Onlinejournalismus – eine Wortklauberei

by Steffen Leidel on 8. Februar 2012

Der Begriff des Onlinejournalismus bereitet mir seit geraumer Zeit Unbehagen. Es ist ein Terminus, der als Fachbegriff getarnt daher kommt, meist aber mächtig ideologisch aufgeladen wird. David Bauer von der Schweizer Tages-Woche will deshalb gar nicht mehr von Onlinejournalismus sprechen:

“Das vorangestellte «Online» modifiziert das Wort «Journalismus». Die implizite Bedeutung des zusammengesetzten Worts ist demzufolge: Der Journalismus wird modifiziert, wenn er online geht. Darin enthalten ist eine Wertung: «Onlinejournalismus» ist mehrheitlich negativ konnotiert und wird nicht selten dazu verwendet, um eine Abgrenzung zu einem Idealbild von Journalismus vorzunehmen.”

In der Tat sind es nach wie vor nicht wenige in der deutschsprachigen Journalistenzunft, die auch im Jahr 2012 unter Onlinejournalismus das Einstellen von Texten und Bildern in ein CMS verstehen. Und man kann ihnen dieses Verständnis auch nicht wirklich Übel nehmen, denn in vielen Medienhäusern ist diese Art von “Onlinejournalismus” ja nach wie vor gelebte Realität (Deshalb verwundert es nicht, dass die Jury des CNN-Awards für junge Journalisten in diesem Jahr auf eine Nominierung in der Kategorie Online verzichtet, da schlicht zu wenige preiswürdige Beiträge eingereicht wurden.)

Onlinejournalismus versus Journalismus?

So verstanden bringt uns der Begriff aber nicht weiter, denn er macht die Debatte um die Zukunft des Journalismus zur Glaubensfrage, die leider nur selten ohne gegenseitige persönliche Angriffe der Diskutanten auskommt, sachliche Argumente treten in den Hintergrund. Wer möchte, kann sich in diesem Zusammenhang ja noch mal die Debatte um das “neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus” der “Grandseigneurs der Journalistenausbildung” (Meedia) Wolf Schneider und Paul Josef Raue zu Gemüte führen.

Ich will hier nicht noch eine Besprechung des Buches absondern. Ich bin schon vor einigen Wochen zufällig am Zeitungskiosk am Flughafen über dieses aktualisierte “Standard-Werk” gestolpert. Was mir ins Auge stach, war der Titel. Auf dem Buchdeckel prangt in großen Lettern das Wort “Journalismus”, klein gedruckt folgt “und des Onlinejournalismus”.

Wahrscheinlich wollten die Autoren/der Verlag aus marketingtechnischen Gründen einfach daraufhin weisen, dass das “Standard-Werk” jetzt aktualisiert daherkommt. Dennoch finde ich diesen Buchtitel unglücklich gewählt. Auch wenn es nicht gewollt ist, suggeriert der Titel, es gebe einen Unterschied zwischen Journalismus und Onlinejournalismus. Das wird dem Mythos gerecht, der in viele Journalistenhirne einbetoniert zu sein scheint. Nämlich: Onlinejournalismus ist ein Anhängsel des echten, wahren Journalismus der Edelfedern und Grandseigneurs. Viele verstehen Onlinejournalismus als den Wurmfortsatz des Journalismus. Und der ist klein, unwichtig und meistens entzündet.


Ganzheitliches Verständnis von Journalismus

Immerhin: Dass sich etwas – und zwar strukturell – verändern muss, ist inzwischen Konsens in der Medienbranche. Problematisch finde ich jedoch, wenn wir weiterhin einer Denke verhaftet sind, die wie eh und je zwischen den Kategorien  Print, TV, Radio und eben Online unterscheiden.

Solch ein Verständnis hat schwerwiegende Folgen auf strategische Entscheidungen. Es beeinflusst die Gestaltung von Ausbildungsplänen, es bestimmt  Workflows in Redaktionen. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass es Innovation verhindert, überkommene Strukturen verfestigt und die kommende Journalistengeneration frustriert.

