der größten Schwachstellen von Soundslides ist, dass man keine Videosequenzen integrieren kann. Im Mai vergangenen Jahres fragte ich den “Soundslides-Vater” Joe Weiss, ob er an einer aktualisierten Version des Programms arbeitet. Weiss sagte damals, über ein “Video-as-a-Slide-Feature” werde aufgrund der großen Nachfrage nachgedacht, und er kündigte ein größeres Update für Herbst 2009 an. Leider ist bislang nichts gekommen. Vielleicht weiß er selber, dass die Zukunft anderen Programmen gehören wird. Trotzdem würde ich nicht so weit gehen wie Mohr, der das auch von ihm lieb gewonnene Programm an den “Nagel hängen” will. Soundslides bleibt für mich ein sehr nützliches Trainingsprogramm. Denn Soundslides lehrt Geschichten in Bilder zu denken, Soundslides lehrt Dramaturgie und es lehrt, dem Ton wieder zu der Bedeutung zu verhelfen, die er verdient.

Ich stimme mit Mohr überein, dass die “Infrastruktur von Onlineredaktionen mehr und mehr auf Bewegtbild ausgerichtet sein” wird. Ich finde aber die Überschrift von Mohrs-Beitrag ein wenig irreführend, der eine Ende des “Rennens” zwischen Video und Audioslideshow ausruft. Ich weiß nicht, ob es ein solches Rennen je gegeben hat. Ich würde aus Video und Audioslideshows auch keinen Gegensatz konstruieren (ich verstehe unter Audioslideshows als mit Ton unterlegte Fotosequenzen, die mit einer Vielzahl von Programmen produziert werden können: Final Cut, Avid, iMovie, Windows Movie Maker, und eben Soundslides). Im Prinzip stehen wir am Ende der Ära von reinen Audioslideshows und am Anfang einer neuen Zeit im Multimedia-Storytelling, in der es um die Frage geht, wie man Foto, Ton und Film am besten zusammenführt (auch wenn ich glaube, dass es weiter reine Audioslideshows geben wird, die ohne Videoanteil hervorragend funktionieren, z.B. Magnum in Motion, One in 8 Million, etc.)

Ich bin voll auf Mohrs Argumentationslinie, wenn er sagt, dass die Zusammenführung von Fotografie und Videosequenzen enorme “erzählerische Kraft” entfalten kann. Standards in diesem Bereich setzt  mediastorm (das derzeit -  aus Mangel an Alternativen – irgendwie immer als Beispiel für gelungenes Multimedia-Storytelling herhalten muss.) Was mediastorm perfektioniert hat, ist die richtige Mischung aus Fotos unterlegt mit O-Tönen, Atmo oder Musik und Videosequenzen (häufig abgefilmte Interviews).

Für mich ist nun die große Frage: Was wird der “Multimedia-Journalist” der Zukunft alles leisten müssen? Muss er filmen, fotografieren, Ton aufnehmen und dann auch noch das Video schneiden und produzieren? Ist das leistbar und vor allem, welche Qualitätsstandards sollen für Multimedia-Produktionen gelten? Die Erfahrung aus Multimedia-Workshops mit Einsteigern (z.B. aus dem letzten DW-Volontärs-Workshop) zeigt: Der Multimedia-Journalist braucht maßgeschneiderte, einfach bedienbare Werkzeuge, wenn er denn wirklich auch das multimediale Endprodukt liefern soll. Selbst die technik-versiertesten Journalisten kommen an ihre Grenzen, sobald sie neben der Bedienung der Kamera, auch noch Photoshop oder komplexe Programme wie Avid oder Final Cut anwenden sollen. Die Folge ist: die Anwendersoftware drängt oft das eigentliche Storytelling in den Hintergrund.

