Die Leser wollen Qualität, oder?

by Steffen Leidel on 12. August 2013

Ist Qualitaet gefragt Foto: Shira-Golding

In der Debatte um die Zukunft des Journalismus ist dieser Satz häufiger zu hören: „Damit wir überleben können, müssen wir Qualität liefern.“ Wir will da schon widersprechen. Doch wer genauer nachfragt, wird schnell feststellen, dass die Vorstellungen zu „Qualitätsjournalismus“ oft eher vage sind. Argumentiert wird vor allem mit Anekdoten und Bauchgefühl statt mit Studien und rationaler Erkenntnis. Hilft die Journalismusforschung da weiter? Interessante Einsichten zur Qualitätsfrage bietet in jedem Fall die aktuelle Studie  von Wolfgang Schweiger und Juliane Urban vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft der TU Illmenau. Die Forscher sind der Frage nachgegangen, ob Rezipienten die Qualität von Nachrichten überhaupt beurteilen können. Über die überraschenden Erkenntnisse und über den Qualitätsbegriff im Journalismus habe ich mich mit Wolfgang Schweiger unterhalten.

Inwiefern lässt sich Qualität im Journalismus aus wissenschaftlicher Sicht definieren?

Wir haben in Deutschland eine recht eigene Tradition der Qualitätsforschung im Journalismus. Wir gehen dabei vor allem von einem normativen Qualitätsbegriff aus. In Deutschland gibt es verfassungsrechtliche und gesellschaftliche Anforderungen an den Journalismus. Das ist eine Norm, aus der wir Qualitätsdimensionen ableiten. In den USA gibt es auch journalistische Qualitätsforschung, die geht aber mehr in Richtung Publikumsqualität, User Quality. Hier steht die Frage im Vordergrund, was halten Rezipienten in Nachrichten für Qualität? Da geht es um Dimensionen wie Unterhaltsamkeit, Kurzweiligkeit, Attraktivität eines Angebotes. Diese Dimensionen spielen im normativen deutschen Ansatz eine nachrangige Rolle.

Welche Qualitätsdimensionen unterscheidet man bei dem normativen Ansatz?

Das sind zum einen Vielfalt und Unparteilichkeit. Es geht also darum, Meinungen, Akteure und Themen vielfältig und ausgewogen darzustellen. Nachrichten sollen zum anderen relevant sein. Das heißt, sie sind aktuell und beantworten die W-Fragen. Außerdem sollen sie verständlich und sachgerecht, also richtig, genau und nachvollziehbar sein.

Das sind schon mal zwei sehr unterschiedliche Auffassungen von Qualität..

Wenn wir über Nachrichtenqualität sprechen, bewegen wir uns immer in gewisser Weise in einem Konfliktfeld. Wollen wir Nachrichten machen, die aus Nutzersicht attraktiv sind, oder wollen wir Qualität liefern, die dem gesellschaftlichen Auftrag des Journalismus gerecht wird?

Das heißt also, dass Nachrichten, die den Rezipienten gefallen, nicht unbedingt dem gesellschaftlichen Auftrag gerecht werden?

Je nach Medien und je nach Markt kommen da ganz unterschiedliche Ergebnisse heraus. Es gibt Studien, die zeigen, dass normative Qualitätsdimensionen und Publikumserfolg zusammenhängen. Nachrichten, die nach unserem normativen Verständnis qualitätsvoll sind, haben demnach auch größeren Erfolg beim Publikum. Dann gibt es aber auch Studien, die finden genau das, was wir aus kulturpessimistischer Sicht erwarten: Je spektakulärer und boulevardesker Nachrichten sind, umso besser kommen sie beim Publikum an. Ich würde ihnen gerne eine klare Antwort geben: Das Publikum will Qualität oder es will keine Qualität. Nur diese Antwort gibt es nicht.

Was unterscheidet Ihre Studie von anderen?

Wolfgang SchweigerDie meisten Studien haben bislang vor allem die allgemeine Qualitätswahrnehmung von Medienmarken thematisiert. Das hat jedoch nicht die Frage beantwortet, ob Mediennutzer wirklich die Qualität einzelner Beiträge beurteilen können. Wenn sie in Deutschland Bürger fragen, wie gut sie die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel oder die Tagesschau finden, dann werden alle sagen, dass es Qualitätsmedien sind. Das ist eine klassische, sozial erwünschte Antwort. Wir haben in der empirischen Sozialforschung oft das Problem, dass Befragte etwas antworten, das sie für sozial opportun halten. Wir wollten aber herausfinden, ob die Bürger wirklich in der Lage sind, die Qualität eines einzelnen Beitrags zu beurteilen, unabhängig vom Medienimage.

