NGOs: Die neuen Journalisten

by Steffen Leidel on 3. Januar 2010

Und dann war da noch das interessante Thema mit dem Fisch-Ratgeber von Greenpeace. Welchen Fisch dürfen wir eigentlich noch essen, fragte die Umweltschutzorganisation Ende November und teilte per Pressemitteilung mit, dass man Karpfen, Pangasius und Forelle “guten Gewissens noch essen” kann,  “dagegen Rotbarsch, Scholle und Seeteufel strikt meiden” müsse. Tolle Verbrauchertipps, das kommt an, dachte man sich wohl in den deutschen Online-Redaktionen. Die meisten betätigten sich jedenfalls gerne als “Meldungsübernehmer”. Zahlreiche Passagen der Pressemitteilung fanden sich am 24. November eins zu eins oder nur leicht abgewandelt auf den deutschen Newsportalen (viele hatten einfach die dpa-Meldung übernommen, die letztendlich die in indirekte Rede umgewandelte und sprachlich modifizierte Greenpeace-PM war. Die Meldungen von ddp oder afp waren übrigens ähnlich). Eine kurze Google-Suche offenbart: der plakative O-Ton der Greenpeace-Fischexpertin “Die Lage der Fischbestände ist weltweit nach wie vor dramatisch” war ein echter Renner, zitiert von Tagesspiegel.de, Focus.de bis zu Handelsblatt.com, Fr-Online, Welt.de und bild.de, um nur einige zu nennen.

google suche

Praktischerweise hatte Greenpeace ja ganze journalistische Arbeit für die Journalisten geleistet und in der Pressemitteilung neben dem “Experten-O-Ton” auch gleich noch eine zweite Quelle untergebracht. Man weiß offenbar: Zum Recherchieren bleibt in den Redaktionen heutzutage ja nicht mehr viel Zeit. Greenpeace zitiert also aus dem Grünbuch für die Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP), um seine Botschaft zu untermauern. Demnach sind 88 Prozent der europäischen Speisefischbestände überfischt sind. Diese Zahl fand sich in den meisten Meldungen der Newsportale wieder.

Kein Medium (ich habe zumindest keines finden können) machte sich an dem Tag die Mühe, die Fisch-Tipps von Greenpeace näher unter die Lupe zu nehmen. Zweifellos hat Greenpeace bereits hervorragende Recherchen geleistet, z.B. zu Pestiziden in Nahrungsmitteln, zu Giftmüll, etc. Dennoch: Ist es nicht die Aufgabe von Journalisten, Informationen gegenzuchecken (und zwar immer)? Was sagen Kritiker von Greenpeace und andere “Fischexperten” zu deren Tipps? Das kritische Hinterfragen ist doch eigentlich das, was professionellen Journalismus ausmacht und ihm seine Daseinsberechtigung in der sich verändernden Medienwelt verleiht, oder?

Erst am 14. Dezember veröffentlichte der Spiegel eine kleine Meldung, in der die Greenpeace-Tipps vom Institut für Seefischerei in Hamburg in Frage gestellt werden. “Der Ratgeber gibt zum Teil falsche Tipps und verbreitet Panik”, wird darin der Institutsleiter zitiert. Greenpeace warf daraufhin dem Spiegel und den Kritikern vor, “die Fakten zu unserem Fischratgeber verkürzt und nicht korrekt” darzustellen. Dennoch musste die Organisation indirekt einräumen, dass offenbar auch sie selbst die eigene Botschaft wohl etwas verkürzt dargestellt hatte. So hieß es beispielsweise in der Pressemitteilung: “Karpfen, Pangasius und Forelle – diese drei Fischarten können Sie guten Gewissens noch essen.” In der Stellungnahme hörte sich das dann doch etwas differenzierter an: “Greenpeace empfiehlt Pangasius nicht uneingeschränkt. Der Ratgeber weist deutlich darauf hin, dass Pangasius aus Öko-Aquakulturen zu bevorzugen ist.”

Fazit: Fischexperten sind sich also offenbar nicht in allen Punkten einig darüber, was für Fische am besten ist. Das ist eine aus Verbrauchersicht sicher interessante und relevante Information, die ich gerne in der Zeitung gelesen hätte. Es ist ja schließlich die Aufgabe von Medien, Widersprüche, Kontroversen und verschiedene Standpunkte zu einem Thema zusammenzutragen, damit der Bürger sich mit diesen Informationen selbst seine Meinung bilden kann.

Symbiose zwischen Medien und NGOs

Die Geschichte mit dem Fischratgeber ist nur eines von vielen Beispielen, das vor allem zwei aktuelle Trends zeigt. Zum einen werden immer häufiger Pressemitteilungen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ungeprüft von Medien übernommen (siehe dazu auch die interessante Studie von Netzwerk Recherche: “Getrennte Welten – Journalismus und PR in Deutschland”, 2006, pdf) . Zum anderen produzieren NGOs immer häufiger selbst journalistische Produkte und nutzen zu ihrer Präsentation die Möglichkeiten von Internet und Social Media.