Darauf folgen für mich zwei mögliche Szenarien: Man professionalisiert den Multimedia-Journalismus endlich und schafft Workflows, die letztendlich denen des Fernsehens ähneln. (Mit Profis für Kamera, Schnitt und Endproduktion) Das ist teuer, schafft aber die qualitativ hochwertigsten Produkte

Oder man verwendet künftig einfache Anwendersoftware (wie z.B. iMovie 9), die zwar weniger Möglichkeiten der Bearbeitung bietet, aber von den Reportern selbst bedient und angewendet wird. Das ist wesentlich billiger, Qualitätseinbußen müssten jedoch hingenommen werden (Nicht jeder kann gleich gut drehen, schneiden, vertonen und Geschichten erzählen – das der größte Mythos des Multimedia-Journalismus)

Mohr schlägt vor, dass Multimedia-Einsteiger auf jeden Fall so intensiv wie möglich Video lernen. Ich glaube, dass das eigentlich Pflicht für jeden sein sollte, der heute den Journalistenberuf erlernt. Skeptisch sehe ich dagegen den Rat, “als Multimediareporter kein reines Audio mehr aufnehmen, sondern entweder fotografieren oder Video aufzeichnen. Atmo nur noch als Video mit nach Hause bringen, egal wie man es letztlich in der Produktion verwertet.” Mohrs Vision: Mit Profi-DSLRs könnten Fotografen auch hochwertiges Videomaterial produzieren.

Das ist eine sehr optimistische Annahme, dass so hochwertige Multimedia-Produktionen herauskommen. Zuvor hatte Mohr ja richtig dargestellt, dass Soundslides “fotografische Schwächen gnadenlos aufdeckt. Es kann eben kein Blei zu Gold machen, keine hastig an einer Location zusammenfotografierten Bilder mit etwas Atmo-Sound zu einem multimedial hochwertigeren Produkt remixen.” Warum sollten nun eigentlich für Video-Foto-Produktionen andere Regeln gelten? Fotografieren ist nicht gleich Filmen. Schlechtgedrehtes Videomaterial kombiniert mit hochwertiger Fotoarbeit ergibt auch nur mittelmäßige Multimedia-Produkte. Das Gold wertet das Blei nicht auf.

Problematisch sehe ich, “Atmo nur noch als Video mit nach Hause zu bringen”.  Schon heute ist der Ton das, was bei vielen Multimedia-Produktionen auf der Strecke bleibt. Auch viele Soundslides-Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum litten häufig unter der nur mittelmäßig produzierten Tonspur (auch die Spreche ließ oft zu wünschen übrig). Und bei von Videojournalisten produzierten Beiträgen ist “Atmo” häufig nur noch ein lärmendes Ruaschen. Dabei ist der Ton essentiell: Brian Storm sagte im vergangenen Jahr bei einem Seminar in der Deutschen Welle:

“Wenn sie ein schlechtes Audio haben und tolle Bilder, dann haben sie nichts. Wenn sie ein tolles Audio haben und schlechte Bilder, dann haben sie zumindest eine Dokumentation.”

Jeder erfolgreiche Filmemacher weiß um die Kraft einer gut produzierten Tonspur.

Auch sollte man berücksichtigen, dass es etwas anderes ist, wenn Protagonisten in eine Kamera sprechen müssen oder einfach nur in ein Mikrofon. Viele Menschen verändern sich vor einer Kamera. Die Kraft des Radios liegt auch darin, dass man schneller näher an die Menschen herankommt.

Ideal wäre für mich, dass Multimedia-Reporter in Zweier-Teams mit klarer Rollenaufteilung arbeiten. Einer übernimmt das Filmen, Fotografieren, Aufnehmen, der andere führt die Interviews, kümmert sich um die Protagonisten. Natürlich kann man sich in diesen Rollen abwechseln.

Eine Erkenntnis sollte aber endlich einmal in den Medienunternehmen reifen: High-Quality Multimedia geht nicht ohne Teamarbeit, braucht Spezialisten für die einzelnen Arbeitsfelder und vor allem Kontinuität. Multimedia sollte nicht nur sporadisch gemacht werden, das Arbeitsfeld von Multimedia-Jouralisten darf – wie Mohr es ausdrückt – nicht länger nur als Labor wahrgenommen werden. Eine weitere Herausforderung liegt darin, Multimedia-Formate zu entwickeln, die auch in der Tagesaktualität funktionieren. Innovative Video-Formate sind hier leider noch Mangelware.