Wie sind sie vorgegangen?

Wir haben das als klassisches Experiment umgesetzt: Der einen Hälfte der Studienteilnehmer wurde ein Beitrag vorgelegt, der besonders gut gemacht war, und der anderen Hälfte ein besonders schlechter. Dann haben wir die Qualitätsbewertungen der Befragten verglichen.

Und was kam dann raus?

Unser Ausgangspunkt war, dass die Rezipienten eigentlich gar keine Idee von guten Nachrichten haben. Und tatsächlich haben wir herausgefunden, dass die Rezipienten Qualität nur sehr begrenzt beurteilen können. Die allergrößte Überraschung für uns war jedoch, dass die Fähigkeit, die Qualität einer Nachricht zu beurteilen, bei allen Mediennutzern in etwa gleich ausgeprägt ist, unabhängig vom Bildungsgrad, Medienkompetenz und dem Alter. Da war ich wirklich perplex. Wir hatten eigentlich einen starken Bildungs- und Medienkompetenzeffekt erwartet.

Was folgern Sie daraus?

Ich interpretiere das so, dass normale Bürger bis hin zu Hochschulabsolventen, im Gegensatz zu einem ausgebildeten Journalisten nicht das Instrumentarium im Kopf haben, um journalistische Qualität zu beurteilen. Das ist für den normalen Menschen relativ weit weg.

Und was heißt das jetzt für Medien: Ist das eine gute oder schlechte Nachricht für sie?

Das ist die kritische Frage. Auf den ersten Blick könnte man für Medienunternehmen daraus ableiten, dass das Publikum Einsparungen im Journalismus und damit verbundene Qualitätseinbußen nicht bemerkt. Das ist aber zu kurz gegriffen. Denn tatsächlich bestätigen unsere Daten wieder einmal, wie wichtig das Image einer Medienmarke für das Vertrauen des Publikums in deren Nachrichten ist. Das heißt: Kurzfristig bemerken Mediennutzer einen Qualitätsrückgang wohl nicht. Wenn sie es aber einmal bemerken, leidet mittel- und langfristig das Markenimage darunter. Die Folge können schmerzhafte Auflageneinbrüche sein. Darum kann man Medienunternehmen nur raten, nicht an ihrem wichtigsten Kapital herumzuspielen: dem Vertrauen des Publikums in ihre Medienmarken.

Linktipp: Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie kann man hier abrufen

Foto oben: Bestimmte Rechte vorbehalten von Shira Golding

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“Wir brauchen mehr Crossborder Journalism”

by Steffen Leidel on 25. Juni 2013

Innovation im Journalismus bringt schon mal althergebrachte Sprichwörter ins Wanken. Das glaubt die investigative Journalistin Giannina Segnini der Tageszeitung La Nación in Costa Rica.  Der Spruch „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“ gelte im Zeitalter des Datenjournalismus nicht mehr, sagt Segnini, die zu den führenden Datenjournalistinnen weltweit gezählt wird. Datenjournalismus ermögliche heute mehrere Perspektiven auf investigative Geschichten, sagte die Journalistin auf dem diesjährigen Global Media Forum der Deutschen Welle. Er helfe zum einen das große Ganze eines Themas zu erkennen (Wald), aber gleichzeitig auch bis ins kleinste Detail eines Themas einzutauchen (Bäume). Vor drei Jahren engagierte Segnini Programmierer für ihr investigatives Team. Seitdem hat die Zeitung mehrfach mit ihren Enthüllungen auf der Basis der Analyse von Datenbanken die Mächtigen ihres Landes in Bedrängnis gebracht.

Viel Aufmerksamkeit erhielt das Team von La Nación für seine jüngste Arbeit. Es programmierte im Auftrag des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) eine Web-Applikation, über die jetzt für jedermann große Teile der so genannten Offshore Leaks Daten zugänglich sind.