Die Beziehungen zwischen Medien und Hilfsorganisationen verändern sich in Zeiten von Internet und Social-Media. Zu diesem Schluss kommt auch das Nieman Lab der Harvard University, das dem Thema eine Reihe hochinteressanter Essays gewidmet hat.

Civil society actors such as NGOs and advocacy networks are becoming increasingly significant players as the traditional news media model is threatened by shrinking audiences, the availability of free content online, and the declining fortunes of mainstream media.

Kongo-Special von HRW

Multimedia-Special von Human Rights Watch über den Konflikt im Kongo

Medien und NGOs haben schon immer wie in einer Symbiose voneinander profitiert. Vor allem bei der Berichterstattung im humanitären Bereich, bei Katastrophen und in Kriegen. Hilfsorganisation unterstützen Journalisten bei der Logistik, verschaffen Gesprächspartner, liefern Storyideen. Die Journalisten ihrerseits verschaffen mediale Aufmerksamkeit, auf die die NGOs beim Eintreiben von Spenden angewiesen sind.

Der Strukturwandel der Medien, vor allem bedingt durch schwere finanzielle Einbußen, hat zur Folge, dass immer weniger systematische Recherche betrieben wird und vor allem in der Auslandsberichterstattung immer mehr Ressourcen eingespart werden. In die entstehenden Lücken treten zunehmend NGOs. Sie und nicht Journalisten leisten langwierige Recherchen (z.B. Human Rights Watch), sie haben Experten, die die Lage vor Ort einschätzen und bewerten können (z.B. International Crisis Group). Im Gegensatz dazu gibt es immer weniger Journalisten, die sich auf bestimmte Themengebiete konzentrieren oder die dauerhaft aus einer überschaubaren Region berichten können (zum Beispiel hat die Süddeutsche Zeitung einen Korrespondenten in Buenos Aires, der ganz Lateinamerika abdeckt). Telefon- und Parachute-Journalismus ist die Folge: Journalisten arbeiten vom Schreibtisch aus oder werden bei aktuellen Krisen und Katastrophen ein- und dann schnell wieder ausgeflogen.

Journalisten in Doppelrolle

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Verflechtung zwischen NGOs und Medien zunimmt. Medien gehen immer häufiger – und nicht immer sichtbar für die Rezipienten – Allianzen und Bündnisse mit NGOs ein (Einige Beispiele finden sich in Kimberly Abbotts Essay im Nieman Lab). Gerade freie Journalisten lassen sich immer öfter Recherchereisen statt von Medien, von NGOs finanzieren. Der Fotograf Marcus Bleasdeale, bekannt für seine beeindruckenden Fotoreportagen aus Darfur und dem Kongo, kann seine Reisen oft nur mit Hilfe von NGOs bezahlen.

“[o]ver the last ten years I would say 80-85 per cent [of my work] has been financed by humanitarian agencies. To give one example, in 2003 I made calls to 20 magazines and newspapers saying I wanted to go to Darfur. Yet I made one call to Human Rights Watch, sorted a day rate, expenses and five days later I was in the field.”

Kimberly Abbott von der Internatinal Crisis Group glaubt, dass sich die verstärkten Bündnisse zwischen Medien und NGOs durchaus positiv auf die internationale Berichterstattung auswirken können:

“They have the potential to lead to stronger foreign news reporting and better serve audiences interested in an increasingly interconnected world.”

Dennoch ist diese Entwicklung heikel, denn noch fehlt es ihr an Transparenz.  Nicht immer ist dem Leser, Zuschauer und Hörer klar, dass Journalisten auch im Auftrag einer NGO Geschichten recherchiert haben. Das kann aber zu Interessenkonflikten führen, wenn nämlich der Journalist bei seiner Arbeit auf Mängel in der Arbeit der NGO stößt. Berichtet er das oder sieht er dann einfach weg? Schließlich war die NGO doch so nett zu ihm. Und nicht immer decken sich die Interessen von NGOs und Medien. Letztendlich konkurrieren immer mehr NGOs um die Gunst von Spendern. Eine kritische Berichterstattung, in der auch die NGO aufs Korn genommen wird, liegt sicher nicht im Interesse der Organisation.

NGOs brauchen nach wie vor die Medien, aber das Internet ermöglicht ihnen, selbst journalistische Produkte anzubieten und sich direkt an ihre Zielgruppen zu wenden, ohne Journalisten als Gatekeeper und Multiplikatoren. Die Webseiten von großen NGOs wie Greenpeace, Human Rights Watch, Ärzte ohne Grenzen, etc. ähneln immer mehr klassischen Newsportalen. Slideshows, Bildergalerien, Blogs, Multimedia-Reportagen – all das produzieren NGOs immer häufiger selbst und das in bestechender Qualität. Ärzte ohne Grenzen beispielsweise engagierte die Multimedia-Schmiede mediastorm, um ein ergreifendes Video über die Situation im Ost-Kongos zu produzieren.