Was ist Ihre Meinung? Wie sollten Multimedia-Reporter arbeiten? Welche Software eignet sich für Multimedia-Produktionen?

Linktipps

Fiete Stegers: Audio-Slideshow vs. Video: Nie mehr als Nische?

Dirk Kirchberg: Audio-Slideshow vs. Video – Worum es gehen sollte

SoundPhotographer: Das Rennen der Slideshow gegen sich selbst

Rufposten: Unterschiede zwischen Audio-Slideshow und Film

Mindy McAdams macht sich Gedanken über die richtige Video-Software

One in 8 Millon – Audioslideshows der New York Times, die meiner Meinung nach auch ohne Video auskommen

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Fabian Mohr Januar 11, 2010 um 13:54

Vielen Dank für dieses sehr ausführliche Feedback.. kurz ein paar Ergänzungen von mir, auch weil ich bei ein, zwei Punkten offenbar ein wenig missverständlich formuliert habe.

Was bei Soundslides interessant wäre – eine Gegenüberstellung, wie viele Leute, die damit geschult wurden oder bei Präsentationen dabei waren, später damit im journalistischen Umfeld tatsächlich arbeiten. Nach nunmehr fünf Jahren gibt es in Deutschland – ich schätze jetzt, bitte korrigieren, wenn ich falsch liege – keine 20 Journalisten, die Soundslides über ihre privaten Projekte hinaus in ihren Medien einsetzen. Wenn man auf die Startseiten der großen journalistischen Onlineangebote geht, muss man Glück haben, um einmal ein Soundslides-Projekt zu entdecken. Deswegen würde ich ein Fragezeichen dahinter setzen, ob es sich weiterhin lohnt, speziell für Soundslides zu schulen. Die Zahl der Onlinejournalisten, die dagegen in ihrer Arbeit konkret mit Video konfrontiert sind, liegt um ein Vielfaches darüber, gleichzeitig ist der Schulungsbedarf hier noch enorm. Vor diesem Hintergrund würde ich dafür plädieren, Soundslides zu überspringen und gleich “in medias res” zu gehen.

>>>Was wird der “Multimedia-Journalist” der Zukunft alles leisten müssen? Muss er filmen, fotografieren, Ton aufnehmen und dann auch noch das Video schneiden und produzieren?

Es wird sicher arbeitsteilige Workflows geben, zB. wenn Videoredaktionen dabei helfen, die mitgebrachte Footage zu schneiden und live zu stellen. Im Großen und Ganzen wird man als Multimediajournalist aber alle Tätigkeiten, die du aufgelistet hast, beherrschen *wollen*, nicht *müssen*. Andererseits erwartet niemand ernsthaft, dass Multimediajournalisten, deren Berufsbild sehr schnell transformiert, die viele Skills gleichzeitig beherrschen müssen, nun dieselbe handwerkliche Perfektion in allen Teilbereichen erreichen wie bspw. Kameramänner, die seit vielen Jahren nichts anderes machen. Das ganze Berufsbild ist ein einziger, fortlaufender Optimierungsprozess, der ohne Kompromisse nicht vorankommt.

Zum Thema Audio: Wenn ich empfehle, Atmo immer als Video statt nur als Audio nach Hause bringen, dann bedeutet das nicht, dass die Audioqualität sekundär wäre. Ich bin völlig bei dir, dass guter Sound essenziell ist. In Audio-Slideshows passiert es mir aber immer wieder, dass die atmosphärische Dichte, die der Sound transportiert, von den Bildern nicht getragen wird. Der Klassiker: Ich höre eine Türglocke und Menschen, die sich begegnen und miteinander reden, währenddessen sehe ich ein (ein!) Foto: Die Türglocke. So was funktioniert dramaturgisch m.E. nicht. Hier würde ich empfehlen, stattdessen eine kurze Videosequenz zu zeigen – gleicher Sound, aber visuell kurzweiliger. Dass Videojournalisten “häufig nur noch ein lärmendes Rauschen” als Atmo abliefern, kommt mir als Urteil auch etwas streng vor. Mein Eindruck ist, dass z.B. die Community rund um die Canon 7D und 5D Mark II das Thema Audioqualität definitiv auf dem Radar hat, siehe bspw. Magic Lantern:
http://magiclantern.wikia.com/wiki/Magic_Lantern_Firmware_Wiki