Online als frei stehende Extrakategorie zu Print, TV und Radio zu definieren macht nicht mehr viel Sinn. Die junge Generation macht keinen Unterschied mehr zwischen Online und Offline, denn sie ist immer online. Online- und Offline-Welt verschmelzen, das Internet beeinflusst heute nahezu jeden Aspekt unseres Lebens.

One Brand, All Media

Was muss man daraus für den Journalismus folgern? Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz: Onlinejournalismus ist also kein Anhängsel und keine Extrakategorie mehr, sondern ein natürlicher, integraler Teil von Journalismus. Er ist damit auch nicht ein Journalismus, der neben Radio, TV und Printjournalismus steht, sondern jeder Radio-, TV und Printjournalismus ist auch Onlinejournalismus.

Dass sich das ZDF auf Twitter jetzt @zdf nennt und nicht mehr @zdfonline ist nur folgerichtig. Auch die Süddeutsche Zeitung will nicht mehr unterscheiden zwischen Süddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de (Ich frage mich, wie lange der Spiegel im Netz immer noch Spiegel Online sein will und nicht einfach Der Spiegel. Dass diese Unterscheidung nicht mehr viel Sinn macht, merkt man an der iPad-App, wo die Kompetenzen der Printredaktion und der Onlineredaktion immer mehr verschmelzen). Es waren eigentlich selten die Nutzer, sondern vielmehr wir Journalisten selber, die so eine gekünstelte Trennlinie zwischen der traditionellen Marke und der ausgelagerten Online-Version gemacht haben. So als ob wir uns vorauseilend entschuldigen müssten für die schlechtere Qualität des im Netz angebotenen Inhaltes.

“One brand, all media”, heißt auch für die Deutsche Welle die Devise, die sich vor ein paar Tagen von einer verwirrenden Anzahl von Absendern (DW-TV, DW-RADIO, DW-WORLD) verabschiedet hat. Es gibt nun nur noch eine DW, eine Marke für alle Medienangebote.

Alte und neue Logik

Hier geht es um mehr als um Marketing und semantische Kosmetik. Jeder Journalist – egal ob er vorrangig für eine TV-Sendung, ein Radioprogramm oder eine Tageszeitung arbeitet – muss heute die digitalen Verbreitungskanäle berücksichtigen. Dass diese eigentlich simple Erkenntnis noch nicht in allen Journalistenköpfen angekommen ist, habe ich kürzlich bei einem Seminar erlebt, das ich für Printjournalisten abhielt.

Über zwei Stunden machten wir ein Brainstorming zu neuen Formaten für die Website. Es ging darum, wie man mehr Interaktivität mit den Lesern hinbekommen könnte. Am Ende war eine große Tafel vollgeschrieben mit tollen Ideen. Dann kommentierte ein Redakteur: “Das ist natürlich ein bisschen viel für unseren Onliner.” Er kam offensichtlich gar nicht auf die Idee, dass auch er, der Zeitungsjournalist, mal etwas für die “digitale Welt” produzieren könnte. In seiner Denke muss alles, was mit dem Internet zu tun hat, irgendwie von der Onlineredaktion erledigt werden.

Zu diesem Schluss kommt man zwangsläufig, wenn man der alten Logik der Kategorisierung in Print,TV, Radio und Online folgt. An diesem Beispiel sieht man m.E. sehr gut, wie so auch viel Innovation ausgebremst wird. Denn an Ideen mangelt es nirgends. Nur wenn es an die Umsetzung geht, stößt man oft an die Kapazitätsfrage:  “Wir können doch jetzt nicht die Onlineredaktion verdoppeln”, heißt es dann immer wieder. Nein, muss man ja auch nicht. Es würde genügen, wenn die Print-, TV- und Radio-Journalisten begreifen, dass sie selbst mit Hand anlegen müssen. Onlinejournalismus ist heute – wenn wir bei den Kategorien bleiben wollen – eine Überkategorie. Für jedes Print, TV oder Radioprodukt muss die Umsetzung im Netz von vorneherein mitgedacht werden, nicht erst, wenn alles schon produziert ist.