Ärzte ohne Grenzen auf Facebook

Im Umgang mit Social-Media-Kanälen wie Facebook und Twitter zeigen sich NGOs häufiger wesentlich aktiver und kreativer als klassische Medien. Greenpeace (338.000 Fans) Amnesty International (fast 100.000 Fans), WWF (243.000) oder Ärzte ohne Grenzen (68.000 Fans) schaffen es mit ihren Seiten auf Facebook, vor allem junge Leute mit Themen anzusprechen, die in vielen Redaktionen als “Quotenkiller” gelten. Diese Form von advocacy-Journalismus scheint bei jungen Leuten gut anzukommen. Sie suchen offenbar nicht nur Information, sondern sie wollen sich auch mit einer “guten Sache” identifizieren.

Die neuen Möglichkeiten setzen die NGOs aber auch unter Druck: Zum einen kostet das Aufbereiten von Information für das Internet und die Bestückung der verschiedenen Social-Media-Kanäle von Flickr, Twitter, Facebook und Youtube Zeit und Geld. Und man braucht qualifiziertes Personal (Vielleicht sind ja NGOs die Arbeitgeber der Zukunft für Journalisten).

Zum anderen müssen sich NGOs entscheiden, was sie eigentlich bieten wollen, schreibt Glenda Cooper in ihrem Nieman-Lab-Essay “When lines between NGO and news organization blur”:

When they act as journalists this often becomes blurred. The danger, as (Dan) Gillmor points out, is a growth in “almost journalism,” a confusion both for aid agencies as to what they are trying to do, and for the viewer/reader about what they are being presented with. For those agencies who are turning from traditional media to using their own websites, the key point is that to be successful, such footage and websites need to be of as good quality as those produced by traditional media for sophisticated consumers. The associated cost privileges the efforts of larger and well-funded NGOs.

Eine Öffnung hin zu mehr Journalismus und mehr Dialog bedeutet in jedem Fall aber auch mehr Risiko, so Cooper:

While NGOs are educating themselves in new media, however, they are facing a challenge: citizen journalists are increasingly becoming watchdogs for NGOs.

Die Zukunft der Beziehung zwischen Medien und NGOs wird spannend. Viele Modelle sind denkbar: Was spricht eigentlich dagegen, dass NGOs mit ähnlichen Themenschwerpunkten eine unabhängige Organisation schaffen und finanzieren, die qualitativ hochwertigen, unabhängigen Journalismus produziert, so eine Art NGO-funded Pro Publica. Eine interessantes Projekt ist in diesem Zusammenhang das AlertNet der Thomson Reuters Foundation, das Informationen zu humanitären Krisen bündelt. Auf den Netzwerkeffekt setzen, das wird auch das Erfolgrezept für NGOs in der Zukunft sein.

Linktipps:

Nieman Journalism Lab: NGOs and the News – Exploring a Changing Communication Landscape

Dan Gillmor: Helping the Almost-Journalists Do Journalism

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Alexander Missal Januar 3, 2010 um 22:56

Ein tolles Stück, vielen Dank. Zum einen finanzieren NGOs (und staatliche Stellen) heute schon einen wichtigen Teil der Auslandsberichterstattung von Medien (über die erwähnten Reisen usw.), d.h. die Medien sind bereits von ihnen abhängig. Zum anderen finde ich den Hinweis wichtig, dass die NGOs aufgrund ihrer höheren Glaubwürdigkeit (im Vergleich zu traditionellen Medien) via Facebook usw. Netzwerken von interessierten Lesern gezielt ihre eigenen Geschichten vermitteln können, während die Seite-Drei-Reportage über Darfur in einer Regionalzeitung möglicherweise gar keine größere Zielgruppe findet. Es steht also eigentlich 2:0 für die NGOs. Die traditionellen Medien sind entweder mangels Ressourcen nicht in der Lage, einen Mehrwert für die Leser zu erzielen (wer gibt schon gern zu, dass die Reportage hektisch während einer Stunde recherchiert wurde, bevor die Kanzlermaschine mit den Journalisten wieder zurück nach Deutschland flog, oder dass ein Korrespondent Länder abdeckt, die Tausende Kilometer von seinem Büro entfernt sind?) Oder sie können mangels Transparenz ihren Mehrwert nicht vermitteln (sie müssten dann erklären, dass die Korrespondentin zwar gar nicht in dem Land sitzt und auf Kosten einer NGO unterwegs war, aber in den 1990er Jahren dort mehrere Jahre gelebt und daher exzellente Kenntnisse und Kontakte hat usw.) Das heißt im Grunde auch, dass der Byline-Auslandsjournalismus subjektiver und persönlicher (und multimedialer) werden müsste. Reportagen im “New Yorker” wie die von John Lee Anderson über Somalia (umsonst leider nur die Kurzfassung: http://bit.ly/8I1QZt) erfüllen seit jeher genau dieses Kriterium – von der Multimedialität einmal abgesehen. Die würde ich auch immer zuerst lesen (und bezahlen) und danach erst den Bericht einer NGO.

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