Dem Netzwerk ICIJ war eine Festplatte mit gut 2,5 Millionen Datensätzen zugespielt worden. Über Monate hatten rund 100 Journalisten aus 58 Ländern gemeinsam die Daten über die dubiose Welt der Steueroasen ausgewertet. In der jetzt öffentlichen Datenbank können die Nutzer Geschäftsverflechtungen von mehr als 100.000 Treuhandgesellschaften, Stiftungen und Firmen in Steueroasen visualisieren. Bei der Aufbereitung der Datenbank kamen sich Segnini und ihr Team vor wie Restauratoren, die ein schwerbeschädigtes Kunstwerk wiederherzustellen hatten. Die Datenbank war ziemlich chaotisch, viele Namen kamen mehrfach vor, es gab unzählige Abkürzungen, Rechtschreibfehler und rund 320 Tabellen, die miteinander in Beziehung gesetzt werden mussten.

Gianinna, die Recherche im Fall Offshore Leaks hat gezeigt, dass ein einzelnes Medium mit der Analyse eines solch komplexen Datensatzes völlig überfordert gewesen wäre. Brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit unter Journalisten?

Auf jeden Fall. Crossborder Journalism ist wichtiger als je zuvor. Die Wirtschaft ist globalisiert, die organisierte Kriminalität ist globalisiert. Also sollte der Journalismus das auch tun. Offshore Leaks hat gezeigt, dass aus der Zusammenarbeit von mehr als 50 Journalisten-Teams sehr aufschlussreiche Dinge ans Licht gekommen sind.

Die Abstimmung untereinander war sicher nicht einfach..

Sicher, es war schwierig, alles zeitlich zu koordinieren und die Vorgehensweisen waren auch von Ort zu Ort unterschiedlich. Aber es hat funktioniert und wird auch weiter funktionieren.

Was könnte man noch verbessern?

Wir bräuchten eine sichere Plattform, über die Journalisten Datenbanken austauschen und abgleichen können. Das ist etwas, was ich schon an eine Reihe von Organisationen herangetragen habe. Eine Art soziales Netzwerk für Datenbanken. Es wäre toll, wenn ich einen Alert bekommen würde, wenn beispielsweise ein Kollege in Südafrika einen Eintrag hat, der mit meinem Datensatz übereinstimmt.

Was soll die von Euch gebaute Datenbank zu dem Offshore-Leaks Fall bewirken?

Ab jetzt sind die Daten nicht mehr nur für Journalisten zugänglich, sondern sie sind nun im Besitz der Weltöffentlichkeit. Die Daten sind für jeden zugänglich und jeder kann nun neue Verflechtungen offenlegen, die wir Journalisten vielleicht übersehen haben.

Die Offenlegung des Materials im Internet ist vor allem unter deutschen Kollegen nicht unumstritten. So befürchten Redakteure der Süddeutschen Zeitung, die in Deutschland maßgeblich an den Offshore-Leaks Recherchen beteiligt waren, dass Personen vorverurteilt werden können, deren Namen in der Datenbank auftauchen, die aber nichts Unrechtes getan haben.…

In jedem Land ist die Gesetzgebung zum Umgang mit Daten unterschiedlich. In Deutschland ist sie sehr restriktiv und es gibt eine Kultur des Datenschutzes. Die veröffentlichen Daten enthalten aber keine sensiblen Informationen. Es gibt Information über Unternehmen und seine Repräsentanten. Alle sensiblen Daten wie zum Beispiel Passnummern oder Kontonummern haben wir entfernt. Was sie finden können, ist Information, die fast überall auf der Welt öffentlich ist.

Der Offshore-Leaks-Fall hat gezeigt, dass die Daten nur mit Hilfe von Computerspezialisten  aufbereitet werden konnten. Müssen sich Journalisten der Welt der Entwickler mehr öffnen?

Man kann Journalisten dazu natürlich nicht zwingen. Es geht vor allem um Haltung. Jeder Journalist, der sich damit beschäftigen will, sollte Schritt für Schritt seine eigenen Kenntnisse erweitern können. Allerdings ist es heute immer notwendig, dass man in einer Redaktion mindestens einen Entwickler pro 10 Journalisten hat. Eine Medienorganisation, die das nicht tut, wird mit dem Fortschritt in anderen Medien nicht Schritt halten können.

Es gibt ja eine sehr interessante Entwicklerszene weltweit. Wäre das nicht eine gute Quelle für Redaktionen?

Auf jeden Fall. Wir müssen mit dieser anderen Welt, die normalerweise vom Journalismus klar getrennt ist, in Kontakt treten. Wenn Journalisten auf Programmierer treffen, entstehen unglaublich tolle Dinge. Es gibt inzwischen ja viele Initiativen. Die Hack Hackers Treffen sind ein gutes Beispiel, bei denen Journalisten, Designer und Programmierer zusammen kommen.