“Everything old is new again”

Journalismus im Netz beschränkt sich eben nicht auf das Umarbeiten von für die klassischen Vertriebskanäle produzierten Inhalten. Wenn wir Journalisten allesamt mal anfangen würden, Onlinejournalismus nicht nur mit der Eingabe von Content in ein CMS gleichzusetzen, sähen viele das Internet nicht mehr als bedrohliche Ödnis , sondern als das, was es ist: eine Erweiterung des kreativen Gestaltungsraums von Journalisten.

Es geht darum, Journalismus weiterzumachen wie bisher, nur ohne Scheuklappen. “Everything old is new again”, heißt es in der digitalen Strategie des Economist, der von vielen – zu Recht – als leuchtendes Beispiel im Medienwandel gesehen wird. Und weiter: “It is actually a tsunami that demands urgent re-examination of everything that constitutes a media business.”

Das Denken bestimmt unser Handeln. Der digitale Wandel wäre wesentlich einfacher zu gestalten, wenn wir endlich die absurde Unterscheidung zwischen Journalismus und Onlinejournalismus ad acta legten. Immerhin: Wolf Schneider hat das offenbar schon getan. Als er im Interview mit meedia gefragt wird, ob der Print- dem Onlinejournalismus überlegen sei, antwortete er: „(..) tendenziell lässt sich der Online-Journalismus nicht vom Print-Journalismus unterscheiden. Mathias Müller von Blumencron mit seinem Spiegel Online, das ich regelmäßig lese, ein Schüler von mir, hat ihn unter anderem auf eine Höhe gehoben, mit der man durchaus leben kann.“

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Zeit für Experimente

by Steffen Leidel on 2. Februar 2012

Im Bild: die Empfangsanlage Bockhacken der DW, etwa 1980 (Bildmontage sl)

Was bedeutet das Internet für uns Journalisten? Wie verändert es unseren Alltag, wo durchbricht es althergebrachte Routinen, wo erweitert es unseren Gestaltungsspielraum? Was ist in dem ganzen Medienwandel Hype, was von dem Neuen wird bleiben?  Diese Fragen stehen hinter all den Einträgen, die Kollege Bösch und ich hier im lab-Blog in den vergangenen drei Jahren geschrieben haben. Wie alle Medienunternehmen ist auch die Deutsche Welle auf dem Weg zum Multimedia-Unternehmen. Das geht nicht von heute auf morgen und schon gar nicht ohne, dass Fragen und Zweifel aufkommen.  Die Abteilung Interne Kommunikation der DW hat uns gebeten, auf fünf Statements zu antworten, die in dem Reformprozess immer wieder zu hören sind und wahrscheinlich nicht allein DW-spezifisch sind.

Wir dokumentieren hier unsere Antworten. Sie geben unsere rein persönlichen Meinungen wieder. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Erfahrungen!

1. “Wir starten da ein Multimediaprojekt, wir haben ja kein Radio mehr. Mit Audios, Bildergalerien und Reportagen. Und – ach ja – neben dem Multimediaprojekt soll es auch noch Videos geben, Apps wohl auch … ”

Multimedia ist ein schwammiger Begriff, der heute für alles und nichts gebraucht wird. Strenggenommen ist ein Artikel mit Audioclip oder Foto auch schon ein Multimediabeitrag. Im Internet können alle Mediengattungen zum Einsatz kommen. Allerdings sollte Multimedia niemals Selbstzweck sein. Die Versuchung ist groß, das Internet als Medium mit den unbegrenzten Möglichkeiten auszureizen. Das ist leider nicht immer zum Nutzen des Users. Als Autor überlegt man am besten immer, welches Medium das geeignete ist, um eine Geschichte rüberzubringen: Die Story bestimmt das Format.

Bei großen Projekten ist eine gute Planung und Absprache der Beteiligten zwingend. Eine App kann Teil eines größer angelegten Multimediaprojekts sein, sie muss jedoch eigens für verschiedene Plattformen (Android, iPhone) programmiert werden. Hier sollte man Aufwand und Nutzen nicht aus dem Blick verlieren.