Steffen Leidel Januar 11, 2010 um 15:01

@Fabian Mohr Danke für die Präzisierungen!

zu Soundslides: Absolut einverstanden, dass man sofort in medias res geht. Das funktioniert beim journalistischen Nachwuchs. Meine Erfahrung ist, dass Soundslides eine erst Annäherung an den MM-Journalismus für eher internetskeptische Kollegen (v.a. vom Radio) sein kann. Einige haben doch nach wie vor starke Vorbehalte gegenüber Video – da hilft Soundslides oft erst einmal das Eis zu brechen..

zu Ton und Videojournalismus: Danke für den Linktipp zu magiclatern. Interessant!

erz Januar 11, 2010 um 17:33

Ich hatte es bereits im Beitrag von Fabian Mohr kommentiert: Die Lernkurve moderner Consumer-Produkte (iMovie) sind relativ niedrig und manche Werkzeuge, deren Beherrschung in der modernen Arbeitswelt ohnehin vorausgesetzt wird (z. B. Office-Programme) entpuppen sich als überraschend vielseitig. Insbesondere erzieht eine Präsentationssoftware seine Anwender doch schon zu einer narrativen Stringenz, die man auch kreativ nutzen kann.

Ich nutze zum Beispiel Keynote, um einfache Animationen zu erzeugen, statt diese in Blender oder ähnlichen Tools mühsam zu entwickeln. Natürlich sind diese Werkzeuge beschränkt, aber gerade in ihrer Beschränkung auch ein Segen für jene, die einfach nur Geschichten erzählen wollen.

Wenn ich mir so die audiovisuellen Produkte diverser Online-Portale ansehe, bin ich fest davon überzeugt, dass sich mit vertretbarem Aufwand schon in der iLife-Suite mindestens ebenbürtiges Multimediamaterial erzeugen lässt. Kreativer Umgang mit den Werkzeugen ist die Herausforderung, nicht die Suche nach dem perfekten Werkzeug.

Mirko Lorenz Januar 14, 2010 um 11:02

Hallo, danke für den sehr präzisen Beitrag.

Eine Ergänzung: Das interessante an den bei mediastorm präsentierten Arbeiten ist doch, dass neben dem beeindrucken hohen Qualitätslevel der Bilder im Ergebnis auch sehr starke Emotion transportiert wird, die sich im TV- oder Print-Journalismus so nur noch sehr selten findet. (“Marlboro Marine”, “Sandwich Generation”). Ich frage mich seit dem ersten Kontakt immer wieder: Warum ist das so? Was sorgt bei den mediastorm-Beiträgen unterschiedlicher Autoren für diesen starken Eindruck? Kurz: WIE machen die das? Bei dem Auftritt von Brian Storm im Rahmen des “Global Media Forum” der DW 2009 hatten die meisten Zuschauer nach Minuten einen Kloß im Hals. Das ist eine Qualität, der es nachzuspüren gilt.

Aus rein technischer Sicht: Die neueste Generation der professionellen Spiegelreflexkameras mit HD Video bieten ja die Option für beide visuellen Formen in einem Gerät: Video als Basis, Fotos für die “entscheidenen Momente” (Storm in seinem Workshop).

Marcus Januar 14, 2010 um 22:59

@erz Schönes Beispiel für die einfache Nutzung von Keynote! Halte diese Programme auch für unterschätzt. Habe auch mal ein paar kleine Video-/Foto-/Audio-Produkte hauptsächlich mit Keynote für die mobile Nutzung gebastelt. Das ist kein High-End, aber dafür in kurzer Zeit einfach umsetzbar.

Denke das da die Trennlinie verläuft: Auf der einen Seite einfach und schnell – auf der anderen Seite aufwendige High-End-Produkte. Die können ja bestens nebeneinander bestehen.