Hier gibt es die komplette Panel-Diskussion zum Anhören

Aber sind denn wirklich genug Journalisten davon überzeugt, dass sie das tun sollten?

Sicher nicht alle, weil viele auch schlicht nicht wollen. Man muss dann halt mit denen arbeiten, die das wollen. Es geht vor allem darum, die Angst vor dem Thema zu verlieren. Es gibt vielleicht einfach zu viele, die sich davon einschüchtern lassen. Die Entwickler, mit denen ich zusammenarbeite, sagen oft Sachen, die ich nicht verstehe. Dann bitte ich sie einfach, mir zu erklären, was sie meinen. Das gehört zur Teamarbeit. Es geht dabei nicht darum, dass aus Journalisten Programmierer werden. Das ist meines Erachtens nicht der Weg, den wir gehen müssen.

Hast Du das Gefühl, dass Eure Leser die Arbeit schätzen, die ihr macht?

Die Magie liegt in der Einfachheit. Ich glaube nicht an diese extrem komplexen Visualisierungen. Wir suchen immer die einfachste Form, die Geschichte darzustellen, die wir erzählen wollen. Gleichzeitig geben wir den – wenigen – Leuten, die das wollen, die Möglichkeit, dass sie die Daten herunterladen können, um damit ihre eigenen Analysen und Visualisierungen zu erstellen. Aber was die meisten Leute wirklich wollen, ist dass du ihnen eine Geschichte erzählst. Sie wollen auf keinem Datenmeer herumsegeln ohne zu wissen, wohin. Deshalb ist es ja gerade so wichtig, dass wir Journalisten wissen, wie wir das Wichtigste aus den Daten herausfiltern können.

Das Gespräch  habe ich auf dem Global Media Forum geführt, wo Giannina Segnini an dem von Intajour und der DW Akademie organisierten Panel zu Datenjournalismus teilnahm.

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Wie digitale Forensiker Fotomanipulationen aufdecken

by Steffen Leidel on 22. April 2013

Militärs und Diktatoren haben sich in der Geschichte der Fotomanipulation immer wieder auf unrühmliche Weise hervorgetan. Mal wurden Triumphe nachgestellt, unliebsame Gegner aus dem Bild retouchiert oder man erhöhte mit optischen Tricks die militärische Schlagkraft. Jüngstes Beispiel ist das Foto eines Manövers des nordkoreanischen Militärs. Zu sehen ist die Landung mehrerer Luftkissenboote. Doch offenbar waren nicht alle echt, schreibt Alan Taylor in The Atlantic. Jemand hat wohl mit dem Kopierstempel-Tool  ihre Anzahl erhöht. Es wäre nicht der erste Fall optischer Aufrüstung.  Ein Foto zu fälschen, ist heute kinderleicht. Auch wenn viele Fake-Fotos eher dilettantisch gemacht sind – wie das Foto aus Nordkorea – bietet die digitale Fotografie unzählige Tools und Apps, mit denen selbst Amateure mit etwas Geschick beinahe perfekt Fotos manipulieren können. Das stellt gerade Medienorganisationen vor ein Problem, die bei News-Ereignissen immer häufiger auf Bilder zurückgreifen, die über soziale Netzwerke verbreitet werden. Doch auch Profi-Fotografen und Redakteure haben wiederholt der Versuchung nicht widerstehen können, ihre Fotos via Photoshop aufzuhübschen oder diese zu retouchieren, wie nach dem Anschlag in Boston.

Wie kann sicher gestellt werden, dass ein Foto nicht verfälscht worden ist? Nicht immer reicht ein geschulter Blick. Bei besonders schweren Fällen kommen Leute wie Hany Farid ins Spiel. Er ist ein „Digital image Forensic“ und berät Medienorganisationen wie AP oder Reuters, wenn die die Echtheit von News-Photos überprüfen wollen. Um ihn auszutricksen, müssen sich Fälscher einiges einfallen lassen. Neben seiner Tätigkeit als Professor am Dartmouth College hat er im Silicon Valley das Start-up FourandSix mitbegründet.  Er hat eine in Photoshop integrierbare Software mitentwickelt, die überprüft, ob ein Photo bereits bearbeitet worden ist oder nicht. Das ist technisch hoch anspruchvoll, da unzählige Parameter ausgewertet werden. Einen 100prozentigen Schutz vor Fake-Photos werde es aber nie geben, sagt er im Interview.