Tipp  Journalismus heute – die richtige Denke


2. “Wir sollen ja jetzt auch Videos machen. Ich denke, ich zieh’ mir da mal ’ne VJ-Schulung rein, auch Final Cut oder so was. Aber das mit dem Internet machen ja wohl weiter die Online-Kollegen …

Leider wird Onlinejournalismus häufig immer noch mit der Eingabe von Texten in ein CMS verwechselt. Darum geht es nicht. Das Internet gehört zur Lebenswirklichkeit der meisten Menschen. Das können gerade Journalisten nicht ignorieren. Sie müssen dort präsent sein, wo ihr Publikum ist. Und das ist in der Regel auch online.

Ein Journalist muss heute die Distribution seiner Produkte mitdenken und diese für die jeweiligen Kanäle konfektionieren. Das bedeutet natürlich nicht, dass nun jeder auch als Videojournalist oder Grafiker arbeiten muss. Nötig ist jedoch ein Grundverständnis, was man unter multimedialem Storytelling versteht und wie man Social Media journalistisch nutzen kann.

Der Umgang mit Social Media sollte gerade für Nachrichtenleute selbstverständlich sein. „Ich befürchte, dass wir unsere Arbeit nicht machen, wenn wir diese Dinge nicht beherrschen“, sagte der Chef von BBC World Service, Peter Horrocks, schon vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Guardian.

Tipp  Multimedia-Workshop – Lessons learned

 

3. “Es kann doch jetzt nicht jeder nach einem Casting und einer Woche Seminar schon ein Magazin moderieren. Video-on-Demand fürs Web und Fernsehen, wie wir es via Satellit ausstrahlen – das ist noch lange nicht dasselbe.

Natürlich besteht ein Unterschied zwischen der Arbeit eines hauptberuflichen TV-Moderators und der Qualität eines schnell produzierten Web-Videos. Allerdings haben wir es im Web auch nicht mehr mit einem klassischen Sender-Empfänger-Modell zu tun. Im Social Web kann jeder ortsungebunden Sender und Empfänger zugleich sein. Diese Situation ist neu, deswegen brauchen wir Experimente, um zukunftsweisende und passende Formate zu entwickeln.

Die Geschichte der Medien ist eine Geschichte der konstanten Veränderung. Und dazu gehören Experimentieren und auch das Scheitern, denn nur durch Scheitern lernt man.

Tipp  Transmedia Storytelling – Die Kunst des digitalen Erzählens

 

4. “Wenn die DW auf Newsgames setzen sollte, hat sie ihren Kredit als verlässliche Quelle seriöser Nachrichten verspielt.

Seriosität und Spiele schließen sich nicht aus. Die University of Washington hat mit einer spielerischen Anwendung namens Foldit und freiwilligen Nutzern weltweit jahrelang ungelöste Probleme der HIV- und Krebsforschung binnen Tagen im Netz gelöst. Außerdem können Spiele eine eigene interaktive Erfahrung generieren. Das können traditionelle Medien so nicht. Warum sollte man dies nicht gewinnbringend im journalistischen Kontext ausprobieren? Beispiele gibt es weltweit – ob aus den USA, Brasilien oder Frankreich. Hier könnte sich auch die DW als multimediales Haus innovativ positionieren.

Tipp  Newsgames – Journalismus zum Spielen

NUI und die Gamification

 

5. Journalisten sollen plötzlich alles machen: texten, moderieren, Kamera führen, schneiden … Ich erzähle lieber weiter Geschichten.

Der Journalist als eierlegende Wollmilchsau ist ein Mythos. Jeder sollte auch künftig das tun, was er am besten kann. Es geht auch in Zukunft darum, Geschichten zu erzählen. Die neuen Werkzeuge sollen nicht um ihrer selbst Willen benutzt werden, sondern helfen, die Geschichten kreativer, umfassender und vielschichtiger zu erzählen.