@Mirko Noch besser natürlich, wenn (Semi-)Professionelles Equipment alle Material-Optionen liefert und die Trennlinie munter passierbar wird

–> Muss nur noch einer die Geschichte erzählen ;-)

Oliver Bechmann Januar 23, 2010 um 14:13

Nicht, dass ich nicht heute von der großen Multimedia-Reportage a la MediaStorm träumen würde wie ich es früher als Volontär von der geschriebenen getan habe… aber letztlich ist der pragmatische Ansatz erst mal der, der mich momentan beschäftigen muss.

Die große Frage lautete: “Was wird der “Multimedia-Journalist” der Zukunft alles leisten müssen?” – In der Tat ist es schwierig, all die genannten verschiedenen Fähigkeiten zu entwickeln und zu erwerben. Ich häufe jedenfalls Berge an Foto- und Video-, Lightroom- und iMovie-/GarageBand…-Tutorials auf … die wachsen fast schneller als das Material, das ich damit bewältigen will. Andererseits bin ich in dieser Ecke des Journalismus gelandet, weil ich es eben faszinierend finde, alles selbst zu machen. Und ich bin für die teilweise ernsthaften, teilweise hämischen Kommentare von den Profis der einzelnen Disziplinen durchaus dankbar – wenn man den Ärger über manch herabwürdigende Bemerkung runterschluckt, so helfen sie einem unterm Strich doch weiter.

Mein Anspruch liegt eben auch darin, bestimmte Projekte meines Arbeitgebers in einer bestimmten maximalen Bearbeitungszeit hinzubekommen. D.h., neben Foto- und Video-Skills, Audiobearbeitung, Storytelling etc kommt noch der Parameter Maximaldauer (i.d.R. 3-4 Stunden) hinzu. Nun ja – die große epische Reportage, die ein für allemal den Zustand der Welt beschreibt und erklärt, schreibt man auch nicht in dieser Zeit.

Da es im Online-/Multimedia-Schaffen eigentlich immer um eine Mängelverwaltung ging, ist mir das zu blöd zu warten, bis Arbeitgeber und/oder Umstände endlich all die tollen Mittel & Möglichkeiten in die Hand geben, mit denen man dann so richtig loslegen könnte. Nee, dann lieber hier und jetzt und unvollkommen. Ich glaube, ich bin mit dem Satz eines Wired-Redakteurs “Everything is beta” in die Internetterei eingestiegen – und das Motto gilt noch heute.

Kameraleute und Fotografen sind doch dabei, den Trend zu verschlafen. Meine reinen Print-Foto-Kollegen besitzen zwar die eine oder andere 5D MkII, aber wissen nichts mit deren Videofunktion anzufangen oder haben keine Zeit dafür. Tauche ich auf einem Termin mit der Hybrid-DSLR samt Richtmikro oben drauf auf, findet sich immer ein Kamera- oder Foto-Kollege, der mich neugierig ausfragt. Will sagen: Anscheinend bin ich, der Multimedia-Dödel, auf einmal der, der eine Expertise entwickelt, die die Spezis der einzelnen Disziplinen (noch) nicht haben.

@Mirko Lorenz: “Die neueste Generation der professionellen Spiegelreflexkameras mit HD Video bieten ja die Option für beide visuellen Formen in einem Gerät: Video als Basis, Fotos für die “entscheidenen Momente” “: Da die Canon 5D MKII beim Filmen unterbricht, wenn man währenddessen ein Foto schießen will – und sie ja meist fest auf Stativ oder Schulterstativ ruht, so dass ein Umschwenken gar nicht so einfach zu bewerkstelligen ist, wenn man beim Filmen nicht den entscheidenden Moment verpassen will, habe ich für alle Fälle noch eine kleine DSLR über der Schulter hängen.