Das digitale Zeitalter hat unzählige Möglichkeiten der Bildbearbeitung gebracht. Bildmanipulationen können heute von jedermann gemacht werden. Ist das das Ende des Vertrauens in die News-Fotografie?

Bilder werden schon seit dem 19. Jahrhundert manipuliert. Auf unserer Web-Site finden Sie historische Beispiele dokumentiert in unserem Special  “Photo Tempering throughout History”. Aber Sie weisen zu recht darauf hin, dass heutzutage jeder mit seinem Laptop, Tablet oder Smartphone mit sehr ausgefeilten Werkzeugen Fotos editieren kann. Die Bildbearbeitung hat sich quasi demokratisiert. Ob das das Ende des Vertrauens in Fotos bedeutet, ist eine gute Frage. Es bedeutet auf jeden Fall, dass wir unser Verhältnis zur Fotografie verändern müssen. Bislang haben wir Fotos so verstanden, dass sie Ereignisse aufzeichnen. Auch wenn es Manipulationen schon vorher gab, haben wir Fotos recht wenig Skepsis entgegengebracht. Heute sollten wir skeptischer sein. Wir sollten vor allem einige Fragen stellen. Eine Form, dies zu tun, ist die Arbeit, die wir als Digital Forensics tun. Oder man beschränkt sich nicht auf einzelne Fotos eines Ereignisses. Das Tolle an der Tatsache, dass heute jeder eine Kamera hat, ist ja, das wir bei Breaking News häufig Tausende Fotos eines Ereignisses haben. Ein Weg, wieder mehr Vertrauen aufzubauen, ist, Redundanz im System zu nutzen.

Über ihr Unternehmen Fourandsix  vertreiben Sie die Software Fourmatch. Was kann die leisten?

Es handelt sich um eine einfache forensische Technik, die prüft, ob ich es mit einem Foto zu tun habe, das direkt aus der Kamera kommt oder das bereits in irgendeiner Form verändert wurde: Wurde es bereits in eine Photo-Management-Software geladen, über soziale Netzwerke verbreitet oder mit einem Bildbearbeitungs-Programm bearbeitet? Jede Kamera erzeugt immer ein ihr eigenes Jpeg-Profil. Wenn irgendeine Software oder ein Online-Dienst damit in Berührung kommt, dann ändert sich dieses Profil.

Die Software kann also mehr als exif-Daten (Metadaten in digitalen Bildern) auslesen?

Die exif-Datei enthält ein paar Informationen über das Kameramodell, sie sagt zum Beispiel, mit welcher Brennweite das Foto aufgenommen und ob der Blitz ausgelöst wurde. Enthalten sind Uhrzeit und Datum und je nach Modell auch die GPS-Daten. Das Problem mit diesen Daten ist nur, dass sie auch nach einer Bearbeitung sehr einfach dem Bild hinzugefügt werden können. Ich spreche davon, wie eine Jpeg-Datei gespeichert wird. Es geht hier um Hunderte von Voreinstellungen – von Design bis hin zur Kompression – die von den Entwicklern festgelegt worden sind und die bei jedem Kameramodell anders sind. Das zu beeinflussen, ist für „normale“ Leute kaum möglich.

Inwiefern ist das für Journalisten bei der Überprüfung von Photos nützlich?

Sie können überprüfen, ob ein Bild, das sie von einem Bürgerjournalisten oder Fotografen bekommen haben, direkt aus der Kamera kommt oder nicht. Das ist natürlich ein sehr strenges Kriterium. Es reicht, dass sie ein Bild in iPhoto öffnen und dann exportieren, so dass es seine Charakteristiken als Originalphoto verliert. Das bedeutet ja noch nicht, dass sein Inhalt manipuliert wurde. Sie können bei Bildern den Kontrast oder die Helligkeit verändern, ohne dass der Inhalt sich verändert. Was ich Organisationen wie AP oder Reuters empfehle ist: Lasst Euch von Euren Fotografen auch immer das Originalfoto schicken. Das kann man mit dem bearbeiteten Foto vergleichen und selber entscheiden: Ist es korrekt beschnitten, sind die Farb- oder Kontrastanpassungen im Rahmen.  Wenn die Leute wissen, dass sie das Originalfoto mitschicken müssen, werden sie sich bei der Bearbeitung zurückhalten.

Aber wo würden Sie die Grenze zur unerlaubten Bildbearbeitung ziehen. Es gab jüngst um den Gewinner des Worldpress Photo Awards eine Diskussion, ob das Photo zu stark bearbeitet war? 