Tipp  Der Journalist von heute und morgen

Wenn Fülle den Geist beschränkt

 Hier gibt es noch weiteren Lesestoff. Die zehn meist geklickten Einträge aller Zeiten unseres lab-Blogs:

  1. Breaking News – Eine Kurzanleitung
  2. Sinnvolle Social Media Guidelines
  3. Drohnenjournalismus
  4. Journalismus heute – die richtige Denke
  5. Video vs. Audio-Slideshow: Das Ende vom Anfang
  6. Links für Journalisten
  7. Was ist Creative Commons?
  8. Data Visualization – Mach die Daten schön
  9. Werde Multimedia-Journalist!
  10. Disruptive Storytelling plus 6 neue W

 

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Videojournalismus mit der Spiegelreflex: ein Praxisbericht

by Steffen Leidel on 15. Januar 2012

Das Filmen mit Spiegelreflex-Kameras ist längst keine abseitige Spielerei mehr. Wer bei Vimeo einfach mal das Schlagwort “DSLR” eingibt, wird auf eine riesige Zahl hochwertiger Videoproduktionen stoßen, die vornehmlich mit Kameras von Canon und Nikon (die Marktführer beim Filmen mit DSLR) gedreht wurden. Vimeo hat sogar seine eigene virtuelle Videoschool, in der DSLR-Guru und Filmemacher Philip Bloom die Grundlagen des Filmens mit Spiegelreflex erklärt. Ungezählt sind auch die Blogposts, die sich dem Thema widmen (Empfehlenswert ist beispielsweise der DSLR Newsshooter).

Die Beiträge zum Thema klingen häufig sehr euphorisch, manchmal hat man den Eindruck, die PR-Leute von Canon oder Nikon steckten dahinter. Beim Thema Ausrüstung verliert man auch schnell den Überblick, und es fällt schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer sich als Videojournalist mal die hochgetunte Ausrüstung des Kameramanns Matthew Allard anschaut, der für Al-Jazeera arbeitet, der wird sich fragen, ob das wirklich für die Praxis eines Videojournalisten taugt.

Kurz gesagt: man muss seine eigenen Erfahrungen sammeln. Ich will hier mal meinen ganz individuellen Workflow vorstellen, den ich für meine Canon 60D gefunden habe. Ich nutze sie fast ausschließlich für Videoproduktionen im Netz. Ich bin nach ziemlich viel herumprobieren inzwischen damit ganz zufrieden, auch wenn da sicher noch viel Luft nach oben ist. Ich glaube aber, dass man als VJ mit einer Spiegelreflex wie der 60D anständige Videoproduktionen hinbekommt, die sogar qualitativ höherwertig sein können als die Aufnahmen einer klassischen VJ-Kamera wie z.B. die Z7 von Sony.

Produktion für Webvideo-Reportage über afrikanische Migranten in Südspanien mit der Canon 60D


Für die “Tauglichkeitsprüfung” meiner 60D waren mir folgende Kriterien wichtig:

  1. Die Ausrüstung ist bezahlbar.
  2. Die Ausrüstung ist einfach zu bedienen.
  3. Das Equipment lässt sich gut auf Reisen transportieren.
  4. Die Konvertierung des Videomaterials für den Schnitt ist schnell und einfach.

Der Hauptgrund für den DSLR-Boom ist die kinoähnliche Optik, die man mit solchen Kameras hinbekommen kann. Sie bieten beim Spiel mit der Schärfentiefe große Freiräume. Außerdem kann man im Gegensatz zu einer klassischen VJ-Kamera schnell und einfach die Objektive wechseln (was man ja sonst nur mit einer superteuren Filmkamera machen kann). Die Kombination von Video und Foto in einem Gerät ist für mich persönlich das wichtigste Argument für die Nutzung der DSLR. Allerdings ist das Handling einer Spiegelreflex beim Filmen nicht so ganz trivial, wie die Werbung gerne suggeriert. Es gibt bei der 60D mehrere Hürden zu überwinden (diese Hürden treten auch bei anderen Modellen in ähnlicher Form auf).