Steffen Leidel Januar 23, 2010 um 17:02

@Oliver Bechmann Interessanter Kommentar, Danke dafür. Ich denke Du hast vollkommen recht: es geht darum, einfach mal loszulegen, zu experimentieren. Man lernt Multimedia eigentlich nur, wenn man macht.

erz Januar 24, 2010 um 14:53

Was mir ein wenig fehlt in dieser Debatte, ist der Einfluss von kreativem Input, der sich abseits des Journalismus entwickelt. Geschichtenerzählen ist (hoffentlich) eine Kernkompetenz des Journalisten, die im Print wie auch im Fernsehen oder Radio gut entwickelt werden kann. Aber alle drei Medien sind einem nicht-interaktiven Paradigma unterworfen. Wenn ich die Kernaufgabe des Geschichtenerzählens als Informationsvermittlung uminterpretiere, brauche ich weitere Einflüsse, die das digitale Medium ausreizen können.

Spieleentwickler und-programmierer beispielsweise sollten meiner Meinung nach fester Bestandteil einer gut aufgestellten Onlineredaktion der Zukunft sein. Deren spezialisiertes Know-How zur Informationsvermittlung (und ressourcenschonender Umsetzung) ist sicherlich immens hoch, aber außerhalb ihrer Unterhaltungsindustrie kaum nutzbar gemacht. Und Geschichten erzählen können sie auch.

Das Potential ungenutzter Ressourcen zur Informationsvermittlung ist groß, aber die Synergieeffekte bei Onlinepublikationen kaum sichtbar, gemessen an den Möglichkeiten des digitalen Mediums. Da können Multimedia-Reporter sich also noch ganz neue Arbeitsfelder erschließen. Oder Erklärungsansätze finden, “wie die das machen” Emotionen zu erzeugen.

Daniel Nauck März 29, 2010 um 23:43

Hi Leute, mein Name ist Daniel Nauck, ich bin Fotojournalist und beschäftige mich ebenfalls seit längerem mit Multimedia-Repotagen. Hier meine Gedanken:

“Mohr schlägt vor, dass Multimedia-Einsteiger auf jeden Fall so intensiv wie möglich Video lernen. Ich glaube, dass das eigentlich Pflicht für jeden sein sollte, der heute den Journalistenberuf erlernt.”

“Für mich ist nun die große Frage: Was wird der “Multimedia-Journalist” der Zukunft alles leisten müssen? Muss er filmen, fotografieren, Ton aufnehmen und dann auch noch das Video schneiden und produzieren?!

Ich denke, alle Leute, die mit dem Gedanken spielen Bildreportagen (egal ob Print-, Online, Video oder Foto oder gemischt) sollten sich zunächst ausgiebig mit der Produktion von guten journalistischen Bildern beschäftigen. Die Erfahrung zeigt, daß der Sprung von Foto zu Video dann nicht besonders schwer ist. Die Technik ist heute kein Problem mehr egal ob Hardware oder Software. Gute Bilder machen heißt auch, ein gutes Editing/ Bildauswahl vom erstellten Material leisten zu können. Das kann meist nur der Bildredakteur und der arbeitet oft nicht für online;.) Das gleiche gilt für Interview/ Ton-Edits. Man muss in der Lage sein, gute Interviews zu machen (inhaltlich wie technisch), last not least gute Geschichten. Ich frage mich, wo man das in Deutschland wirklich lernt? Beim Fernsehen wohl eher als bei den armen Tageszeitungen, wo es kaum Reportagen in Wort und Bild gibt.

“Ist das leistbar und vor allem, welche Qualitätsstandards sollen für Multimedia-Produktionen gelten?”

Man könnte mit einem eingespielten Zwei-Mann Team aus Redakteur/Interview/Ton und einem Video-/Fotografen
schnell schöne kleine Geschichten machen, wenn man obiges beherrscht. Das gibt es in den USA vielfach zu bestaunen. Ein guter Workflow in der Redaktion ist natürlich auch wichtig.

Zu den Qualitätsstandards kann ich nur sagen, daß die Geschichten überdurchschnittlich gut sein müssen, da Amateure wie TV-Sender/ Nachrichtenagenturen etc.pp das Netz und mögliche Abnehmer mit Inhalten überschwemmen. Da muss man sich erstmal behaupten.

@erz
Ich weiß nicht, ob Spieleprogrammierer wirklich Geschichten erzählen können. Aber interessanter Gedanke;.)

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