Was ist eine Manipulation? Das ist eine interessante Frage. Wenn sie etwas aus einem Foto heraus retouchieren oder eine Person oder Objekt hinzufügen, ist das eine klare Manipulation. Aber man muss da differenzieren. Es kommt auf den Kontext an. Wenn sie für ein Modemagazin arbeiten und auf einem Bild etwas im Hintergrund stört, können sie das entfernen, ohne dass sich jemand darüber beklagen wird. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Vor einigen Jahren veröffentlichte das Time Magazine auf der Titelseite ein Foto von OJ Simpson, als dieser wegen Mordes angeklagt war. Der Kontrast war stark erhöht, was zur Folge hatte, dass OJ Simpson besonders dunkel und ernst rüber kam. Das brachte dem Magazin den Vorwurf des Rassismus ein.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine simple Bildbearbeitung wie das Anheben des Kontrastes in einem bestimmten Kontext von enormer Bedeutung sein kann. Das Gleiche gilt für die Kriegsfotografie. Sie müssen nur den Kontrast von Rauch und Feuer anheben, um eine Situation gleich viel bedrohlicher erscheinen zu lassen. In anderen Fällen hat die Kontrastanpassung keine Bedeutung für die Bildaussage. Die Entscheidung, ob eine Bearbeitung angemessen ist oder nicht, ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Der Kontext entscheidet.

 

 

Die New York Times hat kürzlich auf ihrer Titelseite ein Instagram-Foto veröffentlicht. Und es gab mehrere Reportagen mit Bildern, die mit der Hipstamtic-App aufgenommen wurden. Manche sagen, das sei kein wahrhaftiger Fotojournalismus..

Wie gesagt: Der Kontext entscheidet. Tatsache ist, dass die Möglichkeiten, was diese Apps mit Bildern anstellen können, ziemlich beschränkt sind. Insofern sind Instagram und Hipstamatic qualitativ gesehen auch nicht viel anders als eine Kamera. Eine Kamera nimmt Ereignisse der physischen Welt ja auch nicht perfekt auf. Es handelt sich immer um Transformationen der Realität. Sie schärfen das Bild, passen den Kontrast an, etc. Kameras nehmen eine ganze Reihe von digitalen Anpassungen an einem Bild vor. In vielen Fällen sind die nicht ganz so extrem wie bei Instagram oder Hipstamatic. Es ist also eine Frage des Ausmaßes und nicht eine Frage nach ja oder nein.

Die Nachrichtenagentur AP hat als Regel: Keine Filter. Ist das eine mögliche Lösung für den Umgang mit solchen Apps?

 

Das ist sicher eine durchdachte Richtlinie. Was wir beobachten können, ist, dass viele der ausgefeilten Bildbearbeitungstechniken aus Photoshop sich zunehmend in Foto-Apps wiederfinden. Das wird irgendwann vielleicht auch vollautomatisch ausgeführt. Das führt zu einer anderen Frage: Was heißt es überhaupt, ein Foto zu machen? Auf Smartphones können sie mehrere Fotos aufnehmen und die dann automatisch zu einem Panoramabild zusammenfügen. Das ist ein Bild, das die Kamera für sie macht. Nicht sie haben das Bild gemacht. Das ist zwar nur eine leichte Manipulation, aber es ist eine. Die Dinge sind kompliziert. Sie können sagen: Keine Filter. Das ist ok, andererseits müssen wir auch ein bisschen unserer Zeit voraus denken.

Gibt es die perfekte Manipulation, die auch sie nicht aufdecken können?

Ja, aber ich werde ihnen nicht verraten, wie das geht. Eine Fälschung, die ziemlich gut gemacht war, ist ein Foto von US-Vizepräsident Joe Biden beim Autowaschen. Die war unglaublich gut, aber wir konnten Ungereimtheiten in den Weißtönen entdecken. Unsere Technologie kann sicher nicht jede Manipulation auf dieser Welt aufdecken. Das verhält sich ein wenig so wie beiden Themen Spam und Antispam, Virus und Antivirus. Es wird immer jemanden geben – und da zähle ich mich dazu – der in der Lage ist, Fakes zu kreieren, die so gut wie nicht aufzudecken sind. Das liegt in der Natur des Geschäftes, in dem wir tätig sind.

Hany Farids Profilseite beim Dartmouth College

Sehr zu empfehlen ist das Blog von Hany Farid und seinen Kollegen über Photomanipulationen 

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