Problem 1: der Ton

Die Kamera verfügt über ein internes Mikro und über einen externen Mikroanschluss für Miniklinke. Das Problem ist, dass der Ton nicht sauber aufgenommen wird. Die Kamera hat eine Automatik zum Aussteuern des Tons, die Automatic Gain Control AGC. Die Folge: Sitzt man z.B. in einem stillen Raum, dreht die AGC die Tonempfindlichkeit von alleine hoch und produziert ein störendes Rauschen. In den Settings kann man zwar inzwischen den Ton manuell pegeln, doch das AGC nicht abschalten. Das ist richtig Mist.

Ein weiteres großes Problem ist, dass man keinen Kopfhörer anschließen kann, um den eingehenden Ton zu prüfen. Problematisch können in stiller Umgebung auch die Eigengeräusche der Kamera beim Filmen sein, vor allem wenn über das interne Mikro oder ein externes Mikro, das über den Blitzschuh auf der Kamera festgemacht ist, aufgenommen wird.

Problem 2: das Scharfstellen

Der Autofokus funktioniert im Filmmodus nur ganz langsam, ist eigentlich unbrauchbar. Wer mit großer Blendenöffnung arbeitet, muss bei bewegten Objekten ständig die Schärfe nachziehen. Das gelingt bei Fotoobjektiven selten ruckelfrei. Ist es draußen sehr hell, z.B. bei Sonneneinstrahlung, fällt es schwer über das kleine Display scharf zustellen. Einer der Gründe, weshalb ich die 60D gekauft habe, ist ihr schwenkbares Display. Das ist eine klare Verbesserung, aber eben auch nicht das Goldene vom Ei.

Problem 3: das Handling allgemein

Die Ergonomie der Kamera ist für das Fotografieren gemacht. Filmt man ohne Rig oder Stativ ist man schnell dabei, die Aufnahme zu verwackeln.

Problem 4: der Schnitt

Die Canon zeichnet mit dem H264 Codec auf. Diese Aufnahmen können von Schnittprogrammen wie Final Cut nicht ruckelfrei bearbeitet werden. Sie müssen also erst gewandelt werden, was bei Aufnahmen in Full-HD sehr lange dauern kann.

Ein paar Lösungsvorschläge

Handling allgemein

Wie zu sehen, braucht man einiges an Zusatzzubehör, um die Kamera fit zu machen. Ein Kollege und Kameramann hat mir als Rig das “Norbert Sport” empfohlen. Damit bin ich sehr zufrieden. Es gibt Stabilität beim Filmen und es bietet zahlreiche Möglichkeiten über Blitzschuhe Sachen stabil dran zu schrauben. Die Kamera ist über eine Stativplatte eingespannt. Das ganze Rig lässt sich auch mit einer zusätzlichen Platte auf ein Stativ montieren. Das externe Aufnahmegerät Olympus LS-11 ist mit einem Gorillapod-Stativ befestigt. Eventuelle Stöße und ruckartige Bewegungen des Rig werden so abgefedert.

 

Scharfstellen

Das Scharfstellen geht mit dem Rig ganz gut. Dafür halte ich mit der rechten Hand das Rig und mit der Linken bediene ich den Schärfeeinstellring des Objektivs. Das geht einigermaßen, könnte aber besser sein. Es gibt verschiedene Anbieter, die entweder für sehr viel Geld (z.B. Chrosziel) oder auch zu erschwinglichen Preisen (z.B. Enjoyyourcamera.com) Schärfezieheinrichtungen anbieten. Ob das was taugt, dazu kann ich allerdings nichts sagen, da ich es noch nicht ausprobiert habe.

Der Ton

Man kann natürlich wie beim Film vorgehen und den Ton extern aufnehmen und später im Schnitt Bild und Ton synchronisieren. Das geht wunderbar, ist auf die Dauer aber auch etwas nervig. Ich nutze meist eine Kombilösung. In der Regel baue ich eine Funkstrecke mit dem EW 100 von Sennheiser. Bei Interviews nutze ich das Knopf-Mikro. Für andere Situationen verwende ich ein Sennheiser K6. Den Ton leite ich über den Mikrofon-Anschluss in mein externes Aufnahmegerät. Ich nutze das stabile und handliche Olympus LS-11. Von diesem Aufnahmegerät leite ich dann den Ton in die Kamera. Ich nutze dabei eine Weiche, um zumindest den Ton, den das externe Gerät aufnimmt, zu überprüfen. Mit der Kombilösung lässt sich der Ton, der in die Kamera geht, besser pegeln (weil das externe Gerät vorgeschaltet ist). Durch die zusätzliche Aufnahme mit dem LS-11 habe ich auch immer eine Sicherheitskopie vom Ton. Zugegeben: es klingt etwas umständlich gleichzeitig sowohl die Aufnahme der Kamera als auch des LS-11 zu starten. In der Praxis ist es aber gar nicht so schlimm.

Mit dieser Konstruktion ist aber noch längst nicht das Problem mit dem eingebauten AGC gelöst. Hier empfehle ich die Installation der von Filmemachern entwickelten Zusatz-Software Magic Lantern, die man sich auf die SD-Speicherkarte laden kann. Sie ermöglicht es, das AGC auszuschalten und den Ton mit zahlreichen Optionen manuell auszusteuern. Die Installation dieser fantastischen Software ist einfach. Magic Lantern bietet zudem zahlreiche Zusatzfunktionen (u.a. Timelapse, Zebra). Für mich ist Magic Lantern die beste Lösung des Tonproblems. Eine gleichwertige Alternativ sehe ich dazu derzeit noch nicht (z.B. finde ich die Beachtek-Lösung nicht zufriedenstellend, das Rauschen ließ sich bei meinen Tests nicht komplett eliminieren).

Der Schnitt

Für den Schnitt mit Final Cut 7 empfiehlt sich die Installation des EOS-Movie Plugin-E1 for Final Cut. Damit lässt sich das gesamte Material einfach umwandeln. Einfach das Plugin installieren und dann über “Loggen und Übertragen” das zu konvertierende Material auswählen.

Fazit: Die Canon 60D eignet sich als Kamera für Videojournalisten. Allerdings halte ich DSLRs für schnelle, tagesaktuelle Stücke weiterhin für eher ungeeignet. In der Hektik gibt es doch zu viele mögliche Fehlerquellen bei der Kameraführung und –einstellung. Eine DSLR eignet sich aber durchaus für Reportagen, wo man sich hier und da auch mal Zeit für die Kameraeinstellung nehmen kann. Wer auf stets geringe Schärfentiefe Wert legt, der sollte sich auf jeden Fall einen verstellbaren ND-Filter zulegen.

Für weitere Tipps und Erfahrungen zum Thema wäre ich dankbar!

Linktipps:

Beispielproduktion: Meine Reportage über afrikanische Migranten in Südspanien bei Vimeo

Das gesamte Special der DW gibt es hier. Dort gibt es auch eine Version des Videos mit Untertitel.

DSLR-Newsshooter: Fach-Blog über Filmen mit DSLR-Kameras, teilweise etwas sehr euphorisch, aber auf jeden Fall lehrreich. Hält über neustes Equipment auf dem Laufenden.

R73.net  Blog von Roman Mischel zu Videojournalismus, auch mit Tipps zum Filmen mit DSLR. Für mich das fundierteste deutschsprachige Blog zum Thema.

8 Reasons not to buy a DSLR for Video: der Artikel zeigt kurz und prägnant die Schwachstellen und Probleme beim Filmen mit Spiegelreflex.

Vimeo Video School Tutorials zu Videojournalismus

Cinema5D – Fach-Forum für DSLR-Filmer

Ausrüstung

Zacuto.com – Fachhändler aus den USA mit großer Auswahl für DSLR-Zubehör (recht teuer)

Enjoyyourcamera.com – Fachversand aus Deutschland

Chrosziel – Zubehör für DSLR-Kamera (hochwertig, aber teuer)

Schnittpunkt.de – Fachhändler für Kamerazubehör in Köln

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